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Der drängende Wunsch nach Autonomie

Im September entscheidet Schottland über seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Das Resultat wird nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in der EU mit großer Spannung erwartet. Auf der anderen Seite des Atlantiks kann die kanadische Provinz Quebec schon ein Lied singen über Unabhängigkeits-Referenden und deren Scheitern: In zwei Volksabstimmungen zur Abspaltung entschieden sich die Quebecer dagegen, das zweite im Jahr 1995 scheiterte um weniger als 1 Prozent. Wie das Beispiel Quebec zeigt: Das Verlangen nach Unabhängigkeit kann zu einem sensiblen Thema werden und jahrelang im Unterholz der Politik vor sich hin schwelen. Welche Interessen stehen hinter der Unabhängigkeit und wie verändern Referenden die Gesellschaft? Ein Blick nach Quebec. 

 

Das historische Gedächtnis Quebecs scheint tief verwurzelt und lebendiger denn je.  Kommt man als Fremder in die Provinz, stechen die markanten Nummernschildern der kanadischen Provinz sofort ins Auge: In dicken, blauen Lettern prangt der Satz „Je me souviens“ (Ich erinnere mich) auf weißem Grund. Darüber die „Fleur de Lys“, das Symbol Quebecs. Quebec erinnert sich ‒ an seine Vergangenheit unter britischer Herrschaft, an die verlorene Schlacht auf den Abraham-Ebenen, an die Zeit, als arme Farmer neben reichen, britischen Fabrikbesitzern lebten. Die eigene Geschichte, oftmals gezeichnet von Unterdrückung, Ungerechtigkeit, schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und Unmut im Volk, sitzt tief ‒ auch, wenn sie in den Diskussionen über eine Unabhängigkeit von ökonomischen und kulturellen Argumenten häufig in den Hintergrund gedrängt wird. Auch in Schottland spielen Vergangenheit und Nationalstolz eine Rolle: Nach seiner Unabhängigkeit von England im Jahre 1314, entschied sich der schottische Adel 500 Jahre später für eine erneute Vereinigung ‒  gegen die Mehrheit des Volkes. Schließlich dauerte es dann nochmals fast 200 Jahre, bis Schottland 1997 ein eigenes Parlament bekam.

 

Angst vor dem Vergessen der eigenen Kultur

Eng mit der Geschichte verwoben sind kulturelle und sprachliche Argumente. „Die Angst englischer Assimilation verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der frankophonen Bevölkerung in Quebec“, schreibt der kanadische Politiker und Soziologe Stéphane Dion. 80 Prozent der Quebecer sprechen Französisch. Die Menschen, die in den beiden gescheiterten Referenden für eine Abspaltung stimmten, waren mehrheitlich frankophon. Sprache fungiere in Quebec als individuelles Interesse, als starkes Symbol für Gemeinschaft und Lebendigkeit, so Dion. Viele Quebecer sehen in Kanada ein Land, das die Kultur und Sprache Quebecs vergisst und aktiv auslöscht – unter anderem durch die Einwanderung englisch-sprachiger Migranten. Die einzige Lösung scheint die Autonomie: ein eigenes Parlament und eine eigene Gesetzgebung, die die Zukunft eines modernen frankophonen Quebecs sicheren soll.

 

Wirtschafts- und EU-Themen auf dem Vormarsch

Kulturelle Gründe scheinen in der Unabhängigkeits-Debatte auf der britischen Insel hinter wirtschaftlichen Gründen zurückzubleiben. Worte, wie „Ölschatz“, „Fangquoten“ oder „Ressourcen“ machen hier eher die Runde. Die Schottische Nationalpartei drängt darauf, die großen Erdölvorkommen vor Schottlands Küsten nicht an England abtreten zu müssen, sondern sie im eigenen Besitz zu halten und argumentiert mit steigenden Staatseinnahmen. Auch die Abhängigkeit von britischen Fisch-Fangquoten und die Ablehnung der teuren Modernisierung von Atomwaffen werden als Argumente hervorgebracht. In Quebec wiederum, spielen ökonomische Argumente nur eine Nebenrolle. „Ressourcen fallen in Kanada sowieso in den Bereich der Provinz-Gesetzgebung“, erklärt Rudy Jarrett, Geschichtsprofessor an der McGill University. „In Kanada geht es eher darum, wie man die Zusammenarbeit zwischen provinzieller und föderaler Ebene effizienter gestalten und Steuern sparen kann.“

Und dann sind da natürlich noch EU-Gründe, die der schottischen Diskussion Schwung verleihen, denn Schottland glänzt mit Kritik gegen den eher EU-skeptischen Nachbarn.

 

Die Gesellschaft ist müde

Am Ende bleibt die Frage, wie sich die Gesellschaft verändert, wenn gleich mehrere Referenden scheitern? Geschichtsprofessor Jarrett hat sich auf die soziale und kulturelle Geschichte Quebecs spezialisiert und das letzte Referendum in Quebec miterlebt. Er sitzt in seinem kleinen Büro in der McGill University zwischen verglasten Montrealer Wolkenkratzern und erzählt – von einer starken Politisierung und der Panik der englischen Bevölkerung in den Wochen vor dem großen Abstimmungstag; von Mini-Vans, die alte Quebecer zu den Wahlurnen fahren und Kameraleuten, die am großen Tag umher wuseln;  von gegenseitigen Beschuldigungen und Korruptionsvorwürfen direkt nach dem Ende der Abstimmung.  Irgendwann zieht Jarrett seine Nickelbrille mit dem schwarzen dicken Rahmen ab, legt sie auf den Bücherstapel vor sich und reibt sich die Augen. „Man konnte auf den Straßen regelrecht spüren, wie knapp es war“, sagt er. Und heute, fast 20 Jahre nach dem letzten gescheiterten Referendum? Auf internationaler Ebene spricht Kanada mit zwei Stimmen. Quebec hat in vielen Ländern eine eigene Vertretung und bringt seine frankophone kulturelle Agenda aktiv voran. Die Flagge Quebecs weht unter anderem auch in Deutschland direkt neben dem Brandenburger Tor. „Die Leute in Quebec sind müde, viele wollen nicht mehr darüber sprechen. Die Frage nach der Unabhängigkeit macht nur noch einen kleinen Teil des Alltags aus. Es gibt natürlich immer noch verschiedene Meinungen, doch irgendwie herrscht ein sprachlicher und konstitutioneller Friede“, meint Jarrett. „Doch natürlich taucht das Thema vor jeder Wahl aufs Neue auf.“ So auch im Moment: Sollte die amtierende Premierministerin und Vorsitzende der separatistischen Partei „Parti Québécois“ Pauline Marois in der Provinzwahl am  siebten April mit einer Mehrheit wiedergewählt werden, wird es womöglich ein weiteres Referendum geben, ließ sie verlauten.  Es scheint, als fänden die tiefen Spuren der Vergangenheit und das Thema Autonomie nie einen Ausweg aus dem Labyrinth Quebecs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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