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Beziehungskrise oder Flug auf „Wolke 7“? Italien und die EU in 2014 (Teil 2)

„Wer Christus und Sokrates nicht kennt, ist kein Europäer“

Ein Gespräch von Marion Sendker mit Rocco Buttiglione, Abgeordneter der Union des Zentrums – Unione di Centro (UdC)

 

(Fortsetzung / Teil 2: Italien im Umbruch)

 

Sendker: Vor welchen Herausforderungen steht das politische Italien noch in diesem Jahr?

 

Buttiglione: Wir müssen viel machen, um das Niveau der Arbeit zu verbessern: 100 Analphabeten können nicht die Arbeit eines Ingenieurs verrichten: Wir brauchen mehr Ingenieure und weniger Analphabeten. Wir müssen mehr wissenschaftliche Forschung haben und die Kreativität unserer kleinen Unternehmen in Kontakt und Austausch mit den Universitäten bringen.

Das ist schwer für die Deutschen zu verstehen, ihr habt ja eine bedeutende Zahl von großen Unternehmen, die selbst wissenschaftliche Forschung betrieben und im Kontakt mit großen Instituten stehen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse fließen dann direkt zu den kleinen Unternehmen. In Italien ist das nicht so. Wir haben wenige große Unternehmen, stattdessen viele kleine Unternehmen, die sehr kreativ sind. Wir müssen darum den eigenen Bedarf an wissenschaftlicher Erkenntnis mit den Unis und den Institutionen kommunizieren und den Austausch fördern.

 

Sie zählen viel auf, was getan werden muss. Ist davon schon etwas realisiert?

 

Ja! Wir sind in vielen Bereichen in Europa und in der Welt an der Spitze: In einer Forschungsstudie vor einem Jahr hat man 5441 Wirtschaftsektoren identifiziert. In 1344 dieser Sektoren sind die Italiener unter den ersten fünf weltweit.

 

Gegenüber europaundwir.eu haben Sie sich für eine europäische Regierung ausgesprochen. Ist das nicht schwierig für Länder mit einer so individuellen Kultur wie der Italiens?

 

Johannes Paul II. hat einmal gesagt, dass wir auf die großen Werte schauen müssen, wenn wir langfristig unsere großen Interessen durchsetzen wollen. Und wir können das nicht schaffen, wenn wir uns nicht als Kulturgemeinschaft entwickeln.

 

Kommt das jetzt?

 

Es geht hier nicht mehr nur um christliche Werte. Es geht um kulturelle Werte in Europa. Wenn wir uns das aber nicht bewusst machen und auf unsere eigene Kultur verzichten, wenn wir uns nur als Konsumenten sehen und nicht als Kulturobjekte, dann werden wir auch den Wettbewerbskampf verlieren auch in der ökonomischen Dimension. Wir müssen uns unserer Werte doch wieder bewusst werden! Wir haben sie verloren, weil wir sie nicht anerkennen wollten.

 

Wie will Italien sie zurückholen?

 

Wir müssen für den Austausch sein und begreifen, wie reich an Kultur Europa ist. Austauschprogramme in der Schulzeit, im Studium, sogar im Job: Nur das bringt uns näher zusammen. Wir müssen mehr Sprachen lernen, so schwer ist das nicht. Europa muss das auch finanziell stärker fördern, damit wir uns kulturell kennenlernen.

 

Flüchtlingsdramen vor Lampedusa, (Gift-) Müllskandale, Mafia, Bunga Bunga und europäische „Spitzenwerte“ in Sachen Arbeitslosigkeit und Steuerhinterziehung: Politische Meldungen aus Italien gleichen oft Hiobsbotschaften – oder werden gar nicht erst ernst genommen. Was wird in 2014 passieren, damit sich das ändert und Italien als ernsthafter Partner in der EU wahrgenommen wird?

 

Das sind alles oberflächliche Erscheinungen der Krise und des Wunsches, zur Vergangenheit zurückzukehren. All diese Leute wollen sagen, die Politik sei sowieso korrupt. Diese Denkweise ist falsch. Die italienische politische Klasse ist korrupt, ja. Weil wir die Orientierung auf die Ideale in der Politik verloren haben…

 

…Mehr als die politische Klasse in anderen Ländern?

 

Nein, vielleicht ein bisschen mehr, aber nicht viel.

 

Es fällt in Italien aber mehr auf.

 

Ja, natürlich. Wir brauchen darum schon mehr Ethik in der Politik.

Und wir müssen die Politik neu ideologisieren. Wir brauchen eine neue Generation von jungen Leuten, die an etwas glauben und Politik machen. Denn Leute, die an nichts glauben, können keine Politik machen.

 

Was erwarten Sie denn ganz persönlich für das weitere Jahr 2014 von Europa?

 

Dass wir auf dem Wege des großen Projektes von Johannes Paul II. und Helmut Kohl weitergehen, dass dieses Projekt wieder aufgenommen wird. Beide waren nicht immer im Einklang miteinander. Es gab eine Zeit, in der ich eine Verbindung zwischen beiden aufrecht erhalten musste (grinst), aber beide hatten das Bewusstsein, an einem  gemeinsamen Projekt teilzuhaben, das die göttliche Vorsehung von Europa wollte. Zusammen mit Helmut Kohl hat Johannes Paul II für die Freiheit und für Europa gekämpft und nicht dafür, dass Westeuropa isoliert wird. Er wollte Europa einigen und die Werte zurückbringen, die Europa vielleicht vergessen hatte. Daran müssen wir anknüpfen.

 

Sie standen auch im engen Kontakt mit Silvio Berlusconi. Die italienische Politik steht jetzt ohne ihn da. Wird nun alles besser?

 

Silvio Berlusconi ist ein sehr intelligenter Mann. Mit ihm zu arbeiten war deswegen sehr gut, denn er hat sehr viel verstanden. Auch außerhalb des Parlaments, wenn wir privat über Problemlösung diskutiert haben oder über Philosophie. Seine Regierung war ja auch keine schlechte: Es gab viele Reformen, weniger Staatsschulden, mehr Arbeitsplätze. Berlusconi hatte nur ein Problem – damals (schmunzelt). Heute hat er viele Probleme. Damals aber hatte er zu viele persönliche Interessen. Das war sein Laster. Wenn seine eigenen Interessen nicht zu sehr im Widerspruch zum Gemeinwohl gestanden hätten, wäre er ein sehr guter Staatsmann geblieben. Berlusconi hat sich sehr verändert. Ob jetzt alles besser wird? Wir werden sehen. Das hängt davon ab, ob wir die Konsolidierung schaffen.

Zur Person

Rocco Buttiglione war Vizepräsident der italienischen Abgeordnetenkammer. In der Regierung Berlusconi war er italienischer Kultur- und Europaminister. Der ehemalige Europaabgeordnete und persönlicher Berater von Papst Johannes Paul II. ist Jurist und war Professor für Politikwissenschaft und politische Philosophie. Marion Sendker ist Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie studiert Jura in Münster und zurzeit für zwei Semester in Rom.

 

Nicht nur sich selbst hat Berlusconi verändert, auch Italien. Welche Chance geben Sie Europa und Italien?

Eine gute: Wir müssen mehr informieren und uns mehr austauschen. Vor allem aber informieren und erklären: Es gibt zwei Pfeiler unserer europäischen Kultur: Jesus und Sokrates. Europa ist ja nicht nur christlich. Beide sind miteinander verbunden, wir können und müssen unendlich darüber miteinander reden. Wer nicht weiß, wer Sokrates und wer Christus waren, der ist kein Europäer.

 

Herr Buttiglione, vielen Dank für das Interview.

 

 

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