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Das Unglück der Wirtschaftsmigranten

Wer aus wirtschaftlichen Gründen seine Heimat verlässt, wird im Gastgeberland häufig unglücklicher – behauptet der Soziologie Professor David Bartram der Universität Leicester.

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Unter anderem in solchen Lagern hoffen Flüchtlinge auf ein besseres Leben in der Fremde.
Foto: Frank Windeck

Mr. Bartram, was ist die Kernaussage ihrer Forschung?

 

Manche Menschen, die in ärmeren Ländern leben, denken, dass ein Umzug in ein wohlhabendes Land ihr eigenes Leben verbessert. Mein Kernargument ist, dass diese Menschen in ihrer neuen Heimat häufig nicht glücklicher sind als zuvor, da sie weiter unten in der wirtschaftlichen Hierarchie stehen. Dieser „relative“ Abstieg hat mehr Gewicht als der „absolute“ Anstieg des Einkommens.

 

Warum genau sind die Wirtschaftsmigranten in ihrer neuen Wahlheimat häufig unglücklicher?

 

Die Forschung über Glück und Einkommen (beispielsweise von Richard Easterlin) zeigt, dass Einkommen die Zufriedenheit hauptsächlich über den sozialen Status beeinflusst. Die Menschen nutzen dies, um sich miteinander zu vergleichen. Die Schwierigkeit der Einwanderer ist, dass ihr Einkommen zwar eventuell steigt, sie aber in der neuen Wahlheimat gesellschaftlich schlechter positioniert sind, als in ihrem Herkunftsland. Wenn man in seinem Herkunftsland ein mittleres Einkommen hatte, ist es häufig schwierig dieses ebenfalls im neuen Land zu erreichen. Ihre Qualifikationen könnten nicht anerkannt werden, Schwierigkeiten mit der Sprache können aufkommen oder die Einwanderer sind sogar Diskriminierung ausgesetzt. Das führt dazu, dass sie eine niedrigere Erwerbstätigkeit ausführen. Diese könnte ein Kernergebnis meiner Analyse erklären: Migranten, die von Ost/Zentral Europa nach West Europa immigrieren, scheinen nicht glücklicher zu sein, als vor ihrem Umzug.

 

Denken Sie, dass Wirschaftsmigration für Europa ein Problem darstellt?

 

Nein, überhaupt nicht. Viele europäische Länder profitieren stark von der Wirtschaftsmigration. Hier herrscht eine gewisse Ironie: Wirtschaftsmigranten produzieren finanzielle Vorteile für ihre neuen Heimatländer, gleichzeitig könnte dies zu einem geringerem Wohlbefinden der Immigranten selbst führen. Und dennoch stellen sich viele Einheimische in Europa gegen die Immigration, weil sie denken, dass es ihr eigenes  Wohl reduziert. Allgemein denke ich jedoch, dass Wirtschaftsauswanderer kein Problem für Europa darstellen.

 

Für welche europäischen Auswanderer ist es am schwierigsten in der neuen Heimat Fuß zu fassen?
Allgemein scheint die Wahrscheinlichkeit in der neuen Heimat glücklicher zu werden am größten, wenn die Zufriedenheit in der eigenen Heimat generell sehr gering ist. Unter dieser Annahme kann man nun spezielle Auswanderungsströme betrachten. Meine Forschung ergibt, dass Migranten aus Russland und Rumänien fröhlicher werden, wenn sie nach Westeuropa ziehen. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Zufriedenheit in Russland und Rumänien durchschnittlich sehr gering ist. Im Gegensatz dazu, werden Polen, die nach Westeuropa auswandern, häufig unglücklicher. Das ursprüngliche Wohlbefinden in Polen war bereits sehr hoch. Der gesellschaftliche Statusvergleich, den ich vorher beschrieben habe, könnte letztendlich negative Auswirkungen auf das Glück der polnischen Wirtschaftsmigranten in der neuen Heimat haben.

 

Was können wir in Europa tun, um Wirtschaftsauswanderer glücklicher zu machen?

 

Ich bin sehr skeptisch über den Begriff „Politik der Zufriedenheit“. Eine Möglichkeit ist es beispielsweise das Erlernen der Sprache im Gastgeberland zu vereinfachen. So wird es einfacher für die Einwanderer einen Job zu erlangen und sie sind nicht darauf beschränkt auf dem untersten Einkommens-Level zu arbeiten. Dies sollte allerdings auf Freiwilligkeit basieren und kein Zwang sein oder mit negativen Folgen verbunden sein. Abgesehen davon gibt es generelle Maßnahmen, die sowohl den Einwanderern, als auch den Einheimischen selbst zugute kommen. Richard Layard wirbt beispielsweise für eine fortschrittliche Steuerpolitik, um die wirtschaftliche Ungleichheit zu lindern. Benjamin Radcliff geht noch weiter und vertritt eine aktivere Herangehensweise an Sozialpolitik, um so die Kommodifikation von Arbeit zu senken.

 

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