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Alternative für Europa?

Er müsse halt aufhören immer nur zu meckern und endlich mal was tun. Diesen Rat hat Niccolo Milanese am 15. August 2008 über einem italienischen Abendessen in Siena von seiner Cousine bekommen. Zwei Monate später, zurück in London, gründet er mit Freunden European Alternatives. Zunächst organisieren sie nur ein kleines Festival, heute ist die Gruppe zu einem großen Netzwerk gewachsen, mit Freiwilligen in mehr als einem Dutzend Länder und 15 festangestellten Mitarbeitern. Wofür das heutige European Alternative steht und warum bald sechs Caravane auf verschiedenen Routen durch ganz Europa ziehen, erklärt Daphne Büllesbach, Co-Vorsitzende von European Alternatives in Berlin.

 

Was ist European Alternative genau?

Wir sind eine zivilgesellschaftliche Organisation, die ganz ursprünglich mal in London mit dem Gedanken gegründet wurde, dass es vor allem in England wichtig erschien, ein Zeichen zu setzen. Weil es nämlich auch dort Leute gibt, die an ein  transnationales Europa glauben und nicht in diesem anti-europäischen Fahrwasser mitschwimmen, auch wenn diese Stimmung relativ stark ist in England. Dann haben wir schnell gemerkt, dass wir nur erfolgreich werden können, wenn wir ein Netzwerk bilden. Mit unserem Slogan „democracy, equality and culture beyond the nation state” treten wir für eine Art Utopie ein, und die wollen wir auch wahrmachen durch Zusammenarbeit. Klingt vielleicht simpel, ist es aber gar nicht so. Zur Zeit gibt es fast keine Organisation in Europa, die so transnational arbeitet wie wir, und vor allem so transnational aufgebaut ist: Alles was wir machen, muss gleichzeitig in allen Ländern stattfinden. Wenn wir in Deutschland über Migration reden, dann passiert das auch gleichzeitig in Italien, Frankreich und Rumänien. Wir versuchen also als Organisation, das, was wir erreichen wollen, erst mal selbst auszuprobieren. Auf lange Sicht wollen wir so etwas wie eine transnationale Zivilgesellschaft aufbauen und sehen uns als eine Art Motor dafür.

 

Bedeutet das eine transnationale Zivilgesellschaft innerhalb der EU oder versteht ihr euch als Alternative zur EU?

Nein, auf keinen Fall. Wir wollen zeigen, dass es ein alternatives Europa gibt, oder sogar mehrere, so nach dem Motto „Another world is possible“ oder wie die Occupy-Bewegung sagt „we’re the 99 percent“, da steckt ja auch drin, dass es nicht nur eine Version gibt, sondern eben viele verschiedene. Die EU, die viele mit Brüssel und Bürokratie assoziieren, die ist wahnsinnig wichtig. Ich würde uns mal als euro-phil bezeichnen. Wir kämpfen für diesen Raum aber sind gleichzeitig EU-kritisch. Es ist super, dass wir die EU haben und wir müssen mit diesen Strukturen arbeiten aber es gibt sicherlich viele Baustellen wo man was ändern muss.

 

Viele sagen in Europa mangelt es an Partizipationsmöglichkeiten, findest du das auch?

Die Debatte über mangelnde Partizipationsmöglichkeiten, auch wenn ich sie selber mitführe, ist eigentlich eine Scheindebatte. Das Problem ist nicht, dass Bürger sich zu wenig beteiligen können, sondern dass Europa sich seit einiger Zeit in einer politischen Krise befindet, die wir nicht dadurch lösen, dass wir Bürgern mehr Instrumente in die Hand geben, um sich zu beteiligen. Die europäischen Eliten habe es über einen sehr langen Zeitraum verpasst das europäische Projekt zu erklären und haben es stattdessen aufgrund von erklärten Sachzwängen (z.B. die Deutschen zahlen für Griechenlands Schulden.. ) den Boden für nationalistische Gefühle und Stimmungen genährt. Der Solidaritätsgedanke wird von ganz oben nicht vermittelt, da verwundert es manchmal wenig, dass sich ganz unten Angst vor Benachteiligung oder auch vor Überfremdung breit macht. Das ist eigentlich das Grundproblem, bevor wir dieses Problem nicht ernsthaft angehen, ist es eigentlich zweitrangig, nach mehr Möglichkeiten zur Beteiligung zu rufen.

 

Ihr engagiert euch trotzdem. Im April fahrt ihr mit sechs Bussen durch ganz Europa, warum macht ihr das?

Ja, im April fahren sechs Camping-Autos von sechs verschiedenen Städten in Europa los und bereisen insgesamt 18 Länder. Wir wollen auf diesem Weg Orte in Europa finden, wo Leute mit Problemen kämpfen oder sich für etwas einsetzen und versuchen diese Initiativen auf eine europäische Ebene zu heben. Vor allem geht es um Projekte, die unterrepräsentiert sind und keine eigene laute Stimme haben. Die Reise wird ein Mix aus Guerilla-Aktivitäten und formellen Veranstaltungen, wo wir auch mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten. Wir möchten den Leuten, die sich engagieren, zeigen von was sie eigentlich Teil sind. Einige haben diese Perspektive vielleicht, wissen aber nicht genau, was sie daraus machen können.

 

Für welche europäischen Themen engagiert ihr euch besonders?

Wir sind eine Organisation, die sich nicht auf ein Thema spezialisiert, sondern immer gleichzeitig mehrere Themen anspricht, es geht uns nicht um Öffentlichkeit für spezielle Anliegen, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die von Migration über Umwelt, Finanzmärkte oder LGBT – Rechte (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) reicht. Themen, die diskutiert werden müssen und die häufig sehr unterschiedlich wahrgenommen und besprochen werden oder schlimmstenfalls gar keine Bedeutung im öffentlichen Diskurs spielen.

 

Und warum ist es so wichtig, dass sich die Initiativen als europäisch verstehen wenn sie sich schon lokal engagieren?

Man muss da anfangen, wo es lokal schon Initiativen gibt, die sind schon auch Europa weil Europa ja auch überall gemacht wird. Beim Anti-Fracking-Verein in Nordpolen kann man natürlich fragen, wie europäisch sind die und vielleicht fehlt ihnen noch die Perspektive zu sagen: Eigentlich ist das was wir machen für andere in Europa total wichtig und auch wir könnten was von dem Austausch mit anderen lernen. Zum Beispiel könnten sie sich zusammenschließen mit einer Anti-Fracking-Initiative in Deutschland oder Südspanien. Im Grunde wollen wir lokales Engagement europaweit vernetzen und nicht das eine oder andere fördern. Da wir glauben, dass sich viele der lokalen Initiativen an unterschiedlichen Orten Europas ähneln und eine Skalierung auf europäisches Niveau durchaus sinnvoll sein könnte.
 

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