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Adiós, amigos!

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Sie sind jung, top ausgebildet, motiviert und trotzdem arbeitslos. Spanische Uniabsolventen suchen während der Krise verzweifelt nach Jobs. Viele von ihnen zieht es ins Ausland. Doch bereits ausgewanderte Akademiker warnen vor zu viel Euphorie.

Von Maria Fuhrmann

Daniel Figuerola spricht fließend Spanisch, Deutsch und Englisch. Derzeit paukt der 29-Jährige Französischvokabeln. In Madrid geboren und aufgewachsen, besuchte er eine deutsche Schule. Er hat einen Abschluss in Politik und Jura, studierte ein Jahr in Freiburg, sein Wirtschaftsenglisch perfektionierte er in Sydney. Nach dem Diplom machte er verschiedene Praktika. “Ich war auch in einer Kanzlei in Hannover”, erzählt er in einwandfreiem Deutsch. Verglichen mit europäischen Durchschnittsabsolventen, müsste Daniel eigentlich beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Er lebt gerne in Madrid. “Aber das nützt alles nichts, wenn ich hier keine Arbeit habe”, sagt er. Denn trotz hunderter verschickter Bewerbungen: einen Job hat er in Spanien nicht gefunden.

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Daniel, 29

Elena und Carlotta, 21

„Ich habe wenig Hoffnung, dass die Politik an der Situation etwas ändert. Die Spanier müssen lernen umzudenken. Sie müssen sich aufraffen, anstatt zu verkriechen. Viele junge Menschen hier denken, wir seien schlechter als etwa die Deutschen. Dem ist aber nicht so!“ „Die Politik sollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht jeder Spanier studieren muss. Ausbildungsberufe zu etablieren, das wäre wichtig!“

Ähnlich geht es den beiden 21 Jahre alten Elena und Carlotta. Sie studierten an einer Business School in Madrid International Management. Ein Jahr waren sie im britischen Lancaster. Heute würden sie am liebsten im Banking oder im Unternehmens-Controlling arbeiten. Seit Monaten suchen die Frauen nach einem Job – bislang ebenfalls erfolglos.

Jeder zweite Jugendliche in Spanien ohne Arbeit

Aktuell ist jeder zweite Jugendliche in Spanien ohne Arbeit – darunter sind viele junge Akademiker. Sie fürchten um ihre Existenz, einige leiden unter Depressionen. Tausende suchen den Ausweg jenseits der Landesgrenzen: Die nationale Statistikbehörde INE ermittelte, dass seit dem Beginn der Krise jährlich etwa 20 Prozent mehr junge Hochschulabsolventen zwischen 25 und 45 Jahren auswanderten.

Emilio Sáenz-Francés, Politikwissenschaftler der Universidad Ponteficia Comillas, weiß um die Tragweite der Abwanderung: Spanien werde sich von diesem Verlust kurzfristig nicht erholen können, sagt er.

Auch Daniel Figuerola will weg, in Madrid zu bleiben ist für ihn derzeit keine Option. Seinen Umzug plant er genau. “Ich will nicht den Fehler begehen, den viele Spanier machen: Mit tausend Euro abhauen und schauen was passiert”, sagt er. “Ich will eine echte Perspektive haben, wenn ich mit gepacktem Koffer am Flughafen stehe.” Auch Elena und Carlotta haben sich entschlossen, das Land zu verlassen, nachdem hunderte Bewerbungen unbeantwortet blieben. Sie zieht es nach London, ins Herz der europäischen Finanzwelt. “Die Chancen dort sind einfach besser.”

Elena, Carlotta und auch Daniel sehen die Regierung unter Zugzwang. Sie würden vielleicht in Spanien bleiben, wenn sich das Land grundlegend reformierte. Doch das ist eher unwahrscheinlich: Die Regierung habe nichts getan und nichts erreicht, bilanziert der Politikwissenschaftler Sáenz-Francés deren Arbeit.

Viele der Absolventen, die auswandern wollen, sehen Jobchancen nicht nur in England, sondern auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So belegen immer mehr spanische Akademiker Deutschkurse am Goethe-Institut in Madrid. Waren es 2005 noch 3.000 Sprachschüler pro Jahr, stieg die Zahl der Interessenten 2012 auf 7.000 Anmeldungen.

Doch Experte Sáenz-Francés rechnet mit einer baldigen Trendumkehr: Zu viele Spanier seien heute in Europa unterwegs auf der Suche nach Perspektiven, sagt er.

Wie schwierig es sein kann, im Ausland Fuß zu fassen, hat María José Arévalo erfahren. “Viele Spanier stellen es sich ziemlich einfach vor auszuwandern”, sagt die 29-Jährige. Sie hat Touristik und BWL studiert. Vor vier Jahren zog sie nach Deutschland. Heute warnt sie vor zuviel Euphorie. “Man muss wirklich gutes Geld in der Tasche haben, um im Ausland neu anzufangen”, sagt sie. Viel Geduld und Skype gegen das Heimweh haben ihr die Zeit in Heidelberg erträglich gemacht.

Zurück in die Krise

Ihre Jahre in Deutschland waren anstrengend. “Unbezahlte Überstunden sind für Deutsche völlig normal”, sagt sie. Sie jobbte unter anderem als Küchenhilfe in einem Seniorenheim. Vor einigen Monaten kam sie zurück nach Spanien, mitten in die Krise hinein. “Ich stand wieder vor der Arbeitslosigkeit, aber immerhin hatte ich jetzt meine Familie und Freunde um mich”, sagt sie. Und María hatte Glück: Sie fand einen Job in Madrid. “Es ist zwar nur eine halbe Stelle, aber bei 31,25 Stunden pro Woche verdiene ich immerhin 820 Euro.” Genug, um die eigene Existenz zu sichern.

Das beste Mittel, junge Menschen vor Enttäuschung zu bewahren, sei, sie für die Wirklichkeit zu sensibilisieren, sagt der Politologe Sáenz-Francés. Die Dozenten an der Universität seien gefordert, die jungen Akademiker auf das Leben nach dem Studium vorzubereiten. Er will seinen Studenten einen realistischen Blick auf die Situation in Europa vermitteln. Der klassische Lebenslauf von Schule über Uni und sicherem Job hin zu gesichertem Wohlstand sei heute eher die Ausnahme. Das müssten die Universitäten den jungen Menschen vermitteln.

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