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Bauchschmerzen und Champagner

Schottland am Tag des Referendums

Plötzlich ist er da, der Tag, an dem die ganze Welt auf Schottland schaut. Die Schotten haben auf ihn gewartet – die einen mit Bauchschmerzen, die anderen voller Hoffnung. Eine Momentaufnahme aus Edinburgh am Tag des Referendums.

Die Kirchturmspitzen versinken im Nebel, leichter Nieselregen, das erste Herbstlaub fällt. Am Morgen dieses 18.Septembers stellen Ellen Jackson und Diarmid Mogg eine kleine Flasche Champagner kalt. Sie wachen auf mit einem Bauchkribbeln, Nervosität mischt sich mit Vorfreude. Sie werden „YES“ sagen, werden für ein unabhängiges Schottland stimmen. Als Simon Pia aufwacht, weiß er noch nicht, was er wählen wird. Ob er überhaupt wählen wird. Ihm ist nicht nach Sekt zu Mute.

Lange wollte der 58-Jährige sich enthalten, um nicht gegen Freunde, die eigene Familie zu stimmen, die ihre ganze Hoffnung in ein erfolgreiches Referendum setzen. „Aber jetzt werde ich doch meiner eigenen Überzeugung folgen. Ich finde es eine Frechheit, wie von einem unabhängigen Schottland geschwärmt wird – wie kann man all die Unsicherheiten und Risiken einfach so beiseiteschieben?“ Simon Pia sagt, er sei überzeugter Europäer – und wird nun doch abstimmen. „Im 21.Jahrhundert sollten wir Grenzen überwinden und keine neuen aufbauen.“

Wer an diesem 18. September zum Wahllokal geht, der kann Mitstreitern verschwörerisch zulächeln und durch die Gegenseite hindurchschauen. Sticker und Pins kleben auf unzähligen Jacken und Pullovern, auf Rucksäcken, Kinderwagen. Selbst Wohnhäuser senden Botschaften. Blau-weiße „YES“ Plakate im Erdgeschoss, während es aus dem dritten Stock rot „NO, thanks!“ leuchtet.

So offen wie in diesem Wahlkampf sind die Schotten sonst nicht, es geht nicht um Parteilinien, es geht um Schottlands Zukunft. Das Referendum spaltet Nachbarn, Freunde, Familien. „In meinem Land“, sagt Alex (21) aus Inverness, „entscheidet nicht London über unsere Köpfe hinweg.“ „In deinem Land“, kontert seine Freundin, „steht Schottland völlig allein da!“. Sie hatten diese Diskussion wieder und wieder, vergebens. „Sie lebt im Vereinigten Königreich, ich in Schottland“, sagt Alex.

Diese zwei Welten stehen auch am Wahltag auf der Straße. Sie tragen Anstecker, wedeln mit Fähnchen, die Rosetten auf den Pullovern erinnern an Reiturniere. Blau heißt YES, rot heißt NO. Sinead, Christoph und Bria tragen Blau, sie sind voller Hoffnung. Ein letztes Mal werben sie für ein unabhängiges Schottland – für den Fall, dass all die Stände, Versammlungen und Lautsprecherautos der letzten Tage nicht genug waren. Heute steht auch ein Mittagsschlaf auf ihrem Programm. „Damit wir bereit sind für diese Nacht“, sagt Bria (28). Für die Nacht, in der sie hoffen, Geschichte zu schreiben. Sicherheitshalber haben sie den Freitag freigenommen, und den Samstag auch – wenn es nach ihnen geht, kann die Party andauern. Das Ziel, für das sie seit Monaten kämpfen, scheint nah. „Wenn es klappt, hoffe ich, dass auch die „NO“-Wähler ein unabhängiges Schottland als Chance sehen. Dass die Schotten zusammenrücken, das Beste für Schottland  erreichen wollen,“ sagt Christoph und nimmt einen Umschlag entgegen. Der kommt von einem Unterstützer der YES-Kampagne, am Abend werden Adressen abgeglichen. Falls noch jemand fehlt, werden die drei nochmal anrufen, an Türen klopfen – nur für den Fall, dass doch jemand den 18.September vergessen hat.

Fünf Meter weiter sind die Rosetten rot, auf ihnen steht „NO“. Warum? John weiß nicht, wie oft er seine Gründe in den vergangenen Monaten, Wochen und Tagen aufgezählt hat. Aber er fängt sofort wieder an. Das Gesundheitswesen . Das Pfund. Die Wirtschaft. John ist Wahlkämpfer seit einem halben Jahrhundert, 1964 ging er erstmals für die „Conservatives“ auf die Straße. Klingeln, Flyer verteilen, überzeugen im Gespräch. Aber dieser Wahlkampf ist anders. „Noch nie“, sagt er und macht eine Pause, „noch nie wurde mir Gewalt angedroht. Bis gestern, von einem YES-Aktivisten.“ Er dreht sich um, hält dem nächsten Passanten einen Sticker hin. „Say NO to save Scotland!“ Einige Stunden noch, die Unentschlossenen werden entscheidend sein.

Bis zehn Uhr abends sind die Wahllokale offen, danach nur noch Bangen und Hoffen. „Es wird so knapp, aber ich glaube, wir können gewinnen“, sagt Ellen Jackson und wippt ihre kleine Tochter auf dem Arm, erzählt ihr von Luftballons und einer großen Party. „Fast ein bisschen schwindelig“, fühlt sich ihr Mann Diarmid Mogg (40), nachdem er „YES“ angekreuzt hat, nachdem es jetzt vorbei ist. Ob er seine Champagnerflasche öffnen wird, erfährt er in den frühen Morgenstunden. Dazwischen liegt eine Nacht. „Die wohl bedeutendste Nacht in Schottlands Geschichte“, wie ein Politikprofessor der Universität Edinburgh sagt, bevor er die letzte Folie anklickt, in der er seinen Studenten rät: „Verschlaft sie nicht.“

 

 

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