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14 Hoffnungen für 2014

Viele junge Europäer glauben trotz der Krisen weiter an die europäische Idee. 14 von ihnen, aus dem Team der europäischen Online-Plattform „Meeting Halfway“, teilen ihre Hoffnungen und Erwartungen für Europa im Jahr 2014.

Von Maria-Xenia Hardt

hopes2014featuredVor einem Jahr war es kaum mehr als ein verrückter Gedanke, eine kleine Utopie: die Idee, ein europaweites Onlinemagazin zu erschaffen, auf dem Geschichten aus allen Ecken des Kontinents veröffentlicht werden, in so vielen Sprachen wie möglich. Inzwischen ist mein einstiges Hirngespinst unter dem Namen „Meeting Halfway“ seit mehr als vier Monaten online. Über 200 Europäer einer Generation, der alles nachgesagt wird, nur kein Interesse am europäischen Projekt ihrer Großeltern, haben größere und kleinere Teile zum Gelingen des Projekts beigetragen. Zu Beginn des neuen Jahres habe ich in meinem Team Hoffnungen und Erwartungen für Europa Anno 2014 gesammelt.

Herausgekommen ist sicherlich keine repräsentative Umfrage – denn uns alle eint ja von vorneherein der Glaube an ein gemeinsames Europa -, sondern vielmehr ein Antidepressivum in Zeiten der Dauerbeschallung mit Negativnachrichten, und somit auch ein Schritt auf dem Weg zur Erfüllung meiner eigenen, größten Hoffnung für Europa 2014: Dass wir es schaffen, abseits der Berichte über Krisen und Zerwürfnisse und Zweifel auch andere Geschichten über Europa zu erzählen: Geschichten über gegenseitiges Verständnis, über Freundschaft, über gemeinsame Projekte junger Menschen, deren Glaube an die europäische Idee so viel größer ist, als man ihnen für gewöhnlich zurechnet.

 

Alessia Carlozzo
Alessia Carlozzo

Alessia Carlozzo, 27, Italienerin, lebt in Rom, Italien

Ich hoffe, dass sich die Menschen in Europa neu in die Idee der Europäischen Union verlieben. Gerade fühle ich mich, als seien Europa und seine Bürger ein Ehepaar, das sich entfremdet hat. Neugier und Leidenschaft sind einem Gefühl von Distanz gewichen, das Beziehungen beschädigt. Diesen Mai müssen wir den allerersten Moment wieder entdecken. Ich hoffe, dass das Europäische Parlament und die Regierungen der Mitgliedsstaaten stark genug sein werden, die gegenwärtige ökonomische Krise und ihre Herausforderungen zu meistern, um neue Möglichkeiten zu schaffen. Denn wir verdienen keinen Ort, wo Jugendarbeitslosigkeit auf dem Höchststand ist, die Chancen aber gering sind, einen festen Job zu finden, eine erfolgreiche Karriere zu starten, oder sich vielleicht ohne dieses Gefühl der Unsicherheit zu verlieben.

 

Anastasia Karouti
Anastasia Karouti

 

Anastasia Karouti, 25, Griechin, lebt in Bukarest, Rumänien

Dieses Jahr, so hoffe ich, wird Gleichheit herrschen. Ich will, dass die Menschen verstehen, dass Hautfarbe, soziale und ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, Bildung, Religion, was auch immer nicht zählen. Ich hoffe, dass die Menschen kämpfen werden, um für ihre Rechte aufzustehen und Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen, um die Welt um sie herum zu verbessern. Ich hoffe, dass wir, als Menschen, anfangen, politisch und gesellschaftlich aktive, umweltfreundliche Wesen zu werden, die einander lieben und akzeptieren.

 

 

 

Asma Ghali
Asma Ghali

Asma Ghali, 22, Tunesierin, lebt in Brossard, Kanada (zieht 2014 nach Lund, Schweden)

Selbst wenn ich noch nie länger als einen Monat in einem europäischen Land gelebt habe, war ich schon immer fasziniert von Europa. Meine Großmutter ist Französin. Sie erzählte mir Geschichten über Frankreich und wie es einmal war. Ich hoffe, dass mit den anstehenden Wahlen Europa nicht nur ein Ort wird, an dem jede und jeder seine Freiheit genießt, sondern auch ein Ort, an dem man Gerechtigkeit, Beschäftigung und gegenseitiges Verständnis finden kann. Ich hoffe, eine andere Seite von Europa zu sehen! Ich hoffe, weniger über Regionalismus und Rassismus zu hören. Das Team von “Meeting Halfway” agieren und reagieren zu sehen zeigt mir eine bessere Zukunft. Ich glaube, dass eine neue Vision von Europa, die Union, ein Land von Frieden und Gerechtigkeit entstehen wird.

 

Eva Lalkovičová
Eva Lalkovičová

Eva Lalkovičová, 22, Slowakin, lebt in Brünn, Tschechien

Mein “europäischer” Wunsch ist in Wahrheit meinem liebenswerten Heimatland, der Slowakei gewidmet. Ich hoffe, dass mein Land in diesem Jahr nicht nur älter, sondern auch weiser wird. Ich hoffe, dass es keinen Raum mehr gibt für Nationalismus, Extremismus, Rassismus und all das, was unsere Gesellschaft spaltet. Ich hoffe, dass die Menschen in der Slowakei die wichtige Entscheidung treffen werden, bei der anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament ihre Stimme abzugeben. Ich hoffe, dass unsere Generation auf der Suche nach einer besseren Zukunft nicht das Land verlassen muss. Ich hoffe, dass ich vielleicht eines Tages stolz darauf sein kann, zu sagen, dass ich aus der Slowakei bin.

 

Francesca Anelli
Francesca Anelli

Francesca Anelli, 24, Italienerin, lebt in Messina, Italien

Ich hoffe, dass nächstes Jahr Europäer endlich anfangen, sich als solche zu begreifen. Während Menschen in der Ukraine dafür kämpfen, ein Teil Europas zu werden, wollen mehr und mehr derjenigen, die schon in der Union sind, sich aus dem Euro und der EU zurückziehen. Die Politik hat bei der Suche nach effektiven Lösungen für die Probleme der Eurozone versagt, das stimmt. Aber das Projekt EU ist weiterhin unser Vertrauen wert. Insbesondere wir Italiener sollten lernen, dass einfache Fragen nicht immer einfache Antworten haben. Einfache Antworten stellen sich im Gegenteil oft als irreführend und gefährlich heraus. Ich hoffe also, dass die Menschen sich 2014 auf die komplexe Realität Europas einlassen, denn Komplexität ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes. Im Mai sollten wir das im Hinterkopf behalten.

 

J. Ignacio Urquijo Sánchez
J. Ignacio Urquijo Sánchez

J. Ignacio Urquijo Sánchez, 25, Spanier, lebt in Berlin, Deutschland

Dies ist ein entscheidender Moment für Europa. Jetzt ist die Zeit, uns zu entscheiden, wie wir die Krise lösen wollen. Ob wir die Situation jeder für sich verbessern oder die Krise gemeinsam bekämpfen wollen. Ich hoffe, dass Europa – und damit meine ich die Politiker, aber auch insbesondere die Bürger des Kontinents – einsehen wird, dass wir nur gemeinsam etwas Gutes für die Zukunft schaffen können. Uns nur um unsere eigenen Länder zu kümmern, wäre vermutlich die schnellere Lösung, aber langfristig wäre jede Region allein schlechter dran. Ich hoffe, dass die Europäische Union auch verstehen wird, dass die gegenwärtige Einwanderungspolitik nicht funktioniert, weil sie Mauern errichtet, anstatt die Situation zu verbessern.

 

Miriam Vázquez
Miriam Vázquez

Miriam Vázquez, 19, Spanierin, lebt in Barcelona, Spanien

Ich hoffe, dass Europa sich dieses Jahr zum Besseren verändert: Ich hoffe, dass Bürger, Politiker und Arbeitgeber an die Menschen ebenso wie an sich selbst denken. Ich hoffe, dass alte Konflikte zwischen Ländern durch Debatten gelöst werden, die alle Standpunkte, nicht nur die der Mächtigen, in Betracht ziehen. Ich hoffe, dass Worte wie Hunger, Hilflosigkeit, Arbeitslosigkeit und Frustration aussterben. Ich hoffe auf eine Utopie, die schwierig zu erreichen ist, aber ich glaube, dass es möglich sein könnte.

 

Mónica Garcia Sanchis
Mónica Garcia Sanchis

Monica Garcia Sanchis, 22, Spanierin, lebt in Valencia, Spanien

Dieses Jahr möchte ich, dass die Europäische Union begreift, was die Prioritäten der Menschen sind. Ich möchte, dass unsere Politiker und andere Mächtige in der Lage sind, sich zusammenzusetzen und ehrlich zu diskutieren, was wir brauchen, die Wichtigkeit von Menschenrechten, die Nutzlosigkeit der Börse, die Macht, die wir den Finanzmärkten gegeben haben und die Notwendigkeit, die Grundfesten unserer Demokratien zu verändern. Viele junge Menschen fühlen sich von den Mächtigen nicht repräsentiert. Wir müssen dieses Gefühl verändern, und Menschen in hohen Positionen müssen verstehen, dass ihre Perspektive nicht die einzig relevante ist. Ich wünsche mir, dass niemand irgendwo als Migrant angesehen wird. Wir brauchen Freiheit für Individuen, ebenso groß wie die Freiheit der Kapitalströme. Es wäre gut, wenn die Europäische Union verstünde, dass es nicht schlecht ist, eine Soft Power zu sein und, dass wir, die normalen Leute, nicht die Besten in irgendetwas sein müssen. Ich möchte unseren Sozialstaat zurück und ich wünschte mir, wir alle könnten uns vereint für unsere Rechte einsetzen.

 

Nurdan Düzgün
Nurdan Düzgün

Nurdan Düzgün, 22, Türkin, lebt in Eskişehir, Türkei,

Ich hoffe, dass dieses Jahr das Schlechte des vergangenen Jahres vergessen macht. Unglücklicherweise hatten wir in gewissem Sinne schwierige Zeiten. Ich hoffe, dass 2014 uns die Kraft gibt, die politischen Fehler, die Fragen der Arbeitslosigkeit, Naturkatastrophen und die verzweifelte Atmosphäre in den Ländern zu überstehen. Ich hoffe, dass dieses Jahr Rassismus und Vorurteile enden. Europa ist unsere Heimat und wir sind es, die es zu einem besseren Ort zum Leben machen können. Lasst uns unsere Wünsche wahr machen; gemeinsam! Natürlich habe ich auch Wünsche für mich selbst. Ich möchte meinen Abschluss machen. Ich würde gerne ganz Europa besuchen und hoffentlich fange ich dieses Jahr endlich mit Italien an.

 

Paula Nutas
Paula Nutas

Paula Nutas, 22, Rumänin, lebt in Cluj-Napoca, Rumänien

Ich wünsche mir, Menschen zu sehen, die die Welt verändern wollen. Ich wünsche mir, Menschen zu sehen, die ihre Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit überkommen, die es wagen, zu kämpfen und bereit sind, Risiken für das einzugehen, was sie wollen. Die rumänischen Proteste gegen das Rosia Montana-Projekt zeigen mir, wie Europäer zusammenarbeiten und gemeinsam für eine Sache aufstehen können. Danke für diese Erfahrung und bitte, Europäer, macht weiter euer Ding, denn ihr macht es gut! Wartet nicht, bis andere vortreten. Steht auf und andere werden euch folgen!

 

 

 

Tamara Bilbija
Tamara Bilbija

Tamara Bilbija, 25, Serbin, lebt in Azores, Portugal

Ich hoffe, wir werden mehr darüber sprechen, was uns eint als darüber, was uns unterscheidet. Ich hoffe, wir werden aufhören, von der Krise zu reden und dankbar für das sein, was wir haben. Seid zufrieden damit, wie weit wir gekommen sind und mit dem Leben, das wir gewählt haben.

Und von Europa und denen ‘dort oben’, die das hier wahrscheinlich nicht lesen, wollen wir eine bessere Einwanderungspolitik! Dringend! Wir wollen Institutionen, die für und nicht gegen uns arbeiten, gleiche Chancen und keine “Drittstaatsangehörigen”.

 

Tatevik Vardanyan
Tatevik Vardanyan

Tatevik Vardanyan, 25, Armenierin, lebt in Yerevan, Armenien

Letztes Jahr war ein Jahr vielfältiger Entäuschungen für die Menschen in Armenien, aber ein Jahr mit kleinen Erfolgen, die Hoffnung brachten.

Ich will mir wünschen, dass 2014 ein demokratischeres Land, ein Land frei von Gewalt, ein Land mit bindenden Gesetzen, ein Land mit fairen Wahlen und ein Land mit offen Grenzen bringt, das sich an Europa annähert.

Aber vor all diesen Wünschen ist mein größter Wunsch, Frieden für mein Land, für die Dörfer an der Grenze und die jungen Soldaten an der Front.

 

 

 

 

Tom Toelle
Tom Toelle

Tom Toelle, 26, Deutscher, lebt in Princeton, USA

Ich hoffe, dass Europäer weiterhin ihre eigene Welt der Liebe, der Briefe, ihre Welt der Reisen, der Arbeit und Familie, eine Welt der Tränen und Gedichte und des Lachens erschaffen. Ich hoffe, dass sie ihre Stimme nicht einfach alle fünf Jahre einem Lokalpolitker mit lokalen Versprechen geben.

Es ist mir unbegreiflich, wie weit wir gemeinsam gekommen sind. Kürzlich schickte mir ein Familienmitglied, das heute in Kanada lebt, ein Bild. Es ist ein Foto der Familie meiner Großmutter von 1959. „Abschied aus Liebling, Rumänien“, ist in feiner Handschrift auf der Rückseite notiert. Das gesamte Dorf war vor dem Bahnhof zusammengekommen, um sie auf ihren Weg in den “Westen” zu schicken. Weniger als sechzig Jahre später könnte ich jederzeit dorthin reisen, um Liebling zu sehen, den Bahnhof und ihr altes Haus. Und doch bin ich Anfang 2014 ein Europäer, der in einer Welt voller unsichtbarer Grenzen lebt, die von der Realität ungleicher Chancen bewacht werden, und der hofft, dass diese Welt sich zum Besseren verändert.

 

Yiorgos Toumanidis
Yiorgos Toumanidis

Yiorgos Toumanidis, 35, Grieche, lebt in Thessaloniki, Griechenland

Ich hoffe, dass wir 2014 alle ein klein wenig weiser werden, ein kleines bisschen besser werden als Menschen in unseren Familien, mit unseren Freunden, in den Gesellschaften und Städten, in denen wir leben. Ich hoffe, dass wir 2014 anfangen, weniger zu reden und mehr zu tun. Dass wir einsehen, dass egal wo wir stehen, wir alle unter dem selben Himmel einschlafen und aufwachen. Ich hoffe, dass wir die Hürden 2014 mit einem Lächeln auf unseren Gesichtern und Freude in unseren Herzen meistern.

 

Anmerkung:
Auf der deutschen Version von Meeting Halfway ist diese Geschichte in etwas längerer Form erschienen: http://de.meetinghalfway.eu/15-hoffnungen-fur-2014/
Danke an Tom Toelle und Anja Meunier, die den ursprünglichen Text für Meeting Halfway ins Deutsche übersetzt haben.

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