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„Ach, ihr habt keine Mäuse?“

„Ach, ihr habt keine Mäuse?“

Eine Geschichte vom Wohnen in Schottland

Sie sehen wunderbar aus, Edinburghs Häuser. Braungraue Backsteine, Erkerfenster, Spitzdächer – eine Straße schöner als die andere, festgehalten in den Fotos unzähliger Touristen. Wer durch erleuchtete Fenster späht, erhascht Blicke auf Esstische, Bücherregale, Bilderrahmen… und ahnt nicht, was sich im Inneren abspielt.

Denn wer in Schottland wohnt, in einem dieser wunderbar alten Häuser, der wird eines Tages Gäste bekommen. Oft passiert es nachts. So war es bei Peter. Oder Maya. Oder bei mir. 2:34 Uhr zeigt der Wecker, ein Geräusch, ein Rascheln, ein Scharren. Wird etwas draußen sein, denke ich. Rede ich mir ein, bis es immer lauter wird. Dann nehme ich das Handy, leuchte in die Richtung, aus der das Rascheln kommt. Schlagartig ist es still. Mein Herz klopft, es wird wohl der Drucker sein, es ist der Drucker, es muss der Drucker sein. Aber das Licht einen Drucker verstummen lässt – nein, diese Erklärung nehme ich mir nicht einmal selbst ab, auch nicht um 2:34 Uhr.

Da war sie wieder, unsere Wohnungsmaus. Wir haben ihr noch keinen Namen gegeben, andere sind da weiter. Claires Maus heißt Squeaker, Felix hat gleich eine ganze Mausefamilie, mit Kindern one, two, three. Als meine Mitbewohnerin unsere das erste Mal sah, war es neun Uhr abends. Die Maus war in ihrem Zimmer, wir mussten etwas tun – und klingelten bei unseren Nachbarn. Wir hatten sie noch nie zuvor gesehen, waren gerade erst eingezogen. Besser kann die erste Begrüßung nicht laufen. „Hi, we’re your new neighbours. And… errrm, we’ve got a mouse in our flat. Could you maybe…?“  Da stehen wir zwei – voller Hoffnung, dass unser Nachbar, ein Mann Mitte 40, sich sofort aufmacht, um uns zu retten, um unsere Wohnung mausefrei zu machen. „Well…“, sagt er und grinst uns an, „So do we.“ Aus der Traum mit der Verfolgungsjagd. Aber, nett wie sie eben sind, die Schotten, gibt er uns eine Erstversorgung für die erste Nacht mit Gästen: zwei Fallen und einen Stecker, der Ultraschall-Abwehrgeräusche macht.

Wir hätten es wissen müssen, wir wurden gewarnt vor diesen alten, schönen Häusern Ediburghs. Denn die schottische Hauptstadt ist Spitzenreiter in einer Rankingliste der besonderen Art: Anrufe an Kammerjäger. Und dazu noch unter den Top Drei der „schlimmsten Mäuseregionen Schottlands“. Aber dann ist da trotzdem immer dieser Gedanke: Wir doch nicht, bei uns doch nicht. Wir bringen unseren Müll immer schön raus, nein, der ist nicht überfüllt – ein Hauptproblem laut Kammerjäger, denn natürlich lockt die Mäuse vor allem eines: Essensreste. Außerdem, das erklärte ich noch letzten Sommer voller Überzeugung, ist unsere Wohnung im dritten Stock. So hoch kommt doch keine Maus! Schon damals lächelte Peter darüber, weise und voller Wohnerfahrung in Edinburgh.

Und so musste ich auch in jener Nacht, als es neben meinem Drucker raschelte, an Peters Mausegeschichte denken. Sie war unter sein Bett gerannt – er blieb liegen, rollte ein Poster zusammen und fuchtelte unter dem Bett herum, bis sie verschwand. Ein echter Profi.

Mayas Mausgeschichte ist dagegen die eines absoluten Anfängers. Fünf Uhr morgens war es bei ihr, es raschelte aus einer Tüte. Gelähmt vor Schreck greift Maya zuerst zum Laptop – und klickt auf das blaue Skypelogo, bis ihre Schwester am Bildschirm erscheint. „Was soll ich tun, was soll ich tun?“ „Bring die Tüte raus, verdammt!“ Aber wie fasst man diese zappelnde, raschelnde Tüte an?

Oh, auch ich bin noch am Anfang der Mauseerfahrungen. Die Maus von 2:34 Uhr zeigte sich nie, es blieb beim Rascheln. So kann es bleiben, wird es aber wohl nicht. Immerhin, das hat meine Mitbewohnerin letztens festgestellt, wenn wir das nächste Mal umziehen und das Gespräch irgendwann auf die vierbeinigen Gäste kommt, werden wir sagen können: „Mäuse? Ach ja, die hatten wir auch, klar. Ihr etwa nicht?“

 

Beitragsbild CC BY-NC-SA 2.0 Martin Sharman

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