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Der Ansturm der Ameisen? Migrationsirrtümer hinterfragen

Das bläulich gefärbte Bild einer Überwachungskamera: Unzählige Menschen mit dunkler Haut klettern über einen meterhohen Zaun. Aus dem Blickwinkel der Überwachungskamera betrachtet, wirken ihre Bewegungen wie die einer Ameisenkolonie.

Flüchtlinge schauen in eine ungewisse Zukunft
Flüchtlinge blicken in eine ungewisse Zukunft.
Foto: Frank Windeck

Diese Bilder gingen vor einigen Monaten um die Welt. Rund 300 Afrikaner sollen laut dem spanischen Innenministerium  an einem Septembertag 2013 versucht haben, den Grenzzaun zu Melilla zu überwinden. Melilla ist eine spanische Exklave in Marokko.

Ein Video mit Symbolcharakter, denn es ist kompatibel mit drei verbreiteten Migrationsmythen: Massenhafte Migration ist ein neues Problem, das Europa überrollt. Flüchtlinge sind getrieben von Armut und Verzweiflung. Und deshalb werden wir sie nicht mehr so schnell los, wenn sie die Zäune nach Europa erst mal überwunden haben.

Diese Annahmen prägen die Migrationspolitik der EU: Damit Flüchtlinge  nicht unkontrolliert nach Europa kommen, finanziert die EU Verbesserungen des Grenzschutzes in ihren Nachbarländern – zum Beispiel im Rahmen des Rücknahmeabkommens mit der Türkei. Flüchtlinge, die über die Türkei in die EU gekommen sind, dürfen laut diesem Abkommen in die Türkei zurückgeschickt werden. Im Gegenzug fließen Gelder aus der EU in die Türkei – die laut dem türkischen Europaminister Egemen Bagis unter anderem für Wärmebildkameras  ausgegeben werden sollen. Zudem fließen nach Angaben der EU-Parlamentarierin Barbara Lochbihler jedes Jahr 30 Millionen Euro aus der EU in die Ausbesserung des Grenzschutzes in Libyen.

Aber entsprechen vorherrschende Annahmen über Zuwanderung nach Europa der Realität? Auf europaundwir.eu wollen wir drei verbreitete Migrationsmythen durchleuchten.

Mythos Nummer eins: Migration ist ein neues Phänomen

Die Definition für „Migranten“ ist umstritten. In der Migrationsforschung wird aber meist die Definition der Vereinten Nationen verwendet. Danach zählt jeder als Migrant, der länger als 12 Monate außerhalb seines Geburtslandes lebt. Nach dieser Definition sind aktuell rund 3% der Weltbevölkerung Migranten. Die Überraschung: Dieser Quotient ist keine Neuheit. Schon in den letzten Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten, gab es immer wieder Phasen mit ähnlich viel Migration. Nur waren damals die Migranten andere. Im 18. und 19. Jahrhundert sind zum Beispiel mehr Europäer ausgewandert: Nach Afrika, Indien und Lateinamerika in den Kolonien einem besseren Leben entgegen oder in die USA auf der Flucht vor Hunger oder Religionsverfolgung. Neu sind  Richtung und Geschwindigkeit von Migrationsströmen – aber nicht ihre zahlenmäßigen Ausmaße.

Ein globaler Blickwinkel verändert auch die Sicht auf Flüchtlinge in Europa: Die EU-Grenzschutzbehörde FRONTEX geht davon aus, dass 2012 rund 15.000 Flüchtlinge auf Malta und in Italien angekommen sind. Das entspricht laut Migrationsforscher Veit Bachmann der Goethe-Universität in Frankfurt etwa 0,1% aller Flüchtlinge weltweit. Länder des globalen Südens nehmen im Vergleich zu europäischen Staaten jedes Jahr ein Vielfaches an Flüchtlingen auf – obwohl ihre eigene ökonomische Situation viel schwieriger ist als die in Europa. 80% aller Flüchtlinge weltweit werden von Entwicklungsländern aufgenommen. 2012 war Pakistan das Land, das weltweit die  meisten Flüchtlinge aufgenommen hat: Rund 1,6 Millionen. Im gleichen Jahr haben in der EU rund 356.000 Menschen Asyl beantragt. Dabei ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der EU  rund zehn Mal so hoch wie das in Pakistan.

Mythos Nummer zwei: Die Ursachen liegen ausschließlich im Süden

Die politische Perspektive der EU gegenüber Afrika ist von einer scheinbar simplen Idee geprägt: Armutsbekämpfung in Herkunftsländern stoppe die Zuwanderung in die EU. Genau damit begründet zum Beispiel Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Aufstockung deutscher Truppen in Mali. „Wir haben in Mali eine Bevölkerung, wo jeder zweite jünger ist als 15 Jahre“, sagte von der Leyen Anfang Februar im ZDF Morgenmagazin. „Diese jungen Menschen brauchen eine Perspektive in ihrem Land“ – damit sie zu Hause bleiben und nicht nach Europa drängen. Den zweiten Teil des Gedankens lässt die Ministerin unausgesprochen. Aber sie betont in ihrer Aussprache ein Wort auffällig stark: Laut von der Leyen sollten die Perspektiven junger Malier in ihrem Land liegen – also nicht im Ausland.

Der Haken an der Sache: Die Ursachen für Armut in Afrika liegen nicht allein in Afrika. Um globale Ungleichheit zu ändern, reicht es nicht, mehr Soldaten und Entwicklungshilfe gen Süden zu schicken. Stattdessen muss sich auch Europa ändern. So warnen Kritiker, dass EU-Subventionen die Produktion in Afrika negativ beeinflussen. Deshalb befürwortet der EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos jetzt das komplette Ende solcher Exporte. Aber auch in anderen Bereichen muss Europa anpacken: Der Klimawandel etwa ist hauptsächlich von Industrienationen verursacht. Die größten Leittragenden jedoch sind Entwicklungsländer, warnt Oxfam International. Dürren, Überflutung und Klimaveränderung aber schaffen neue Flüchtlinge. Schätzungen sind schwierig. Der Oxford-Umweltwissenschaftler Norman Myers etwa geht bis 2050 von rund 150 Millionen neuer Flüchtlinge allein aufgrund des Klimawandels aus.

Mythos Nummer drei: Migranten bleiben für immer

„Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass niemand gern sein Heimatland verlässt“, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier kürzlich in der Welt am Sonntag. Stimmt das wirklich? Natürlich kommen viele Zuwanderer in der Hoffnung auf bessere ökonomische Bedingungen nach Europa – oder innerhalb von Europa nach Deutschland. Aber Migranten sind nicht immer nur von bitterer Armut getrieben, sondern machen sich auch aus Neugier und Interesse an anderen Ländern auf den Weg. Forcierte Migration, also Flucht, und freiwillige Migration stehen nicht in binärem Gegensatz. Vielmehr ist die Grenze zwischen beiden Phänomenen fließend – das betonen Migrationsforscher wie Hein de Haas, der Vizechef des Instituts für Internationale Migration an der Universität Oxford.

Ein Umdenken über die Ursachen von Migration rückt auch ihre potentiellen Auswirkungen in ein anderes Licht. Die Vereinten Nationen betonen, dass Migration meist temporär und zirkulär ist. Viele Migranten und Flüchtlinge wollen demnach zurück nach Hause, sobald sich die politische Situation dort verbessert hat oder sie ihre Qualifikationen im Ausland ausbauen konnten. Diese Erkenntnis kann der Angst vor den ökonomischen Langzeitfolgen von Migration den Wind aus den Segeln nehmen.

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