Unbenannt-Beitragsbild Italia

Der Tag beginnt mit dem ersten Espresso

Vor der Abreise in ein unbekanntes Land lesen Touristen Bücher über die Kultur, die Menschen und die Sehenswürdigkeiten. Am Ende der Lektüre bleiben jedoch oft nur die Stereotypen im Gedächtnis verankert.
Den Italienern wird nachgesagt, dass sie sehr temperamentvoll, laut und herzlich sind. Zudem essen sie für ihr Leben gerne Pizza und Pasta und trinken zu viel Wein. Sie werden als modebewusst beschrieben und verknoten sich beim Gestikulieren schon mal die Hände. Des Weiteren wohnen Kinder im Alter von 40 Jahren noch bei ihren Eltern und Regeln sind ein absolutes Fremdwort für die Südländer.

Bereits nach kürzester Zeit wird einem schnell bewusst, dass wenige dieser oder anderer Vorurteile erfunden sind. Doch für viele Eigenarten gibt es Gründe oder Anekdoten, die es nun zu erzählen gilt.
Laura Marsch hat sich mit den Vorurteilen gegenüber den Italienern auseinandergesetzt und einen subjektiven Guide erstellt.

Laura Stöcker (22) aus Erlangen erzählt wie Italiener ihr Land sehen und wie ihre Meinung zu Deutschland ist.

 

Die italienische Mentalität unterscheidet sich stark von der Deutschen. Die Menschen sehen Probleme oder Aufgaben gelassener und gleichzeitig reagieren sie sehr emotional -in unseren Augen übertrieben – in Konfliktsituationen. Dies ist eben auch in der Politik zu beobachten und führt nicht selten dazu, dass die Regierungen keine ganze Legislaturperiode an der Macht bleiben. Somit sind Veränderungen schwierig durchzusetzen und das rationale Denken Deutschlands wird, zumindest für die Politik, zu einer Vorbildfunktion. Vielen Touristen gefällt der Lebensstil und die bekannte „dolce vita“. Abends treffen sich die Italiener (jung und alt) auf der Piazza, einem großen Platz, auf dem viele Bars und Restaurants zu finden sind. Egal ob es eine laue Sommernacht ist oder Schnee fällt, der Italiener steht mit seinem Aperol Spritz draußen vor der Bar, spricht mit seinen Freunden lautstark und raucht dabei eine Zigarette. Nicht selten stehen die Gäste auch bis nach zwei Uhr morgens vor den Lokalitäten. Kein Nachbar würde sich je beschweren. Im Gegenteil: sie sind bestens befreundet mit dem „Padrone“ (dem Besitzer) und trinken auf Kosten des Hauses einen Wein mit. Grundsätzlich pflegen die Italiener mit ihren Gästen ein anderes Verhältnis, Sarah Straubinger (22) erinnert sich an ihren ersten Eindruck.

Bevor der Tag beginnen kann, geht der Italiener zum Café an der Ecke (es gibt eine große Auswahl) und bestellt an der Theke seinen Espresso. Nach maximal fünf Minuten verlässt der Klient die Bar auch schon wieder. Jetzt kann der Tag beginnen.

Laura Stöcker schwärmt vom italienischen Verhältnis zum Kulinarischen. Dabei hätten die Italiener den Deutschen vor allem eines voraus: die Offenheit.

Noch etwas fällt einem in Italien sofort ins Auge: der Verkehr. Besonders aus Neapel und anderen italienischen Großstädten erzählen ausländische Autofahrer von dramatischsten Erfahrungen. Dabei gilt eigentlich nur die Regel, sich an keine Regeln zu halten. Rote Ampeln sind grün, grüne sind ebenfalls grün und es ist unmöglich, pünktlich ans Ziel zu kommen. Wobei sich der Verkehr insgesamt in den letzten Jahren beruhigt hat und mittlerweile geregelter abläuft. Laut dem italienischen Verkehrsministerium gehen die Anzahl der Unfälle und Verletzten in den letzten zehn Jahren stetig zurück. Besonders befremdlich ist die Tatsache, dass es an Bushaltestellen nur selten Fahrpläne und im Bus keine Ansagen zu den nächsten Haltestellen gibt. Auch der Busfahrer kann hierzu nur selten Auskunft geben. Das kann den planungsversessenen Deutschen schnell mal überfordern. Auch auf Zebrastreifen sollte an sich nicht verlassen, hat Tobias Ott (21) am eigenen Leib erfahren.

Die Familie hat in Italien einen hohen Stellenwert. Immer sonntags wird bei den Großeltern zusammen gegessen. Georg Brummer kann das Vorurteil nur bestätigen. „Mein Mitbewohner telefoniert jeden Abend mit seiner Mama, berichtet ihr was er am Tag gemacht und gegessen hat. Nicht selten dauern ihre Gespräche über eine Stunde. Hat seine Mama keine Zeit, dann ist seine Schwester zu Besuch.“ Während in Deutschland viele Kinder zum Studieren oder der Ausbildung wegen von zu Hause ausziehen, leben italienische Kinder noch lange bei ihren Eltern. Dies ist keine Seltenheit und hat in der Regel zwei Gründe. Italienische Mütter sind immer extrem besorgt, wenn es um ihre Sprösslinge geht und wünschen sich, dass diese so lange wie möglich daheim wohnen bleiben. Zum anderen können sich viele einen Auszug einfach nicht leisten. Nicht selten ziehen Kinder wieder zurück zu ihren Eltern, weil sie mit ihrem Gehalt und den zu stemmenden Ausgaben alleine nicht über die Runden kommen.
Insgesamt ähnelt der Norditaliener dem Deutschen stark, während die Unterschiede mit der geografischen Distanz zunehmen. Die meisten Vorurteile bestätigen sich über die italienische Mentalität und ihre Verhaltensweisen, aber das macht das Miteinander doch gerade spannend. Allerdings gibt es gerade für den Deutschen Eigenarten, an die er sich nur schwer gewöhnen kann. Mit etwas mehr Gelassenheit und Bewusstsein geht das aber ganz gut.

Foto: ElfQrin CC BY-SA 3.0

Die Debatte Keine Kommentare