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An Europa glauben

Was lässt Menschen zu Unterstützern der europäischen Staatengemeinschaft werden? Wohlstand? Ein besserer Arbeitsmarkt? Amerikanische Forscher haben einen ganz anderen Faktor untersucht.

Von Felix Ehrenfried

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Die Europäische Union (EU) steckt in der schwersten Krise seit ihrer Gründung. Doch wieso sind die Menschen zunehmend europakritisch? Und gibt es einen Indikator für die Frage, welche Bevölkerungsgruppen in Europa der EU positiv gegenüberstehen und welche tendenziell negativ? Die Politikprofessoren Brent Nelsen und James Guth von der eher unbekannten amerikanischen Furman University in Greenville, South Carolina, sind bei ihrer Forschung zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Für ihre Studie mit dem Titel „Religion and Youth Support for the European Union“ befragten sie europäische Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren und fanden heraus: Gläubige Jugendliche unterstützen die Europäische Union mehr als diejenigen, die sich selbst als nichtgläubig oder als Agnostiker bezeichnen.

Das größte Vertrauen in die EU haben laut der Studie katholische und orthodoxe Jugendliche, die sich selbst als sehr gläubig bezeichnen, gefolgt von Jugendlichen mit protestantischem Bekenntnis. Zu diesen Ergebnissen sind Nelsen und Guth durch eine Auswertung der Daten des Eurobarometer gekommen. Das ist eine öffentliche Umfrage, die regelmäßig von der Europäischen Union in ihren Mitgliedsländern durchgeführt wird. Die beiden Forscher konzentrierten sich auf die Fragen, was die EU für einen persönlich bedeutet und was sie in zehn Jahren vermutlich gebracht haben wird. Die Antwortmöglichkeiten reichten dabei von sehr positiven Antworten („Die EU schafft Jobs“ oder „Sie wird in zehn Jahren eine bessere Lebensqualität für die meisten Menschen schaffen“) bis hin zu kritischen Antworten („Viel Bürokratie, eine Verschwendung von Zeit und Geld“ oder „!n zehn Jahren wird es mehr soziale Probleme geben“). Den Zuspruch der Jugendlichen für die EU setzten die Politikprofessoren in Bezug zur religiösen Orientierung. Hier reichten die Antwortmöglichkeiten von „Ich glaube und praktiziere“ bis hin zu „Ich bin Atheist, ich glaube nicht an Gott.“

Der Effekt, dass gläubige Jugendliche stärker als nichtgläubige die EU unterstützen, ist ein Phänomen, dass die Forscher in ganz Europa beobachten können. Sie erklären dies vor allem damit, dass Glaubensgemeinschaften weniger in Landesgrenzen denken, sondern vielmehr einen gemeinsamen Glauben als Basis für ihr Zusammengehörigkeitsgefühl haben. „Selbst in einem sich rapide säkularisierenden Europa beeinflusst die Kirche die Werte europäischer Bürger und den Rhythmus ihres Lebens“, schreiben Nelsen und Guth. Außerdem sei „für Katholiken der Nationalstaat nie die ultimative Autorität“ gewesen.

Ähnlich verhalte es sich bei der orthodoxen Kirche, die durch ihre „universellen Bestrebungen“ auch das Projekt EU unterstützen müsse. Dass Protestanten der EU laut Studie weniger vertrauen, erklären die Forscher unter anderem so: Protestanten hätten sich in der Geschichte „auf den Nationalstaat verlassen, dass er sie gegen katholische Versuche verteidige, wieder ganz Europa zu beherrschen.“ Jedoch betonten auch Protestanten „die Universalität des Gebets und der Kirche als deren Verbreiter.“ Mit diesen nur scheinbar widersprüchlichen Erkenntnissen ließe sich erklären, dass evangelische Christen die EU zwar mehrheitlich unterstützen, jedoch weniger als die Mitglieder der katholischen Kirche.

Für Nelsen und Guth zählt der Glaube „zu den besten Möglichkeiten zur Vorhersage der EU-Unterstützung“. Es sei jedoch gefährlich, allzu starre Rückschlüsse zu ziehen.

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