Bild: Birsens

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Den Flüchtlingen entgegen

Während hunderttausende Menschen aus dem Nahen Osten sich zurzeit auf den Weg nach Europa machen und in der EU über Grenzschließungen diskutiert wird, fahren jedes Jahr rund 666 Abenteuerlustige in die entgegengesetzte Richtung: Von Oberstaufen im Allgäu über Istanbul bis nach Amman in Jordanien führt die Allgäu-Orient-Rallye, bei der es nicht nur um das Abenteuer, sondern auch um einen guten Zweck geht.

Entgegen der aktuellen Diskussionen um Grenzschließungen und Zäune an den Außengrenzen der EU, machen sich seit zehn Jahren jedes Jahr mehr als 600 Männer und Frauen bei der Allgäu-Orient-Rallye in klapprigen Autos auf den Weg von Oberstaufen nach Syrien, Jordanien und den Iran, um dort und unterwegs Abenteuer zu erleben und Gutes tun. Etwa drei Wochen haben die jeweils sechsköpfigen Teams um rund 5000 Kilometer zurückzulegen – bis in die jordanische Hauptstadt Amman.

Doch damit nicht genug: Die Fahrer müssen strenge Regeln befolgen, wollen sie am Ende der Tour als Sieger dastehen. Die Teams, die jeweils aus sechs Teilnehmern und drei Autos bestehen, dürfen weder Autobahnen noch Navigationsgeräte benutzen. Auch die restlichen Regeln der Rallye sind eher ungewöhnlich – die Fahrzeuge müssen mindestens 20 Jahre alt sein oder dürfen nicht mehr als 1111,11 Euro kosten. Viele der Wagen gleichen aufgemotzten Klapperkisten.

Die meisten Teams sind mit ausgemusterten Kombis deutscher Hersteller unterwegs. Das «Team Bildung» bestreitet die Rallye mit drei rund 20 Jahre alten Autos des Modells VW Passat. «Für 500 Euro kriegst du da etwas, was fährt», sagt Andreas Walz. Der 22 Jahre alte Student aus Augsburg, der in seiner Freizeit gerne schraubt, ist der Mechaniker des Teams.

Drei Wochenenden haben er und seine Mitstreiter an den Fahrzeugen geschraubt – in zwei Wagen haben sie sogar Matratzen eingebaut. Weil Übernachtungen während der Rallye nicht mehr als 11,11 Euro pro Person kosten dürfen, schläft das Team in den Autos oder im Zelt. Das Team «Südheide» schaffte es trotzdem, in einem Nobelhotel zu übernachten – allerdings nur, indem sie in der Lobby zelteten.

Ausschlafen gibt´s nicht

Viel Zeit zum Schlafen bleibe während der Rallye aber sowieso nicht, sagt die einzige Frau im «Team Bildung», Rebekka Steinmann aus Frankfurt: «Wir haben am ersten Tag total unterschätzt, dass die Etappen immer super lang sind und wir Nachtschichten einlegen müssen.» Zwei Tage lang waren die junge Frau und ihre Mitfahrer sogar bis zum Morgengrauen auf der Straße, um Istanbul zum Sonnenaufgang zu erreichen. Einmal müssen die Teilnehmer zudem noch aufs Schiff: Syrien wird wegen des Bürgerkriegs mit einer Fähre von der Türkei nach Israel umschifft.

Die Organisatoren der Tour haben vor allem das Ziel, Menschen in Not zu helfen. Die Rallyewagen werden in Jordanien gespendet und dort als Ersatzteile verkauft. Der Erlös kommt sozialen Projekten zugute. So wurde in den zehn Jahren seit der ersten Rallye unter anderem eine Käserei für Beduinen in Jordanien aufgebaut sowie Hörgeräte, Rollstühle und sogar ein Krankenwagen nach Jordanien gebracht.

Viele Teams engagieren sich zusätzlich – das «Team Bildung» hat nicht nur Ersatzteile, sondern auch 48 Schulranzen voller Stifte, Blöcke und anderer Schulmaterialien im Gepäck. Sie sollen unterwegs gespendet werden. «Wenn wir schon mitfahren, wollten wir auch was Gutes tun», sagt Teammitglied Haldor Witte, ebenfalls aus Frankfurt.

Während der Rallye haben die Teams nicht nur die Strecke, sondern auch Sonderaufgaben zu bewältigen. Auf dem Weg nach Istanbul mussten sie sechs Flaschen Bier gegen Räder tauschen, mit denen jedes Team eine Seifenkiste für ein Rennen im Istanbuler Hypodrom bauen muss. «Man lernt, zu improvisieren», sagt Christian Kreinert vom «Team Bildung», der eigentlich in Frankfurt wohnt. Häufig geht es bei den Sonderaufgaben aber auch um den guten Zweck: Beim Start bekam jedes Team sechs Pakete Dachziegeln, die für eine Schule in der Türkei bestimmt sind, deren Dach ausgebessert werden muss.

Eine Frage der Ehre

Überhaupt sind die Fahrer mit großem Eifer dabei, obwohl es eigentlich nur um die Ehre geht: Der Sieger der Rallye erhält zwar ein Kamel – das muss allerdings im Zielland Jordanien bleiben.

Den meisten Fahrer geht es auch gar nicht ums Gewinnen, sondern um die Erfahrung: So viele Länder in so kurzer Zeit sehen die meisten wahrscheinlich nie wieder. «Die Rallye ist ein großes Abenteuer», findet Kreinert. «Da erinnert man sich in zehn Jahren besser dran als an einen Wellnessurlaub.»

Deshalb finden sich auch jedes Jahr aufs Neue 666 Verrückte, die bei diesem Abenteuer dabei sein und etwas Gutes tun wollen. Obwohl die Anmeldung mitten in der Nacht – nämlich um 3.33 Uhr – startet, sind die 111 Startplätze immer nach wenigen Minuten weg, erzählt Nadir Serin vom Organisationskomitee der Rallye. Auch ich war nach meinem Besuch im Fahrerlager der Rallye in Istanbul so begeistert von der weltoffenen Atmosphäre der Rallye, dass ich mich für 2016 zusammen mit vier Freunden angemeldet habe. Inzwischen stecken wir mitten in der Vorbereitung. Auf unserem Weg nach Teheran, das 2016 zum ersten Mal Ziel der Rallye sein wird, wollen wir in einem Blog von unseren Erfahrungen berichten und so auch andere an unserem grenzüberschreitenden Abenteuer teilhaben lassen.

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