Journalisten tragen ihren Protest auch ins tunesische Religionsministerium.

Der teilnehmende Beobachter

Viele Journalisten in den Staaten der arabischen Revolution haben neben den politischen Repressionen vor allem ein Problem: Sie haben keinerlei Distanz zu den Themen, über die sie berichten.

Von Kristina Milz

Journalisten tragen ihren Protest auch ins tunesische Religionsministerium.
Journalisten tragen ihren Protest auch ins tunesische Religionsministerium. Foto: Kristina Milz.

Ein Gedankenspiel: Der Redakteur einer einflussreichen deutschen Tageszeitung stürmt schreiend das Gebäude eines Ministeriums und beschimpft die Mitarbeiter pauschal als Terroristen. Er trägt ein Protestschild mit dem Konterfei des Parlamentspräsidenten, der der größten Partei der regierenden Koalition angehört. Er skandiert den Namen des Politikers mit dem Zusatz, er solle seine Hunde nehmen und abhauen. Der Journalist wäre wohl die längste Zeit Redakteur gewesen. Sein Blatt hätte einen handfesten Skandal zu verbuchen und würde sich die darauffolgenden Monate zur Abteilung Schadensbegrenzung verwandeln. Undenkbar, dass die Kollegen, ob innerhalb oder außerhalb der eigenen Redaktion, den Fall unkommentiert ließen. Denn objektive Berichterstattung – das freilich nie in Gänze erreichte Ideal der journalistischen Zunft – sieht anders aus.

Das Beispiel schildert nicht die sagenhafte Entgleisung eines deutschen Pressevertreters. Es entstammt der Berufswirklichkeit des gegenwärtigen Journalismus’ in Tunesien. Nur handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Als am 17. September die tunesische Journalistengewerkschaft zu einer Großdemonstration in der Hauptstadt aufrief, tummelten sich dutzende Medienleute vor dem Religionsministerium und drängten in den Eingang der Ennahda-dominierten Behörde. Ihr Verhalten? Eben beschrieben. Angefeuert wurden sie dabei von einer ansehnlichen Menge an Radio-Reportern, Kameraleuten, Fotografen und Schreiberlingen.

Es steht nicht gut um die Pressefreiheit in dem arabischen Land. Die Journalisten haben allen Grund dazu, sich gegen die staatlichen Repressionen zu wehren. Wer offen seine Meinung sagt, wird aus fadenscheinigen Gründen verhaftet. Wer nicht viel von Hofberichterstattung hält, hofft auf seinen Presseausweis vergeblich. Was unter Diktator Ben Ali Zensur war, ist heute vor allem auch die Abwesenheit von Information, die dem Berufsstand zu schaffen macht. Und offen religiöse Werte infrage zu stellen, ist unter einer islamistischen Regierung ein mutiger Akt. Mit europäischen Standards sind diese Zustände nicht zu vergleichen.

In Tunesien und den meisten anderen arabischen Ländern gibt es viele Gründe, den staatlichen Umgang mit den Journalisten zu kritisieren. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass diese sich auf ihrem Pfad in eine unabhängige Medienlandschaft auch selbst im Weg stehen. Sie sind teilnehmende Beobachter im eigentlichen Wortsinn: Sie kämpfen, streiten, ideologisieren und pauschalisieren ¬– und beeinflussen damit zu einem nicht unwesentlichen Teil das aktuelle Geschehen, über das sie berichten. Noch mehr: Mit ihrem Verhalten schaffen sie die Ereignisse oftmals erst, die zum Gegenstand der Berichterstattung werden.

Es ist eine Binsenweisheit, dass keine europäische Schablone auf das Verhalten der Journalisten in den arabischen Staaten passt. Dies sollte auch nicht der Anspruch der Nachbarn auf dem europäischen Kontinent sein ¬– allzu nachvollziehbar der politische Aktivismus in einem Möglichkeitsraum, der erst gewonnen wurde. Allzu essentiell auch die Themen, die gesellschaftlich verhandelt wird. Ein Vergleich ist daher schlicht unabgebracht und steht nicht haltlos unter dem Verdacht der unbegründeten Arroganz.

Das Wissen um den Wert der eigenen Meinung ist in den arabischen Ländern nach Jahrzehnten der Unterdrückung erstaunlich schnell im Bewusstsein der Menschen angekommen. Politische Autoritäten werden kritisiert, ihre Tritte gegen die Menschenrechte nicht länger einfach hingenommen. Dabei schießen viele über das Ziel hinaus. Doch die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass auch das Hinterfragen eigener Positionen in Zukunft zur Selbstverständlichkeit gehören wird. Dieser reflexive Akt erfordert Zeit – das wissen nicht zuletzt die europäischen Nachbarn.

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