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Bei einem Brexit würden alle verlieren

Spätestens 2017 will Großbritanniens Premierminister David Cameron die Briten über den Verbleib des Landes in der EU abstimmen lassen. Zurzeit wirbt er bei seinen europäischen Amtskollegen für seine Positionen. Nur wenn seine Forderungen erfüllt werden, will Cameron bei den Wählern für den Verbleib Großbritanniens in der EU kämpfen. Seine Vision: Das Königreich soll insbesondere von den wirtschaftlichen Vorteilen einer EU-Mitgliedschaft profitieren, ohne sich stärker politisch integrieren zu müssen. Die Briten sind in dieser Frage jedoch gespalten und ein Kompromiss auf europäischer Ebene ist noch nicht greifbar. Der sogenannte Brexit, der Austritt Großbritanniens aus der EU, scheint möglich. Über die Bedeutung der britischen Wirtschaft für die EU sowie mögliche Nachteile und Vorteile eines Brexits für beide Seiten sprach Martin Faber mit Christian Odendahl, Chefökonom des unabhängigen politischen Think Tanks Centre for European Reform (CER), in London.

 

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Warum ist London ein wichtiger Finanzstandort?

London hat viel zu bieten: wirtschaftliche Offenheit zur Welt, eine umsichtige Regulierung, ein stabiles und anerkanntes Rechtssystem, und eine Vielzahl an anderen Dienstleistungen wie zum Beispiel Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, was wiederum viele Experten aus diesen Branchen anzog. Die englische Sprache, das Pfund als ehemalige Weltwährung und die Zeitzone zwischen Asien und USA helfen ebenfalls. So hat sich London zum unbestrittenen Finanzzentrum Europas entwickelt und es zieht mit Fintech eine weitere neue Finanzbranche an. Heute werden hier gut ein Drittel aller weltweiten Währungstransaktionen getätigt, fast jedes zweite aller außerbörslich gehandelten Derivate gehandelt, und 85% des europäischen Hedgefondsvermögens verwaltet.

 

Welchen Einfluss hat Großbritannien auf die EU-Wirtschaft, auch wenn es kein Euro-Mitglied ist?

Die Verzahnung Großbritanniens und Londons mit der kontinentaleuropäischen Wirtschaft ist groß, trotz unterschiedlicher Währung. Rund 50% des gesamten Güterhandels Großbritanniens geschieht mit anderen EU-Ländern. Und bei den Dienstleistungen, wo Großbritannien seinen wohl größten komparativen Vorteil hat, besteht noch das Potential weiterer EU-Harmonisierung, sodass Großbritannien in Zukunft noch mehr profitieren könnte. Hinzu kommt, dass Großbritannien und gerade London eine Art Brückenkopf für Investitionen aus dem außereuropäischen Ausland darstellt. Kein Land in der EU zieht mehr Direktinvestitionen an als Großbritannien- und das zum Teil, weil Investoren so Zugang zum gemeinsamen Markt bekommen. Ein Konfliktpunkt zwischen Großbritannien und der Eurozone wird natürlich bleiben, ob und inwiefern die Eurozone die Finanzmarktpolitik dominiert, wovor die Briten Sorge haben. Die EZB möchte zum Beispiel das Clearinghäuser für Eurowertpapiere ihrer Regulierung unterliegen, und damit innerhalb der Eurozone liegen, was der Europäische Gerichtshof mit Blick auf die Niederlassungsfreiheit abgelehnt hat.

 

Wie wichtig ist die EU-Mitgliedschaft wiederum für die britische Wirtschaft?

Sehr wichtig. Nach unseren Berechnungen ist der Handel zwischen Großbritannien und dem Rest der EU um 55% höher als man allein auf Grund der Nähe und Größe der Volkswirtschaften erwarten könnte. Und das betrifft nur den Güterhandel, bei den Dienstleistungen könnte es in Zukunft noch mehr werden, wenn sich dort der Handel intensiviert. Aber man darf nicht vergessen: kein Mitglied des Euro zu sein war ein Vorteil, konnte Großbritannien doch seine Geldpolitik unabhängig bestimmen, und musste sich nicht den ökonomisch fragwürdigen Euroregeln für Staatsdefizite unterwerfen.

 

Welche Nachteile hätte ein Brexit für die britische Wirtschaft?

Das ist etwas schwer zu prognostizieren, weil keiner weiß, was eigentlich nach einem Brexit käme – und die Austrittsbefürworter auch auf Nachfrage dazu nichts sagen, weil sie sich dadurch angreifbar machen würden. Wenn Großbritannien die norwegische Option wählt, also eine Art EU-Mitgliedschaft aber ohne jegliches Mitspracherecht, wäre der Schaden begrenzt. Wenn Großbritannien allerdings den Zugang zum gemeinsamen Markt verlöre, wären die Schäden enorm. Migration ist ein Sonderfall: die Briten wollen weniger Einwanderung, und könnten das auch außerhalb der EU besser durchsetzen. Allerdings zeigen alle Studien zu dem Thema, dass Einwanderung den Briten wirtschaftlich hohen Nutzen bringt. Man kann es allgemeiner so sagen: je mehr Souveränität die Briten nach einem Brexit haben wollen, desto größer der wirtschaftliche Schaden.

 

Inwiefern könnte die britische Wirtschaft vielleicht sogar von einem Brexit profitieren?

Die Austrittsbefürworter behaupten das natürlich, allerdings fallen die meisten Argumente in diese Richtung in sich zusammen, wenn man genauer hinschaut. Die Überregulierung aus Brüssel ist größtenteils ein Mythos. Trotz EU ist Großbritannien zusammen mit den Niederlanden das am wenigsten regulierte Industrieland der Welt. Dass die Briten ohne den protektionistischen Klotz EU am Bein mehr Freihandel treiben könnten, ist auch Wunschdenken: mit einem Markt von 500 Millionen Menschen im Rücken lässt sich ganz anders verhandeln. Zumal das Beispiel Deutschland sehr eindrucksvoll zeigt, dass man auch in der EU die Wachstumschancen der Schwellenländer Asiens prima für sich nutzen kann.

 

Welche Risiken hätte ein Brexit für die EU?

Die EU verlöre ihr bald größtes Land und Volkswirtschaft, ihren wichtigsten Finanzstandort, dazu ein permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrates und die vermutlich europaweit weltoffenste Nation. Das Signal, das die EU damit in die Welt sendet, wäre fatal: wenn die Briten lieber aus der EU austreten, auch wenn sie dadurch wirtschaftlich viel verlieren, was für eine Gemeinschaft soll das sein? Zwar würde Großbritannien von allen am meisten verlieren, aber die EU will nicht umsonst den Brexit um fast jeden Preis verhindern.

 

Könnte denn auch die EU von einem Brexit profitieren?

Nein.

 

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