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Brexit? Ach stimmt, den gab es ja auch noch

Oxford an einem Nachmittag im Oktober. Während die Touristenbusse durch die Straßen pflügen und die Fassaden der Altstadt durch die Herbstsonne in cremefarbenes Licht getaucht werden, spaziert der ehemalige MP (Member of Parliament) von Witney in aller Seelenruhe durch die Straßen, unauffällig begleitet von zwei Leibwächtern, die mit einigen respektvollen Schritten Abstand hinter dem groß gewachsenen Politiker im dunkelblauen Anzug her schlendern.

Wäre England nicht England und die Briten nicht für ihre ausgesuchte Höflichkeit bekannt, müssten die beiden Männer in Grau vermutlich Regenschirme gegen anfliegende Tomaten und Marmite-Gläser hochhalten und gleichzeitig um Verstärkung rufen, damit „Dave“ nicht von wütenden Bürgern den Schweinen zum Fraß vorgeworfen würde. Doch in Oxford ist die Welt noch in Ordnung, zumindest so in Ordnung, dass besagter Ex-MP und gleichzeitig Ex-Premierminister David Cameron trotz Brexit, historisch schwachem Pfund und zu allem Überdruss auch noch steigenden Preisen auf besagte Marmite-Gläser, vollkommen unbehelligt durch die Straßen der Universitätsstadt schlendern kann, vermutlich auf dem Weg zu seinem alten College Brasenose, dass nach Meinung einiger spitzer Zungen als die Brutstätte des politischen Übels der vergangenen Monate gelten kann.

Denn Cameron ist fein raus. Die Geschichtsbücher werden kaum ein gutes Haar an ihm lassen, weil er den Brexit – den er niemals wollte und dann doch bekommen hat – überhaupt erst ermöglich hat, doch mit den Problemen dürfen sich jetzt andere herumschlagen. Die Marschrichtung jedenfalls steht fest. Wenn es nach Premierministerin Theresa May geht, kommt die Abspaltung, und zwar spätestens im Herbst 2017. Dann bleiben den Briten zwei Jahre Zeit, um ihren Austritt zu verhandeln, bevor die Landungsbrücke hochgezogen wird und die „Britannia“ ungewissen Ufern entgegensteuert – oder sich eine Weile im Kreis dreht und im schlimmsten Fall einen Eisberg rammt.

Doch die Panik, noch allgegenwärtig in den Wochen nach dem Referendum, hat sich gelegt und ist der typischen „Keep calm and carry on“–Mentalität gewichen, nur durchbrochen vom gelegentlichen Stöhnen, wenn das Pfund einmal mehr auf Talfahrt geht und der Sommerurlaub in Spanien beim Buchen teurer wird, als gedacht. Abgesehen von vereinzelten „Stronger In“-Aufklebern und EU-Flaggen, die einsam in so manchem Fenster hängen, scheinen sich die Einwohner der „Remain“-Hochburg Oxford mit dem Unvermeidlichen arrangiert zu haben. Was bringt es auch zu protestieren, wenn die hohen Herren und Damen in Westminster ohnehin ihr eigenes Ding machen. Nur als einmal ein über und über mit jingoistischen Sprüchen beklebter LKW durch die Straßen fährt, während aus Lautsprechern methusalischen Alters die sonst so süßen Töne der Hymne „Jerusalem“ scheppern und dem Lied auch noch den letzten Rest Pathos rauben, schütteln einige Passanten die Köpfe und wenden sich angeekelt ab. Nur einer kann sich nicht zurückhalten und zeigt dem Fahrer ganz offen den Finger. Das war es dann aber auch schon mit der Revolution, die ist den Briten traditionell sowieso eher unheimlich. Man spürt: Der Frust, er sitzt tief bei den Europa-Befürwortern. Ein Ventil haben sie offenbar noch nicht gefunden. Zumindest fürs Erste kann David Cameron also unbesorgt durch die Straßen spazieren. Keep calm and carry on.

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