Symbolbild: Lena von Holt

Symbolbild: Lena von Holt

Blick nach vorn

Ein Kommentar von Lena von Holt

Die Franzosen schauen auf ein düsteres Jahr zurück. Genau ein Jahr ist seit dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo vergangen. Die Terroranschläge vom 13. November in Paris hatten die Ängste der Gesellschaft wieder auflodern lassen und die wieder eingekehrte Zuversicht erstickt. Schlimmer kann es nicht mehr werden, dachten sich wohl viele in Vorausschau auf das neue Jahr. Für die Franzosen gibt es auch Gründe, nach vorn zu schauen – doch dafür müssen sie in ihre Werten vertrauen.

Die rechtspopulistische Partei Front National, die sich im vergangenen Jahr zunehmender Beliebtheit erfreute, spiegelt die Stimmung in der französischen Gesellschaft wohl am besten wieder. In ihr hat sich mit der Zeit ein großer Missmut gegenüber der bestehenden Politik gefestigt. Gleichzeitig lässt der Höhenkurs der Front National, der insbesondere bei den Regionalwahlen im Dezember deutlich wurde, nichts Gutes für das kommende Jahr 2016 vermuten. Zwar findet die Präsidentschaftswahl in Frankreich erst im April 2017 statt, doch schon jetzt sind die Kandidaten auf Stimmenfang. Dabei kommt Marine Le Pen gar nicht mal so schlecht weg: Umfragen sagen ihr bereits einen Einzug in die Stichwahl voraus.

Frankreich reagiert nicht nur mit Rechtspopulismus auf den Terror, sondern auch mit einem Ausbau des Sicherheitsapparates. Diesbezüglich kam in den letzten Wochen immer wieder Kritik auf, nicht zuletzt auch von der französischen Tageszeitung Le Monde. Der noch mindestens bis Ende Februar andauernde Ausnahmezustand erlaubt der Regierung nicht nur Internetseiten zu sperren, radikale Moscheevereine aufzulösen und Verdächtige unter Hausarrest zu stellen, sondern auch Hausdurchsuchungen, die zu jeder Zeit und auch ohne richterlichen Beschluss angeordnet werden dürfen. Insbesondere das Versammlungs- und Demonstrationsverbot, das auch während der Klimakonferenz bestehen blieb, gilt als bedenklich. Diese Maßnahmen würden nicht nur Terrorismus bekämpfen, sondern auch die Bürgerrechte stark einschränken, sagen Kritiker.

10.000 zusätzliche Soldaten und Polizisten sind in ganz Frankreich im Einsatz, ein großer Teil davon in Paris. Soll man sich sicher fühlen oder Angst haben, wenn sechs Männer in Militärkleidung und Maschinengewehr auf dem Weg zum Einkaufen seinen Weg kreuzen? Nicht einfach, in Zeiten von Terror die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit zu finden. Schließlich ist Freiheit – liberté – ein Wert, den Frankreich seit der französischen Revolution mit Stolz hochhält. In Frankreich hat sich Präsident Hollande vorerst für den Schutz und die Sicherheit des Volkes entschieden.

Frankreich hat ein traumatisches Jahr hinter sich. Keine Frage. Aber neben all den negativen Schlagzeilen, dürfen die positiven nicht an Aufmerksamkeit einbüßen. Zwar erholt sich Paris nur langsam von den Anschlägen – in den Ausgehvierteln ist es leerer als sonst und der Tourismus ist zurückgegangen – doch schon in den Wochen nach den Anschlägen holten sich die Pariser ihre Freiheit zurück. Junge Menschen trotzen der Angst und wollten sich nicht vom Terror einschüchtern lassen. Sie sitzen nun wieder in Cafés und Restaurants und bringen auf diese Weise wieder Normalität in diese Ausnahmesituation. Ebenso muss auf die weltweite Solidarität verwiesen werden: Zahlreiche Bilder von städtischen Wahrzeichen, die sich in der französischen Trikolore hüllen, flimmerten an den Tagen nach dem Terror über die Bildschirme und gingen um die Welt. Ein Zusammenhalt zeigte sich auch Anfang Dezember bei der Klimakonferenz, die trotz der dramatischen Ereignisse kurz zuvor, in Paris stattfand und – soweit man es zu diesem Zeitpunkt beurteilen kann, als Erfolg gewertet werden kann. Die Welt steht zusammen – gegen den Terror.

Eines bleibt noch für das neue Jahr zu sagen: Die Franzosen dürfen ihre geschichtlich geprägten Werte nicht vergessen. Das heißt zum einen, dass sie – mit vollstem Verständnis für die Angst und Unsicherheit, die sie nach diesem traumatischen Jahr empfinden – ihre Freiheit nicht für einen übertriebenen Wunsch nach Sicherheit opfern dürfen. Die jungen Pariser machen es ihnen vor. Zum anderen, dass Gleichheit und Brüderlichkeit keinen Halt vor fremden Religionen oder Kulturen machen. Die eigenen Werte müssen auch dann eingestanden werden, wenn Menschen aus anderen Ländern auf der Flucht sind und bei uns um Hilfe bitten. An die französischen Werte „Liberté, Egalité, Fraternité“ zu glauben, heißt demnach auch, sich gegen den sich im eigenen Land ausbreitenden Nationalismus zu stellen. Dieses aufkommende Nationalgefühl, das sich einem gemeinsamen Europa und allem Fremden in den Weg stellt, lässt sich zu Beginn des neuen Jahres nicht nur in Frankreich beobachten. Er wird uns wohl auch im kommenden nicht verschonen. Doch auch gegen diese Entwicklung lässt sich – als wichtige europäische Aufgabe im neuen Jahr – nur gemeinsam ein Weg finden.

 

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