BB1

Alles dreht sich um “Den Dicken”

Wer in Spanien um den Jahreswechsel “El Gordo” sagt, der kennt das Zauberwort. Stundenlang stehen hunderte Menschen täglich Schlange, um ihn zu kriegen, “Den Dicken”. Was sich dahinter verbirgt und wieso “Der Dicke” ein Symbol für die wirtschaftliche Erholung Spaniens ist.

 

Spanien ist auf Aufholjagd. Pedro Nieto ist es auch. Zwei Stunden steht er schon in einer Schlange, noch 13 Menschen sind vor ihm, unzählige hinter ihm. Pedro will “Den Dicken.” Er will ihn unbedingt und er kann ihn sich leisten. Zum ersten Mal, seit die Wirtschaftskrise das Land erschüttert hat, nehmen wieder mehr Menschen an der traditionellen Weihnachtslotterie “La loteria de navidad” teil. Gewinne in der Gesamthöhe von mehreren Milliarden Euro im Jackpot. Der Hauptgewinn: “El Gordo” (Der Dicke). Während der Krise war die Beteiligung leicht eingebrochen, jetzt erwerben wieder mehr Spanier ein Teilnahmelos. “Vor der Krise haben sich die Gewinner ein Auto von den Lottogewinnen gekauft, oder sogar eine Wohnung. Als die Krise kam, wurden damit Schulden zurückgezahlt”, erzählt Pedro.

Nur noch wenige Menschen sind jetzt vor ihm. Letztes Jahr hat Pedro auch an der Lotterie teilgenommen und das Jahr davor. Nur da seien die Schlangen kürzer gewesen, weil viele Menschen aufgrund der Krise nicht an der “Loteria de Navidad” teilnehmen wollten oder konnten. Nun ist Spanien auf einem guten Weg, die Krise hinter sich zu lassen und in der Bevölkerung macht sich Erleichterung breit. Erleichterung über ein gutes Jahr 2014, in dem die spanische Volkswirtschaft die Rezession endgültig hinter sich gelassen hat. Ein Jahr, in dem viel passiert ist: Spaniens Regierung hat die Ausgaben gekürzt, zahlreiche Staatsbedienstete entlassen und trotz Widerstand der Gewerkschaften den Arbeitsmarkt reformiert.

Die Schlange schiebt sich langsam vorwärts, schleichend, ab und zu muss Pedro einen kleinen Schritt zurück machen, aber vordrängeln oder überholen kommt nicht in Frage. Auch die spanische Wirtschaft schiebt sich vorwärts, ebenso langsam und mit kleinen Rückschritten dann und wann. 2014 hat Spanien das höchste Wachstumstempo aller Länder im Westen des europäischen Kontinents hingelegt. Bereits im Januar durfte das Mittelmeerland den europäischen Rettungsschirm verlassen und hält nun weiterhin an seinem strikten Reformkurs fest.

Trotzdem warnen Experten vor einem verfrühten Optimismus. “Von einem Wirtschaftsaufschwung zu sprechen, ist noch zu früh. Wir befinden uns noch im Anfangsstadium einer wirtschaftlichen Erholung und bevor nicht klar ist, ob es weiterhin bergauf geht, sollten wir eher vorsichtig optimistisch sein”, meint der Wirtschaftswissenschaftler Juan Tugores. Schließlich liege die Staatsverschuldung mit 100,2 Prozent immer noch 40 Prozent über der erlaubten Maastrichtgrenze. Aber man komme dem Ziel näher.

Noch 8 Menschen sind zwischen Pedro und seinem Ziel: Ein unscheinbarer Schalter, ein bisschen heruntergekommen mit einer schmutzig blauen Markise. Daneben ein Mann der permament schreit: “Vente aqui, compra! El gordo te espera!” (“Komm her und kaufe! Der Dicke wartet auf dich!”). Pedro hat das notwendige Geld für einen Lotterieschein schon in der Hand, passend abgezählt, damit alles schnell geht, wenn er endlich an der Reihe ist.

BB2
Erstmals nehmen wieder mehr Spanier an der jährlichen Lotterie teil

Juan Tugores bezweifelt, dass es mit Spaniens Wirtschaftsaufschwung genau so schnell geht. Die Sparmaßnahmen und Reformen der Regierung zeigen nicht nur positive Wirkungen. Um die Staatsschulden zu begleichen kürzte die spanische Regierung in den vergangenen Jahren die Löhne, am stärksten von allen Krisenländern. Dadurch liegen die spanischen Löhne 15-20 Prozent niedriger als früher. “Und erst, wenn wirklich alle aus der Bevölkerung eine Verbesserung spüren, haben wir die Krise wirklich hinter uns gelassen”, betont der Spanien-Experte. Der Weg bis dahin ist noch weit. Bis zum Jahr 2016 muss Spanien weitere 30 Milliarden Euro einsparen, um das Defizit auf EU-Vorgaben zu senken. Dazu braucht das Land vor allem eins: Kaufkraft. Der Konsum hat sich bereits erholt, nun muss das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen werden.

“Die Kreditwürdigkeit zu erhöhen ist essentiell, um die Krise hinter uns zu lassen“, erklärt Tugores. Vor allem klein- und mittelständische Betriebe sollten mehr gefördert werden. Außerdem sei es notwendig die staatlichen Banken wieder instand zu setzen, damit sie in der Lage seien, Unternehmen wieder Kredite zu verleihen.

Ein großer Schritt ist noch nicht in Aussicht, aber vielleicht ein kleiner: Ende November fielen die Zinsen für spanische Staatsanleihen auf 1,96 Prozent und damit auf einen historischen Tiefstand. Für Spanien bedeutet das Einsparungen in Milliardenhöhe, die bitter nötig sind, um wieder schwarze Zahlen schreiben zu können.

Noch drei Menschen stehen zwischen Pedro und dem Lotterieschalter. Kürzer ist die Schlange trotzdem nicht geworden, immer neue Menschen kommen und stellen sich an. Trotz Nieselregen. Was sich Pedro kaufen will, wenn er “Den Dicken” gewinnt? “Ich will sparen”, erzählt der Familienvater. “Alles andere macht doch keinen Sinn”. Wobei natürlich ein neues Auto auch schick wäre, aber das würde seine Frau nicht erlauben.

Endlich, das Warten hat ein Ende. Zahlen, kurz mit dem Verkäufer schnacken. “Hombre, tanta gente ese año!” (“Mensch, so viele Leute dieses Jahr!”) und dann geht es für Pedro wieder zurück nach Hause. Mit einem unscheinbaren Stück Papier in der Jackentasche und jeder Menge Optimismus. Währenddessen schiebt sich die Menschenschlange weiter Richtung Lotterieschalter. Langsam und schleichend. Und manchmal mit kleinen Rückschritten.

Fotos: Gurol

Die Debatte Keine Kommentare