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„Als ich geboren wurde, war ich ein Krimineller, nur weil ich schwul war“

Es hatte sich seit Monaten abgezeichnet, seit einer Woche ist es offiziell: In Irland dürfen homosexuelle Paare künftig heiraten. Irland ist damit das erste Land der Welt, das die Homo-Ehe per Volksentscheid eingeführt hat. Beim Referendum am vergangenen Freitag stimmten 62,1 Prozent der Iren für die entsprechende Verfassungsänderung, die eine Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht. Aktuell sieht es so aus, als ob ab Anfang September die ersten gleichgeschlechtlichen Paare heiraten könnten, das Parlament will erste Gesetze noch vor der Sommerpause verabschieden. Auch in Deutschland wird das Kabinett in der kommenden Woche über eine Homo-Ehe light beraten.

Einer der jahrelang für die Rechte von Homosexuellen in Irland gekämpft hat, ist Senator David Norris. Der Politiker ist Ende der 80er Jahre gegen Irland vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen, wollte erzielen, dass Homosexualität nicht mehr unter Strafe gestellt wird. David Norris hat gewonnen. Der Fall ging als „Norris vs. Ireland“ in die Rechtsgeschichte ein. Ann-Kathrin Wetter hat David Norris vor der Abstimmung in Dublin getroffen und sich mit ihm über das Referendum und dessen Bedeutung für Irland unterhalten.

 

Senator Norris, in Irland gibt es bereits zivile Partnerschaften für Homosexuelle, warum braucht es das Referendum zur Homo-Ehe?

Das Homosexuelle nicht heiraten können, ist das letzte Zeichen dafür, dass sie noch immer diskriminiert werden. Gleichgeschlechtliche Paare wollen Gleichheit. Sie wollen, dass Ihre Beziehungen anerkannt werden und öffentlich gefeiert werden, dass sie per Verfassung geschützt werden, wie die Beziehungen anderer Familien.

Sie sind als homosexueller in Irland aufgewachsen. Wie war das für Sie – aus heutiger Sicht?

 

Als ich geboren wurde, war ich ein Krimineller, nur weil ich schwul war. Man wurde bestraft – 10 Jahre bis lebenslänglich. Als Jugendlicher, dachte ich, ich sei der einzige Schwule in Irland. Keiner hat über das Thema gesprochen, es war nicht in den Zeitungen, das Wort schwul gab es nicht mal. Das einzige was man wusste: Schwule hängen an öffentlichen Toiletten rum, tragen dreckige Regenmäntel, sind krank, Alkoholiker. Es war ein unendlich schlechter Stereotyp.

 

Und nach dem Referendum, können Sie theoretisch heiraten. Wie fühlt sich das an?

Ich finde es wirklich sehr aufregend, dass Irland die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren per Volksentscheid einführen will und die Menschen in diesem Land somit bestimmen dürfen, ob sie die Ehe zwischen Homosexuellen wollen oder nicht.

 

Werden Sie heiraten, wenn das Referendum Erfolg hat?

Also, dass ich das theoretisch heiraten kann ist das eine. Aber ich bin jetzt 71 Jahre alt und ich habe eine transplantierte Leber. Ich bezweifle sehr, dass mich irgendwer heiraten würde. Der Zug ist abgefahren. Aber ich freue mich sehr für die jungen Menschen, die – anders als meine Generation – nicht durch Furcht und Diskriminierung gebremst werden, sondern viel bestimmter und leistungsfähiger sein können in unserer Gesellschaft.

Würden Sie sagen, das Referendum vollendet Ihr Lebenswerk?

Ja, es ist sicher eine Art Höhepunkt. Ich erinnere mich an ganz früher. Da sagte eine ältere Frau zu mir: „Wir kennen Sie. Wir wissen, was Sie wollen. Es ist nicht nur das Strafrecht! Das nächste, was Sie angehen, ist die Homo-Ehe.“

Und ich sagte nur:

Danke, Madame. Was eine exzellente Idee. Lassen Sie mich das aufschreiben. Haben Sie noch andere Vorschläge?

 

 

 

 

 

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