Der Petersdom in Rom - Foto: Martin Pieck

Der Petersdom in Rom - Foto: Martin Pieck

Der Papst – ein europäischer Staatsmann?

Papst Franziskus hat bereits wenige Tage nach seiner Wahl gezeigt, dass sein Weg als Papst im Vergleich zu seinen Vorgängern ein anderer sein wird. Das liegt unter anderem auch daran, dass der Südamerikaner vor allem das Thema Armut in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Er möchte nicht der Theologe sein, der die Bibel wiedergibt, sondern vielmehr der Pragmatiker der nach den Worten handelt. Mit seiner lockeren Art wirkt er auf die Gläubige, aber vor allem auch auf Nichtgläubige, offener und spricht auch Themen an, über die lange Zeit in der katholischen Kirche geschwiegen wurde. Man kann ihn auf eine weltliche Art sympathisch nennen, denn auch in ernsten Lagen ist der Argentinier zu Scherzen aufgelegt. So ist beispielweise noch der kleine Junge in Erinnerung, der während einer Predigt des Papstes seinen Stuhl in Anspruch nahm. Während andere Geistliche versuchten, den Jungen wegzuschicken, bot der Papst dem Kleinen seinen Stuhl einfach an.

Der Papst scheut sich nicht, Europa und die Staatchefs anzuklagen. In seiner Rede im Europäischen Parlament 2014 äußert er klar Kritik und zeigt auch, wie er die Zukunft Europas sieht: “Ein Europa, das nicht mehr offen ist, riskiert, langsam seine eigene Seele und jenen ‘humanistischen Geist’ zu verlieren. Die Kirche will einen aktiven Austausch mit den europäischen Institutionen und dabei helfen, das gegenwärtige “Vakuum der Ideale” neu zu füllen.“ Papst Franziskus war, nach Papst Johannes Paul II., der zweite Papst, der im Europaparlament vor Europavertretern sprach. Dass das katholische Kirchenoberhaupt offen Kritik übt und sich positioniert, ist bislang nicht in einer solchen Form geschehen. Der Papst ist ebenso Staatsoberhaupt des Vatikanstaats, ein Staat mit weltweitem Einfluss und ein Staat dessen Meinung durchaus von Interesse ist. Der Vatikan ist beispielsweise als Beobachter in der Vereinten Nationen (VN).

Kirche und Staat, in Europa wird dies in den Ländern stickt getrennt. Was ist dann also die genau Rolle des Papstes? Kirchenoberhaupt, Staatsmann oder vielleicht beides? Welche Macht der Papst in Europa hat und wie die katholische Kirche zu aktuellen Problemen steht, darüber haben wir mit dem Leiter der deutschen Ausgabe von Radio Vatikan Pater Bernd Hagenkord S.J, gesprochen.

Bernd Hagenkord, Leiter der Deutschen Abteilung von Radio Vatikan.  Fotoquelle: kas.de
Bernd Hagenkord, Leiter der Deutschen Abteilung von Radio Vatikan. Fotoquelle: kas.de

Papst Franziskus ist einer der politischsten Päpste der Neuzeit – würden Sie ihn als einen Reformer bezeichnen?

Das Wort „Reform“ ist bei uns unglaublich belastet, da haben wir gleich abrufbare Dinge im Kopf, die uns sofort einfallen. Er selber benutzt das Wort „Umkehr“, wenn er von den Veränderungen der Kirche spricht, das finde ich passender. Er will ja eine freudig verkündende Kirche, eine dich sich nicht in sich selbst einschließt, sondern aufbricht. Das betrifft die Strukturen, das betrifft aber auch die Haltung dahinter. Deswegen passt das religiöse Wort „Umkehr“ wahrscheinlich besser als das eher politische Wort „Reform“.

 

Ist der Papst vielleicht heute auch Staatsmann und nicht nur noch Oberhaupt der katholischen Kirche?

Ich glaube nicht. Natürlich wird er medial gerne als solcher wahrgenommen, aber er selber bricht gerne aus dieser Rolle aus. Staatsmänner folgen einer Rolle, welche Politik und Medien geschrieben haben. Der Papst ist aber ganz und gar er selber, der lässt sich nicht festlegen. Ich glaube auch, dass man den Papst nur von der Religion her verstehen kann. Nähme man Glauben und Gott aus dem Sprechen des Papstes heraus, würde ihn sozusagen auf säkulare Aussagen beschränken, dann hätte das weder Wirkung noch Inhalt. Der Papst ist kein Staatsmann, sondern ein Vertreter einer Religion. Wenn die ihren Beitrag zu Gesellschaft und Staat beiträgt, bleibt das immer noch ein religiöses tun. Und in diesem Sinn handelt der Papst.

Wie schätzen Sie die Macht der Worte des Papstes ein? Hat seine Stimme in Europa Gewicht oder ist er vielmehr nur ein Ratgeber?

Ratgeber, auf jeden Fall. Er wird gehört, er wird gelesen, auch in der Politik und nicht nur in Europa, das ist ein erstaunliches Phänomen. Aber das Papsttum heute ist keines mehr, das noch im Konzert der Mächte mitspielen würde. Und das ist auch gut so, Kirche ist Stimme für die, die keine Stimme haben, deswegen gehören wir da auch gar nicht hin. Wenn der Papst spricht, dann ist das ein Mahnen, dann ist das Dialog, dann ist das Ratschlag oder dann ist das massive Kritik. Als solche ist das wichtig, „Macht“ spielt da eher keine Rolle.

 

Ist es vielleicht in der heutigen Zeit, in der viele nicht mehr einen gefestigten Glauben haben und auch das Vertrauen in die Kirche verloren haben, wichtiger geworden klare Forderungen von Seiten des Vatikans an die Politik und das Weltgeschehen zu stellen? Denken Sie, dass es so vielleicht wieder möglich ist, die Menschen wieder in die Kirche zu holen, die das Vertrauen in die Kirche verloren haben?

Die Kirche – und damit meine ich sowohl den Vatikan als auch alle Gemeinden als auch jeder einzelne Gläubige – muss sehr wohl ihre Stimme erheben, wenn es darum geht, in der Welt mitzumachen. Ein authentischer Glaube enthält auch immer den Wunsch, die Welt verändern zu wollen, hat das der Papst mal genannt. Das gehört dazu. Ob das dann aber neue Attraktivität des Glaubens bedeutet, dass müssen wir erst noch sehen. Das ist nicht so klar.

Aber wenn Kirche das tut, was ihr Auftrag ist, und zwar auch nach außen, im Dialog und in der Kritik, dann glaube ich wirkt sie auf jeden Fall authentischer.

Gebt eure christliche Identität nicht auf, um ,normal´ zu sein“, forderte Papst Franziskus in einer seiner vergangenen Predigten. Denken Sie, dass Europa diese Identität verliert, weil es vielleicht bei den aktuellen Krisen und Problemen leichter ist, „normal“ zu sein?

Ich glaube, Europa realisiert gerade, dass es nicht genau weiß, was es sein will. Wir haben ja alles aus unserer Identität heraus genommen, was irgendwie beschränkend ist. Unsere so genannten „Werte“ haben mehr damit zu tun, dass wir frei konsumieren können und uns niemand reinreden darf, wie wir unser Leben zu führen haben, als mit klaren Positionen. Europa ist nicht mehr für etwas. Das sehen wir jetzt, wo Populisten aller Couleur weglaufen, wenn es darum geht, etwas aufzugeben, abzugeben, Opfer zu erbringen. Europa verliert nicht seine Identität, weil es „normal“ ist, sondern weil uns der Inhalt fehlt, die Identität.

Kürzlich ist nun auch der Bericht der Bischofssynode auf Deutsch übersetzt worden. Was sind, Ihrer Meinung nach, die wichtigsten Errungenschaften der Synode?

Die Kirche hat wieder gelernt, positiv über die Themen Ehe und Familie zu sprechen. Bislang – bis weit in dieses Jahr hinein – war auch innerkirchlich die Debatte von Streit und Ideologisierungen geprägt, die innerkirchlichen Fraktionen waren laut zu hören, vor allem die, die eine Minderheit am Rand sind aber sehr laut. Die Synode hat nun gezeigt, dass der Kirche das Thema des Zusammenlebens der Menschen wichtig ist, weil wir eben keine Einzelwesen sind sondern zum Zusammenleben geschaffen. Sie hat die Bedrohungen aufgezeigt, Flucht, Krieg und so weiter. Und sie hat eine Dynamik in die Debatte gebracht, ohne sich in den klassischen Streitpunkten zu verhaken. Das ist eine große Leistung.

 Papst Franziskus zeigt sich auch offen gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften. Wie könnte hier in Zukunft ein Zusammenleben aussehen?

Der Papst benutzt gerne das Wort „Dialog“, meint damit aber nicht das Dialoggeschehen, was wir so kennen. In seinem Sinne, wie übrigens auch bei der Barmherzigkeit, verändert das beide Partner. Wir können also nur zusammen leben, wenn beide bereit sind, sich zu ändern. Das geschieht vor allem vor Ort, das können keine noch so langen und guten Papiere dem Leben abnehmen. Papiere helfen zur Selbstvergewisserung, aber vor Ort, in den Städten, Gemeinden, zwischen Moschee, Kirche und Synagoge muss das ganz konkret ausgehandelt werden. Dann wird das tragfähig.

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