Foto: Eva-Maria Meßerschmidt

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Die Chabos wissen wer der Babo ist

Er ist ein Paradebeispiel für Integration: Sargon Yigit, der Assyrer, der sich als Kind gerne mal geprügelt hat, steht heute im Labor und will Krankheiten besiegen. In seinem Inneren ist er der Junge von der Straße geblieben.

„Shlomo“. Das ist sein Lieblingswort. Es ist Aramäisch und bedeutet so viel wie „Hallo“ und „Friede“. Aramäisch ist eine seiner beiden Muttersprachen. Er, Sargon Yigit, 28 Jahre alt: Deutscher, Assyrer. Doktor der Molekularen Biomedizin in spe, noch kein Nobelpreisträger für Medizin, dafür aber erfolgreicher Hantelbankdrücker im Fitnessstudio. Für seine Freunde ist er der „Babo“, der „Chef“. Unter blauen Augen thront seine Nase: Sie ist groß, breit und hügelig; fast so wie das Taurusgebirge im Südosten der Türkei. Eine „Assyrer-Nase“ hat er und grinst stolz, denn sie ist ein Markenzeichen seiner Herkunft.

Sargons Lieblingsfarbe ist Blau. Wie seine Augen. Die sind richtig deutsch-blau. Abgesehen davon gibt Sargon bildlich eher den Prototypen des „Ausländers“ ab. Er ist groß, muskulös, hat eine dunkle Hautfarbe, noch dunklere Haare und wäre da nicht sein freundliches Lächeln auf den eher dicken Lippen, dann wäre er ganz klar der Typ Mensch, dem man unbewaffnet nicht im Dunkeln begegnen möchte. „Ich glaube, ich bin ein Macher, ein Alphatier halt. Das ist eine große Stärke“, beschreibt er sich selbst. Man respektiert ihn, Sargon – den „wahren König“, denn das bedeutet sein assyrischer Name.

 

Der Mann mit den zwei bis drei Kulturen

Kurz vor Weihnachten Ende der 80-er Jahre wurde Sargon in Bremen geboren. Damals bestimmte das deutsche Gesetz, dass er Türke ist, da seine Eltern im Staatsgebiet der Türkei geboren waren und demnach zum damaligen Zeitpunkt noch von den Behörden als Türken registriert worden waren. Die Eltern lehnten es aber ab, ihre Kinder beim türkischen Konsulat zu melden, denn die Christen in der Türkei wurden politisch und religiös verfolgt. “Meine Eltern haben das Trauma unserer Glaubensgemeinschaft nicht vergessen. Deshalb wollten sie nicht, dass ich, wenn auch nur kurz, die türkische Staatsbürgerschaft habe.” Die Folge: Sargon und seine Geschwister waren faktisch staatenlos. Mit 16 wurde Sargon dann in Deutschland nach dem Mehrstaatigkeitsprinzip eingebürgert und sollte sich zwei Jahre später für die deutsche oder die türkische Nationalität entscheiden. Den Regeln nach hätte er sich dazu aber zuerst beim türkischen Konsulat nachregistrieren lassen müssen, um so die türkische Staatsangehörigkeit anzunehmen und sie daraufhin wieder ablegen zu können. Diesem rechtlichen, ethnischen und gesellschaftlichen Chaos zum Trotz erhielt Sargon mit 18 Jahren ein Papier, das ihm bestätigt, was er schon seit dem Tag seiner Geburt fühlt: die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die Bundesrepublik ist sein Lieblingsland. Er mag die deutsche Pünktlichkeit, die sauberen Städte, die deutsche Infrastruktur, die Mantaplatte, die deutsche Bildung: „Ich bin Deutschland dankbar dafür, dass ich hier die bestmögliche Bildung genießen durfte und noch genießen darf. Und dafür, dass ich hier frei meine Meinung äußern kann und nicht aufgrund meines Glaubens und meiner Ethnie verfolgt werde“, sagt Sargon.

Sargon ist überzeugter Deutscher und bekennender Assyrer. Seine Wurzeln liegen in der anatolischen Stadt Beth-Nahrin, das ist der aramäische Name für das Zweistromland Mesopotamien. Sargon gehört einem Volk an, das es schon doppelt so lange gibt, wie die westliche Zeitrechnung. Seit mindestens 2000 vor Christus leben Assyrer in Gegenden im Nordirak, in der Osttürkei und in Syrien. Sie gehören zur ethnischen Gruppe der Aramäer und umgekehrt: Assyrer und Aramäer sind ein und dasselbe Volk. In ihrer gemeinsamen Sprache Aramäisch heißen beide Suryoye; die namentliche Unterscheidung im Deutschen etwa ist politischen Diskursen geschuldet. Wenn Sargon Aramäisch spricht, dann nimmt er die Sprache Jesus Christus´ in den Mund; denn wie Sargon heute, hat sich Jesus damals mit seiner Familie auf Aramäisch unterhalten.

 

Teil einer Minderheit

Heute gibt es nur noch schätzungsweise drei Millionen Assyrer. Sie leben weltweit in mehr als 37 Ländern; rund 70.000 von ihnen in Deutschland.

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Für Sargon Yigit kam die Familie immer an erster Stelle.

„Assyrer zu sein bedeutet, einen eigenen Beitrag zu leisten, damit die Tradition, die altassyrische und babylonische Geschichte und Kultur und Sprache der Assyrer nicht verloren gehen“, erklärt Sargon die Bedeutung seiner Herkunft. Diesen Beitrag leistet er zum Beispiel als Dialogbeauftragter für Nordrhein Westfalen im Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland. Außerdem ist er Mitglied in einer deutschen, von aramäischen und assyrischen Akademikern gegründeten Organisation zur Bildungsförderung von anderen Suryoye-Migranten. Dort leitet und konzipiert er Workshops, ist Studienberater für naturwissenschaftliche Fächer, Kumpel und Ansprechpartner.

 

Bilderbuchintegration in den späten 80-ern

Sargons Geschichte beginnt 1985 mit der von Unterdrückung und Verfolgung gekennzeichneten Lage der Assyrer im Osten der Türkei. In zwei Koffer hatten seine Eltern eilig ihre zwei Leben packen müssen. Dann ging es los: von Mesopotamien aus über Istanbul nach London und von dort dann über Belgien nach Bremen. Die Hansestadt gewährte den beiden damals Asyl. Die damals frisch Verheirateten fassten relativ schnell Fuß in Deutschland, absolvierten Deutschkurse und passten sich an, ohne die eigene Kultur zu vernachlässigen. „Mein Vater ging mit Anfang 20 wieder zur Schule, machte den Hauptschulabschluss mit Quali, absolvierte sein Fachabitur, um später in Bremen Diplom-Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialarbeit mit Minderheiten an der Fachhochschule Bremen zu studieren“. Die Mutter war als ausgebildete Schneiderin anfangs noch beruflich tätig, gab ihren Job aber nach der Geburt des ersten Sohnes auf und kümmerte sich fortan ausschließlich um die Familie und den Haushalt. Sargon und seine drei Geschwister wurden bilingual und bikulturell erzogen: auf deutsch und auf aramäisch.

 

Kindheit zwischen Plattensiedlung und platten Sprüchen

Der Ortsteil Grohner Düne in Bremen, irgendwann in den 90-er Jahren: Wie eine Treppe windet sich die Großwohnanlage auf engstem Raum gen Himmel. Bis zu 16 Stockwerke, 55 Meter hoch, Platz für 570 Wohnungen. Damals wie heute bezeichnen Politiker und Medien den Stadtteil als „Quarttier mit besonderem Entwicklungsbedarf“, als „sozialen Brennpunkt“. Hier, in der Grohner Düne, die später als „gescheitertes Integrationsprojekt“ bezeichnet werden wird, wächst Sargon auf. Zwischen Plattenbau und platten Sprüchen wohnt der damals zehnjährige mit seiner Familie; im 4. Stock. Da sind der ältere Bruder Emanuel, die jüngeren Geschwister Semiramis und Elio, Mama Nura und Papa Ibrahim.

Das Leben in der verdichteten Hochhaussiedlung war nicht einfach: „Wir wohnten in einer Gegend, in der vor allem soziale Problemgruppen und schwer integrierbare Zuwanderer lebten.“ Wachsende Konflikte, Verwahrlosung und steigende Kriminalität bestimmen Sargons Alltag in Bremen. Großmäulige Jugendliche aus aller Herren Länder ziehen durch die engen Häuserschluchten und klopfen dabei mehr als nur ein paar Sprüche. Sargons Freunde sind vor allem Kurden, Türken und Araber. Es gilt: Einer für alle – Alle für einen. „Der Zusammenhalt untereinander war unglaublich. Wir hielten stets zusammen. Wenn einer Stress oder Probleme mit jemanden hatte, waren alle da und haben unterstützt.“ Mit seiner Kinderclique auf Streifzug durch die Siedlung lernt er nicht nur die Werte Loyalität und Freundschaft kennen, sondern er lernt auch, sich durchzuschlagen; nicht mit Worten, sondern mit den Fäusten – zusammengeballt und energiegeladen.

Mit einem Fußball bewaffnet ging Sargon jeden Tag in die Schule. Das Fußballspielen stand damals jeden Tag an, sei es in der Jugend beim örtlichen Verein oder auf der Straße. „Nach der Schule und dem Mittagessen sind mein Bruder und ich immer raus: Fußballspielen!“ Die ganze Familie ist fußballbegeistert. Alle Geschwister spielen noch heute. Durch den Vereinssport hat Sargon die deutschen Kinder von einer ganz anderen Seite kennengelernt, als neben ihm auf der Schulbank.

 

Tausche Hochhausblock gegen Kuhfladen

Sargon war zwölf, da starb seine Oma. Für den Jungen war das ein Schock. Sie war neben seiner Mutter eine zentrale Bezugsperson seiner Kindheit. Der Tod der geliebten Oma reißt ein großes Loch in das Familienleben der Yigits. Wie im orientalischen Kulturkreis üblich, beschlossen die Eltern daraufhin, in die Nähe anderer Verwandten zu ziehen. Ein Jahr später verließen sie Bremen und fuhren ins ländliche Münsterland, um in dem kleinen Städtchen Ennigerloh eine neue Heimat zu finden. Für Sargon war der Umzug in jeder Hinsicht ein Kulturschock: „Wenn ich noch in Bremen umgeben war von Ausländern, so war mein Umfeld von nun an nur noch ‚deutsch geprägt’.“

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Sargon verstand es, sich neuen Situationen anzupassen. Eine Fähigkeit, die ihn die verschiedensten Einflüsse aufsaugen ließ.

Ennigerloh ist keine Großstadt wie Bremen: Gerade die täglichen Grundbedürfnisse sind in dem Städtchen inmitten von Landwirtschaft und Bauernschaften abgedeckt. Auch wenn Sargon zu Beginn noch seinen Straßenfreunden, seinen „Brüdern“ hinterherweinte, schaffte er es, sich an das ländliche Umfeld zu gewöhnen und das Münsterland lieben zu lernen. Dabei haben ihm zwei Dinge vor allem geholfen: Zuerst seine Familie, denn die ist das wichtigste in seinem Leben. „Wenn ich mit meiner Familie bin, fühle ich mich wohl, geborgen, heimisch, kann mich fallen lassen und den Alltag loslassen.“ Daneben spielte die Schule plötzlich eine ganz neue Rolle in Sargons Leben. Mit dem Umzug kam für ihn als erster in der Familie der Wechsel auf das Gymnasium im Nachbarort. Besonders angetan haben es ihm die Fächer Mathematik und Biologie. Vor allem sein Interesse an Biologie war schon als Kind sehr ausgeprägt: Von Beginn an versuchte er den hohen Anforderungen dort gerecht zu werden; mit Erfolg. Sieben Jahre später erlangt er die deutsche Hochschulreife – als Stufenbester. Sogar im Sekretariat des Kopernikus-Gymnasiums in Neubeckum erinnert man sich heute noch an den aufstrebenden Assyrer: „Er trat immer sehr selbstbewusst und höflich auf“, bemerkt die Sekretärin Petra Schäfer. Der typische Streber war er aber nie, sagt sein ehemaliger Biolehrer, Ulrich Strotbaum. Das Erhalten des Abiturzeugnisses ist das Highlight seiner Jugend, sagt Sargon. Dieses Stück Papier bedeutete ihm Freiheit: „Nachdem ich nun 13 Jahre lang Lehrer hatte, die mich unterrichtet und kontrolliert haben, begann nun der Abschnitt des Studiums, ab dem ich quasi mein eigener Chef bin.“ Von nun entscheidet er, wann er was wie macht. Ein Biochemiestudium soll es sein und zwar in Bielefeld.

 

Zwei Engel für Sargon

Noch während Sargon seinen Bachelor absolviert, geschieht etwas, was das Leben der Familie Yigit für immer verändern wird: Mama Nura stirbt. Die Trauer um sie schweißt die Bande noch mehr zusammen; vor allem die Kinder. „Ich habe damals meiner Mama, kurz bevor sie verstorben ist, versprochen, dass ich mich um meine Geschwister und um meinen Vater kümmern werde“, sagt Sargon, der sich von nun an ganz besonders um seine jüngere Schwester Semiramis gekümmert, damit diese wiederrum ihren jüngeren Bruder Elio unterstützen konnte.

Den schmerzhaften Verlust seiner Mutter verkraftet Sargon vor allem durch den enormen Zusammenhalt in der Familie und durch sein Gottvertrauen. „Der Glaube an Gott gibt mir Kraft, motiviert mich und lässt mich auch in verzweifelten und aussichtlosen Situationen nicht die Hoffnung verlieren.“ Er ist syrisch-orthodoxer Christ. Seine Religion ist Teil seiner Identität, seines Alltags. Der Lehre nach glaubt Sargon an die Auferstehung der Toten. Schon jetzt leben seine Mama und Oma in seinem Herzen weiter und sind dadurch noch sehr präsent in seinem Leben. Die beiden Frauen sind zu einer Energiequelle geworden: „Ich glaube, dass mir meine Mama und meine Oma immer wieder ihre Kraft zur Verfügung stellen, dass ich meine Aufgaben zu Ende machen kann; sei es beim Sport, beim Lernen für Prüfungen oder beim Vorbereiten von Vorträgen.“

Als er ein Jahr später den Bachelor und drei weitere Jahre später den Master in der Tasche hat, freut er sich auf seine Art: nach innen hinein. Er ist nicht der Typ, der die Note seiner Masterarbeit bei Facebook postet. „Ich habe nicht das Bedürfnis, mein Glück und meinen Erfolg mit anderen Menschen zu teilen. Ich genieße im kleinen Kreis, mit mir, in meinem Glauben, danke Gott und meinen beiden Schutzengeln, meiner Mama und meiner Oma.“

 

Professor Sargon und die Zebrafische

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Wenn er die Zeit zurückdrehen würde, würde Sargon vielleicht Medizin studieren. Foto: Eva-Maria Meßerschmidt

Nach dem Master in Molekularer Biomedizin erhält er die Zusage für eine Promotion im Institut für Zellbiologie am Universitätsklinikum Münster. Seitdem dreht sich sein Leben um die Zellwanderung im Zebrafisch. Diese Tierart eignet sich besonders als Modellorganismus für die biomedizinische Grundlagenforschung. Mit seiner Promotion möchte der Professor, wie ihn seine Freunde schon seit der Schulzeit nennen, einen Beitrag leisten, um Krankheiten auf der Ebene ihrer Ursache besser therapieren zu können.

Seit zwei Jahren steht er von morgens 8 Uhr an mindestens zehn Stunden lang im Labor und seziert seine Fische. Nach dem Labor ist Zeit für Jogginghose und weites Shirt: Sargons Lieblingsoutfit. Darin entspannt er erst eine halbe Stunde zu Hause mit Ludovico Einaudi, und spielt danach Fußball oder drückt im Takt zu Hip-Hop-Hymnen im Fitnessstudio die Hantelbank.

Sein Alltag ist sehr durchstrukturiert. Sogar das Frühstück folgt klaren Regeln: Jeden Tag gibt es Haferflocken mit Honig und Milch, bis auf mittwochs und freitags. Da gibt es Brot mit Marmelade und Margarine. Dazu gibt es jeden Morgen eine Tasse voll mit Heimat. Noch viel dunkler als seine Haare ist das Heißgetränk, das Sargon sich jeden Morgen anrührt: Instantkaffee. Was für die Mehrheit der Deutschen maximal als Notlösung durchgeht, ist für Sargon ein Stück zu Hause. Er trinkt nur Instantkaffee, denn „bei uns zu Hause gibt es nichts anderes.“

 

Erfolgsrezepte eines Babo

Die Struktur dient einem klaren Ziel: Sargon will seine Promotion erfolgreich abschließen. „Es ist momentan die größte Herausforderung meines Lebens. Früher war es das Abi, dann der Bachelor, gefolgt vom Master.“

Das Handwerkszeug dafür hat er schon in seiner Kindheit gesammelt. Bildung war zentrales Element in der Erziehung und gilt für Sargon als Türöffner für alle seine Wünsche. „Mein Papa predigte meinen Geschwistern und mir von klein auf, dass Wissen Macht ist. Er sagte dann: Ohne Fleiß, keinen Preis. Oder: Übung macht den Meister.“ Gerade im Laboralltag sind diese Sätze Programm. Die meisten Versuche eines Forschers gehen schief und wer in der Wissenschaft Erfolg haben will, muss am Ball bleiben.

Das stete Arbeiten schafft außerdem Bodenhaftung. Auf dem Teppich zu bleiben, wurde Sargon und seinen Geschwistern von klein auf eingebläut. Wie ein inneres Mantra sagt er die mahnenden Worte seines Vaters auf: „Egal, wie erfolgreich, gut, reich Du bist: Vergiss nie, wo du herkommst und wo die Wurzeln Deiner Eltern liegen! Lebe nie über Deine Verhältnisse und vergiss nicht, dass Geld nicht alles ist auf der Welt! Sei immer hilfsbereit, auch wenn Dich Deine Mitmenschen verletzen. Sei barmherzig, demütig und stets respektvoll im Umgang mit ihnen.“ Daran und an das Motto: „Vor der Herausforderung ist nach der Herausforderung“ hält Sargon sich bis heute.

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Als Student ist er der Verbindung K.St.V. Germania beigetreten. Foto: Eva-Maria Meßerschmidt

 

Nichts ist unmöglich

Sargon Yigit ist Optimist. Was er will, das schafft er. Dabei spornt ihn ein Zitat des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela besonders an: It always seems impossible until it’s done.

Sargon stand und steht oft vor schwierigen Aufgaben und Herausforderungen. Sei es die Masse an Lernstoff bei Klausuren, der Bachelorabschluss nach dem Tod seiner Mutter oder die Durchführung von unmöglichen Experimenten: Durch die Verinnerlichung der Aussage, die hinter diesem Satz steht, hat ihm die Kraft gegeben, nicht aufzugeben und es weiter zu versuchen, bis es endlich klappt. „Es ist eine Frage der Disziplin, der Willenskraft, etwas schier Unmögliches zu schaffen.“

Unerreichbar schien für Sargon zum Beispiel ein mehrmonatiger Forschungsaufenthalt in den USA im Rahmen seines Masterstudiums. Aus dem großen Bedürfnis heraus, die Forschung in den Staaten kennenzulernen, schrieb er eigeninitiativ 20 Professoren in den USA an und bat sie um einen Forschungsaufenthalt in ihrem Institut. Sargons Karten schienen schlecht: Mittelmäßiges Englisch, keine Auslandserfahrung und außer einem Stipendium bei der Konrad-Adenauer-Stiftung hatte er nur seine Willenskraft und seinen Optimismus vorzuweisen. Aber: „Am Ende hat es geklappt, das Unmögliche wurde wahr und ich hab in den USA geforscht.“

Diese positive Lebenseinstellung hat Sargon sich bei seinen Eltern, vor allem seinem Vater abgeschaut. Aktuell inspiriert ihn besonders sein Großvater: Melki aus einem Dorf im Südosten der Türkei, Bauhjahr 1931.

Nach einem schweren Verkehrsunfall im Oktober 2013 muss Sargon ihn auf der Intensivstation besuchen. Die meisten Verwandten hatten die Hoffnung schon aufgegeben . Opa Melki sei zu alt, zu schwach – seine Verletzungen zu schwer. Aber so wie Sargon ist auch sein Opa ein hartnäckiger Mann. Mehrere Operationen am vom Unfall zersprengten Fußgelenk, im Kopf und an der Wirbelsäule und auch die lange Zeit auf der Intensivstation haben ihn nicht davon abgehalten, wieder gesund zu werden und seiner Leidenschaft, dem Spazierengehen, wieder auszuleben. Wenn Sargon heute seinen Opa fragt, was mit ihm passiert sei, dann antwortet er ,,Ich bin kurz entschlafen, Gott begegnet und dann wieder von den Toten auferstanden“.

Heute wohnt der 83-jährige in einer Seniorenresidenz. Es ist Sargon ein Herzenswunsch, dass sein Opa wieder nach Hause kommen kann. In der Residenz hört er alte Kassetten mit Flötenmusik: Die hat er aufgenommen, als er noch flöten konnte. Die Instrumente hat er früher selbst gemacht, – aus einem Stück Holz und mit Kreativität statt einer Anleitung. Für Sargon ist der alte Mann mit dem besonderen Hobby eine Kraftquelle: „Immer wenn ich ihn sehe, strahlt mein Herz und ich fühle mich gut. Mein Großvater ist mein persönlicher Lieblingsmensch.“

Manchmal wäre Sargon gerne ein Rentner. Für einen Tag mit einem alten Mann das Leben tauschen, der alles, was ihm wichtig war, erreicht hat; der glücklich, unbekümmert und sorgenfrei ist. Er würde einen Tag lang an nichts denken und die Seele baumeln lassen. Dann würde er sich zu seinem Opa setzen und mit ihm einen Tag lang gemeinsam an nichts denken, außer an Spazierengehen und assyrische Flötenmusik.

Bis dahin hat Sargon noch einiges vor: Promotion, Forschung, eine Familie gründen und am liebsten eine neue Medizin oder Behandlung für eine Krankheit finden. Außerdem gibt es noch einen stillen Kindheitswunsch: „In frühen Jahren träumte ich davon, mal in einem Lexikon einen Artikel über meine Person zu lesen. Als Kind habe ich sehr gerne im Brockhaus-Lexikon gelesen und immer die Persönlichkeiten bewundert, die es soweit gebracht haben.“

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Gelungene Integration

    Schön geschrieben! Ich konnte mich stellenweise sehr mit Sargon identifizieren und weiß auch aus persönlicher Erfahrung, dass es in Deutschland noch mehr dieser Erfolgsgeschichten unter Immigranten mit. Leider interessieren sich die Mehrheit und die Medien aber nicht für diese Geschichten. Gerade in der heutigen Zeit, wo es am angebrachtesten wäre, liest man leider viel zu selten über gelungene Integration, während hingegen prügelnde und raubende Ausländer beinahe täglich die Schlagzeilen der deutschen Medien schmücken. Schön das jemand auch zeigt wie es anders geht!

    Beste Grüße