Lorbeeren statt Lösungen? Hubertus Heil, Achim Dercks, Ernst Burgbacher, Sándor Mohácsi, Christian Rauch und Moderator Thorsten Alsleben.

Berlin 25.04.2013 FOTO : YORCK MAECKE Generationengipfel 2013 am Pariser Platz in der Allianz Kulturstiftung.

Das gute Beispiel?

Die Wirtschaftsjunioren diskutierten in Berlin über Deutschlands Vorbildfunktion in Europa. Doch trotz der guten Stimmung konnte man kein Rezept gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Nachbarländern finden. 

Von Selina Marx

Lorbeeren statt Lösungen? Hubertus Heil, Achim Dercks, Ernst Burgbacher, Sándor Mohácsi, Christian Rauch und Moderator Thorsten Alsleben.
Lorbeeren statt Lösungen? Hubertus Heil, Achim Dercks, Ernst Burgbacher, Sándor Mohácsi, Christian Rauch und Moderator Thorsten Alsleben.

Sándor Mohácsi ist ein Macher: Als er 2005 sein erstes Unternehmen gründete, war er gerade einmal Mitte 20. Mittlerweile beschäftigt er zehn Angestellte. Um über einen europäischen Pakt gegen Jugendarbeitslosigkeit zu reden, wäre er also genau der richtige Gesprächspartner. Doch an diesem Abend Ende April in Berlin soll nicht Mohácsi als Gastgeber im Mittelpunkt stehen, sondern seine Gäste. Die Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD), deren Vorsitzender Sándor Mohácsi ist, haben junge Erwachsene aus vier europäischen Ländern ins Atrium der Allianz Bank eingeladen, um über die Jugendarbeitslosigkeit in ihrer Heimat zu berichten.

Dort, wie fast überall in Europa, hängen Zahlen bedrohlich in der Luft: 5,6 Millionen Menschen unter 25 Jahre sind in der EU derzeit arbeitslos. In Griechenland machen sie mit 57,9 Prozent aller Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt (also ohne Schüler und Studenten) die Mehrheit aus. Düster sieht es auch in anderen EU-Staaten aus: Italien kämpft mit einer Quote von 36,9 Prozent, Frankreich hängt bei 25,4 Prozent. Die Medien sprechen von einer „lost generation“.

Lukas R. ist nicht verloren. Direkt nach seinem Politikwissenschaftsstudium an der traditionsreichen Universität in Bologna hatte er einen Job in der Tasche. Jetzt arbeitet er in einer kleinen Leipziger Produktionsfirma. Er fühlt sich wohl in Deutschland. Nur selten vermisst er Italien. Aber wie wird dort eigentlich seine neue Wahlheimat gesehen, will der Moderator auf dem Podium wissen. Lukas R. lehnt sich in seinem Stuhl zurück und erklärt auf Deutsch seine italienische Sicht der Dinge. Nein, Deutschland sei gar nicht unbeliebt, auch nicht bei seinen sizilianischen Freunden im armen Süden des Landes. Es sei vielmehr Vorbild. Kein Wunder – gerade einmal 7,9 Prozent der Jugendlichen sind in Deutschland arbeitslos gemeldet. Die Politiker, die am Rand auf ihren Auftritt warten, nicken begeistert. Das Publikum staunt. Wohlwollende Worte aus den Nachbarländern für die Wirtschaftsmacht Deutschland sind seltener geworden. Und dennoch wollen viele junge Erwachsene aus Europa das erreichen, was Lukas R. bereits hat: einen Job, eine Perspektive, und zwar gerne in Deutschland, an dem die Krise einfach abzuperlen scheint.

Das Impulsreferat eines weiteren Redners, aus Finnland, bestätigt die Sicht von Lukas R. Ob aus dem hohen internationalen Ansehen eine Verpflichtung für die Bundesrepublik resultiert, soll nun auf dem Podium geklärt werden. Nach den lobenden Eingangsworten ist die Stimmung gut. Scherzend nehmen SPD’ler Hubertus Heil und FDP-Mann Ernst Burgbacher Platz. Neben den Berufspolitikern sitzen Christian Rauch von der Bundesagentur für Arbeit, Achim Dercks, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), und Sándor Mohácsi selbst. Doch statt wie vorgesehen nach Lösungen zu suchen, versuchen die Teilnehmer, die gerade verteilten Lorbeeren zu ernten. „Danke, Agenda 2010!“, tönt es von Seiten der SPD. „Alles Quatsch“, kontert Burgbacher von der FDP. Die Weichen seien viel früher gestellt worden. Und außerdem mache Schwarz-Gelb gerade alles richtig. Bevor sich die politischen Streithähne in Wahlkampfparolen verlieren, interveniert Moderator Thorsten Alsleben. Kann und muss Deutschland helfen? Einstimmiges Nicken. „60 Prozent unserer Exporte gehen in die EU. Wenn diese Länder an Kaufkraft verlieren, hängen wir da mit drin“, sagt Heil. „Aber wir müssen aufpassen“, warnt Rauch (Bundesagentur für Arbeit). Die Bildungsunterschiede zwischen den EU-Ländern seien gewaltig, trotz der Bologna-Reform. Und dann seien da ja auch noch die Sprachbarrieren. Wieder einstimmiges Nicken. Ein paar mehr Floskeln werden noch ausgetauscht, dann lehnen sich die Herren entspannt zurück. Die Zeit ist fast um. Man blickt zufrieden ins Publikum.

Nur Jungunternehmer Mohácsi schaut ein wenig verloren drein. Was Wirtschaft und Politik denn nun konkret zu tun gedenken, fragt er. Doch da ist die Diskussionszeit schon abgelaufen. Dabei hätte Mohácsi wahrscheinlich noch einiges zu sagen gehabt: Etwa, dass es sich für Unternehmer wie ihn lohnt, über den deutschen Tellerrand zu schauen. Dass dort draußen im Dickicht der Jugendarbeitslosigkeit viele qualifizierte Arbeitskräfte auf eine Chance warten – wie Lukas R. Die Produktionsfirma in Leipzig, für die er arbeitet, gehört übrigens Sándor Mohácsi.

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