Schwedische Münzen: Die meisten Leute benutzen sie nicht mehr, sondern bezahlen lieber mit Karte. Foto:Scheppe

Schwedische Münzen: Die meisten Leute benutzen sie nicht mehr, sondern bezahlen lieber mit Karte. Foto: Scheppe

Card is King

Schweden: Gezahlt wird mit Kreditkarte und mit Handy, Bargeld ist unbeliebt

„3,50 Euro, bitte.“ – „Ich würde gern mit Karte zahlen.“ An einer Supermarkt-Kasse in Deutschland ist eine solche Situation kaum vorstellbar. In vielen Läden ist die Kartenzahlung bei einer solch geringen Summe erst gar nicht möglich, und auch wenn es kein Limit für die Kartenzahlung gibt, würde man vom Kassierer zumindest einmal einen fragenden Blick ernten. 1.200 Kilometer weiter nördlich, in Schweden, ist eine solche Situation Teil des Alltags.

„Ich mag es nicht Bargeld dabei zu haben“, sagt Molly Brander. „Bargeld nimmt nur Platz weg und man kann es schnell verlieren.“ Die 21-jährige Jura-Studentin steht sinnbildlich für die junge Generation der Schweden. „Card is King“ könnte man sagen, zumindest in Skandinavien. 270 Kartenzahlungen tätigt der Schwede jedes Jahr, sagen die Statistiker der Europäischen Union. Damit führen die Skandinavier die Statistik an. Am anderen Ende stehen die Deutschen: Lediglich 40 Mal pro Jahr wird die Zahlkarte gezückt. Nur fünf EU-Länder zahlen noch weniger mit Karte, darunter Rumänien, Bulgarien und Griechenland. In Deutschland wird jeder zweite Einkauf in bar gezahlt. In Schweden ist es nur jeder fünfte – Tendenz: abnehmend! Ähnlich ist die Situation auch in anderen skandinavischen Ländern, etwa in Dänemark und Norwegen.

 

Karte für Klingelbeutel

 

Kartenzahlung, das geht in Schweden überall: Beim Bäcker, im Kiosk, im Snackautomaten an der U-Bahn-Station. Sogar die Obdachlosenzeitung kann mittlerweile bargeldlos erworben werden. Und auch die Kollekte in den Kirchen werden immer häufiger per Karte bezahlt. Kartenautomaten in den Kirchen sind in Schweden keine Seltenheit.

Einen Mindestbetrag für Kartenzahlung, wie er in Deutschland teilweise üblich ist, gibt es in dem skandinavischen Land nicht: 10 Kronen, umgerechnet etwas mehr als einen Euro, kostet die Benutzung der öffentlichen WC-Anlage am Hauptbahnhof. Auch das wird oft mit Karte bezahlt. Cash ist nicht gern gesehen, viele Kneipen und Restaurants bevorzugen die Kartenzahlung, bar zu bezahlen ist teilweise gar nicht mehr möglich.

 

Bank ohne Bargeld

 

Was für viele Deutsche wohl unvorstellbar klingt: Vielerorts nehmen die Banken schon kein Bargeld mehr an. Die Zahl der bargeldlosen Banken steigt an. Dabei war Schweden 1661 das erste Land in Europa das Geldscheine eingeführt hat. Vielleicht wird es auch das erste sein, das sie wieder abschafft. In 20 Jahren könnte das möglich sein, sagen Experten. Die Bevölkerung setzt immer mehr auf den digitalen Zahlungsverkehr, auch die Jura-Studentin Molly Brander. „Mit Karte zu bezahlen ist einfach praktisch: Man braucht eben nur die eine Karte, statt die vielen Scheine und Münzen.“

Bezahlen mit Kreditkarte ist nicht nur praktisch, sondern soll auch kriminelles Handeln erschweren: Das Diebstahlrisiko sinkt und auch Geldwäsche ist ohne Bargeld praktisch sinnlos. Ähnlich argumentiert auch das Abba-Museum. Tickets können dort nur noch mit Karte erworben werden. „Wir akzeptieren kein Bargeld, weil wir glauben, das bargeldloses Bezahlen sicherer und effizienter ist, und zwar für unsere Besucher und unsere Mitarbeiter“, heißt es auf der Homepage des Museums.

Das Bezahlen mit Kreditkarte hat in Schweden auch ganz praktische Gründe: Das Land ist weit gestreckt, nur knapp 10 Millionen Menschen leben dort. Da kann der Weg zum nächsten Geldautomaten ziemlich schnell ziemlich weit werden. Und auch für Touristen hat das bargeldlose Bezahlen Vorteile, denn der Geldwechsel am Flughafen ist nicht mehr unbedingt nötig, die Kreditkarte funktioniert in allen Währungen. Denn in Schweden wird nicht mit dem Euro bezahlt – obwohl es Mitglied der EU ist. Zuletzt hatte sich das Land 2003 in einer Volksabstimmung gegen die Einführung des Euro ausgesprochen. Die Schweden mögen zwar kein Bargeld, aber an ihrer eigenen Währung wollen sie festhalten.

 

Kehrseite der Karte

 

Trotz der Vorteile: das bargeldlose Bezahlen hat nicht nur Fans. Insbesondere die älteren Leute setzen auf Schein und Münze. „Meine Großeltern haben vor einigen Jahren, als sie noch lebten, alles mit Bargeld bezahlt. Meine Oma hatte immer einen riesigen Geldbeutel dabei. Und zum Geburtstag gab es auch immer Bargeld“, so Molly Brander. An der Supermarktkasse ist das gut zu beobachten: Die älteren Damen und Herren bezahlen bar, sie sind daran gewöhnt. Sie haben das Gefühl ihre Ausgaben besser kontrollieren zu können, wenn sie mit Bargeld zahlen. Einen Euro, den man nicht hat, kann man bar auch nicht ausgeben – mit der Kreditkarte ist das anders. Man hat zwar auf der Kreditkartenabrechnung einen genauen Überblick, was man am Vorabend in der Bar so alles getrunken hat, dann aber ist das Geld schon weg.

Ein weiterer Nachteil beim Bezahlen mit Kreditkarte: Man hinterlässt eine digitale Datenspur, bei jeder Transaktion. Ein Grund für viele Deutsche nicht mit der Plastikkarte zu zahlen. Bei den jungen Schweden ist das anders: „Damit habe ich überhaupt kein Problem“, sagt Molly Brander.

Cooler als jede Karte ist aber die App „Swish“. Damit schicken sich viele Schweden Geld übers Handy direkt aufs Konto. Mit nur einem Klick ist die Überweisung getätigt, in Sekundenschnelle hat das Gegenüber sein Geld. Für Molly Brander ist die App, die 2012 in Schweden und Dänemark eingeführt wurde, nicht mehr wegzudenken. Sie nutzt „Swish“ fast jeden Tag. „Wenn wir Konzerttickets kaufen, streckt einer das Geld mit seiner Kreditkarte vor und die anderen „swishen“ ihm das dann rüber. Es ist einfach so viel besser als sich Bargeld hin- und herzuschieben.“ Auch in immer mehr Geschäften kann mit „Swish“ bezahlt werden. Nach Unternehmensangaben wird die App jeden Monat für 6,5 Millionen Überweisungen genutzt – Tendenz: steigend.

Trotz der Vorliebe für bargeldloses Bezahlen: In diesem und im vergangenen Jahr führt die Schwedische Reichsbank neue Münzen und Scheine ein – auch als Symbol dafür, dass eine komplette Abschaffung des Bargeldes erst einmal nicht geplant ist. Sie sind leichter und sollen sicherer sein als die alten. Denn auch wenn sie im Supermarkt nicht mehr besonders häufig gebraucht werden: Für den Einkaufswagen ist die gute alte Münze immer noch viel nutzvoller als die Kreditkarte.

 

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