Yoshi Livo vor "seinem" geräumten Land - Foto: Jana Luck

Yoshi Livo vor "seinem" geräumten Land - Foto: Jana Luck

Der Traum vom Wunderland

Sie wollten ihren eigenen Staat aufbauen. Das Korsett des niederländischen war ihnen zu eng. „Zu viele Vorschriften, zu viele unnütze Regelungen“, sagt Yoshi Livo. Er will mehr Gemeinschaft und weniger „Überregulierung“. Das europäische Projekt lehnt er ab, so habe der einzelne Bürger keine Stimme mehr. Das System funktioniere nicht.

Zusammen mit einer Handvoll weiteren Träumern ist er der Begründer von Wunderland. Schon der Name klingt nach Utopie, nach Traum; ein Wunder eben für Yoshi und die anderen. Ob es wahr wird? „Ich bin zuversichtlich“, meint Livo, der eigentlich Nils Haremsted heißt. Er gab sich einen neuen Namen, weil sein ursprünglicher nicht von ihm bestätigt worden sei. „Genauso, wie ich mich nie freiwillig dazu entschieden habe, ein niederländischer Staatsbürger zu sein und so den Gesetzen gehorchen zu müssen. Ich wurde nie gefragt, ich durfte nirgendwo unterschreiben oder verweigern.“

Yoshi Livo ist ein Experte in seinem Gebiet, war schon bei mehreren versuchten Staatsgründungen dabei. „Wunderland ist das vielversprechendste Projekt bisher“, sagt er.

 

Wunderland im realen Leben

Momentan sieht es jedoch nicht besonders gut aus. Tatsächlich kann man den selbsternannten Staat nur finden, wenn man genau weiß, wonach man sucht. 485 Meter lang und sechs Meter breit sei das Land, meint Livo. Die Grenze ist mit hölzernen Pfählen markiert. Weil diese leicht entfernt werden können, haben die Wunderländer Markierungen aus Metall vergraben. „Wenn die Polizei die Marker entfernt, können wir die Grenzen mit Detektoren wieder finden“, erklärt Yoshi Livo.

Gerade ist von Wunderland nicht viel mehr übrig als diese metallenen und hölzernen Grenzmarker. Und zwei braune Flecken auf dem Gras, wo vorher die Wohnwagen der Bewohner standen. „Ich war bei meinen Eltern“, sagt der 26-Jährige, „und habe dummerweise ein Bild davon auf Facebook gepostet.“ Die Polizei habe so gewusst, dass er nicht vor Ort sei, und das Land geräumt. Sein Kollege sei eingeknickt. „Ich bin der wahre Kämpfer hier, das wusste die Polizei. Also haben sie ihre Chance genutzt, als ich nicht da war.“

Yoshi Livo präsentiert und vertritt Wunderland von außen, während Luca van Dinte und vier Frauen das Rückgrat des Projekts bilden. Van Dinte ist Rechtsanwalt, weiß, was für eine Staatsgründung erforderlich ist und kennt die Rechte der Bewohner. Auch deshalb denkt Yoshi, dass Wunderland Zukunft hat – immer noch.

 

Vier Schritte zum eigenen Staat

Damit ein Staat anerkannt wird, müssen nach der Konvention von Montevideo aus dem Jahr 1933 vier Voraussetzungen für ein Gebiet erfüllt sein: Es braucht eine permanente Bevölkerung, ein definiertes Staatsgebiet, eine Regierung und Beziehungen zu anderen Staaten. Bevor das Land geräumt wurde, war die erste Bedingung erfüllt: Yoshi Livo und Rene van Reenen, sowie dessen Hund, lebten dauerhaft auf dem Streifen Land neben der Straße. Eine permanente Bevölkerung gab es, jetzt gibt es jedoch keine Wohnwagen und also keine Einwohner mehr. Das Gebiet ist noch abgesteckt; dafür sorgen die metallenen Detektoren. Auch Punkt drei ist noch erfüllt: es gibt ein Parlament und auch eine Verfassung. Autonummernschilder sind bestellt, Pässe ebenfalls. Livo meint, Wunderland habe bereits etwa 400 Sympathisanten.

Wunderländer werden kann jeder; allerdings müssten die meisten außerhalb der Landesgrenzen wohnen – das Gebiet ist schlicht zu klein. Auch Flüchtlinge könnten sie daher nicht aufnehmen, meint Yoshi Livo. Ein Projekt wie das von Wunderland sei aber mehr als eine Staatengründung. „Es ist eine Projektionsfläche für die Themen, die uns am Herzen liegen“, erklärt er. „Wir sind nicht glücklich mit dem System und wollen mehr Menschen auf Ungerechtigkeiten und ihre Rechte aufmerksam machen. Indem wir Wunderland aufbauen, bekommen wir Aufmerksamkeit und können unsere Ideen verbreiten.“

 

Wem gehört das Land?

Die selbsternannten Wunderländer rechtfertigen ihren Anspruch auf den Streifen Land damit, dass dieser weder im deutschen noch im niederländischen Kataster aufgeführt sei. Das liege daran, dass die beiden Länder verschiedene Grenzen gezogen haben. Das, was Yoshi Livo und seine Mitstreiter Wunderland nennen, ist ein ausgetrocknetes Bachbett. Die Niederlande zogen ihre Grenze in dessen Mitte, Deutschland drei Meter von der Böschung am anderen Ufer entfernt. Es ist also terra nullius, Niemandsland.

Dass das Land niemandem gehört, sieht die Gemeinde Coevorden jedoch anders. „Wir sind die Besitzer dieses Landes und werden nicht akzeptieren, dass diese Leute es zur Gründung eines neuen Staates nutzen“, heißt es in einer Stellungnahme. Anders als Yoshi Livo behauptet, sei die Gemeinde Coevorden sowohl im niederländischen „Kadaster“ als auch im deutschen „Grundbuch“ als Besitzer des Landes eingetragen, weshalb es rechtlich gar nicht möglich sei, hier einen Staat zu gründen. Ihren Anspruch auf das Land rechtfertigt die Gemeinde mit einem notarisch beglaubigten Kaufdokument des Gebietes: Coevorden hat das Stück Land 2005 von Hermanus Beukeveld und Petrus Beukeveld für insgesamt 456.030 Euro erworben. Das Grundstück liegt an einem Industriegebiet und wird für eine Erweiterung gebraucht. Verkaufsgespräche mit einem Investor laufen bereits.

Vor allem Punkt vier der Konvention von Montevideo gestaltet sich also schwierig – Beziehungen zu anderen Staaten stehen noch aus. Yoshi Livo gibt sich zuversichtlich: „Wenn wir lange genug bleiben, so fünf Jahre, dann werden uns andere Staaten irgendwann anerkennen müssen.“ Livo erklärt, er sehe sich selbst noch als Einwohner von Wunderland, auch wenn er zurzeit dort keine Bleibe habe. Seit der letzten Räumung sind jedoch weder er noch seine Mitbürger zurückgekehrt.

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