Deutschlernen ist in - in der Krise suchen viele Italiener Ihr Glück in der Fremdsprache. Foro: Ruhs

Deutschlernen ist in - in der Krise suchen viele Italiener Ihr Glück in der Fremdsprache. Foro: Ruhs

Deutsch als Karriereleiter

Seit der Wirtschaftskrise verzeichnete das Goethe-Institut in Italien einen Anstieg an Deutschlernenden. Denn auch wenn Deutsch gemeinhin als schwierig gilt, wagen sich immer mehr Italiener an die Fremdsprache – der Arbeit und der Karriere zuliebe.

 

Als die Wirtschaftskrise 2008 über Italien hereinbrach, war es für das Land die schlimmste Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Wie in vielen anderen südeuropäischen Ländern auch, gab es enorme Einbußen in der Industrieproduktion, beim Pro-Kopf-Einkommen und die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich – bis heute hat vor allem die Jugend darunter zu leiden. Fremdspracheninstitute wie das Goethe-Institut jedoch verzeichneten kurze Zeit nach der Wirtschaftskrise einen Zulauf:  „Ab 2010 gab es einen Anstieg an Deutschlernenden; seither ist die Zahl von Jahr zu Jahr kontinuierlich gestiegen“, sagt Gertrud Fleps, Leiterin der Sprachkurse und Prüfungen am Goethe-Institut in Rom. „Wir haben wegen der Krise insgesamt in Italien etwa 2.000 Kursteilnehmer mehr als 2010.“ Im Moment hat das Goethe-Institut etwa 5.700 Kursteilnehmer im ganzen Land, allein in Rom sind es 1.800 Deutschlernende auf unterschiedlichen Niveaus. Grund für die Nachfrage an Sprachkursen sind die besseren Karrierechancen, die sich die Italiener mit Deutsch ausrechnen. „Eine Fremdsprache reicht nicht aus, um gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, man muss noch eine dazulernen – umso mehr, umso besser“, bestätigt Fleps. „Nur Englisch zu beherrschen reicht nicht mehr.“

Mit Deutsch sei man auf dem Arbeitsmarkt auch deshalb breiter aufgestellt, da die Sprache vor allem in Europa sehr gefragt ist, erklärt Fleps. „Deutsch ist die in Europa meistgesprochene Sprache, 100 Millionen von etwas mehr als 500 Millionen Menschen sprechen Deutsch, hauptsächlich in Südtirol, der Schweiz und natürlich in Österreich und Deutschland“. Laut einer Datenerhebung von 2015 unter anderem mit Beteiligung des Goethe-Institutes lernen etwa 9,4 Millionen Menschen in Europa Deutsch, etwa 435.000 sind es in Italien, davon etwa 398.000 in der Schule und 30.000 an den Universitäten. Die wirkliche Anzahl der Deutschlernenden dürfte jedoch weit höher liegen, denn dabei wurde nicht berücksichtigt, wer die Sprache schon beherrscht und wer sie sich außerhalb von Sprachkursen, zum Beispiel durch Onlineangebote aneignet. Doch nicht nur in Italien gebe es einen Anstieg der Deutschlernenden, auch in anderen krisengeschüttelten Ländern wie Spanien, Portugal oder Frankreich werde nun vermehrt auf weitere Fremdsprachen, wie eben auf Deutsch gesetzt, versichert Fleps. „Nach der Krise haben die Leute in Bildung investiert. Nicht nur Deutsch, auch zum Beispiel Chinesisch, Spanisch oder Französisch werden jetzt mehr gelernt“.

Auch Daniele Paolini hat im November vergangenen Jahres angefangen Deutsch zu lernen – der Karriere zuliebe. Der 30-jährige Römer arbeitete als Elektroingenieur, bis sein Arbeitgeber seinen Vertrag nicht mehr verlängerte und er arbeitslos wurde. Nun würde er gerne eine Anstellung in Deutschland finden und wäre dafür auch bereit, auszuwandern. „Dort verdient man mehr als in Italien“, meint er grinsend. In seinem Freundeskreis sei er längst nicht der einzige, der mit Deutsch angefangen habe. Mittlerweile hat er erfolgreich das A1-Niveau abgeschlossen und belegt nun den A2-Kurs. B1 würde er jedoch gerne in Deutschland machen, am liebsten in München, um so auch im Alltag mit der Sprache in Berührung zu kommen – denn bisher ist für ihn vor allem das Verstehen der Sprache das schwierigste: „Die Deutschen sprechen sehr schnell und der Satzbau ist schwierig“, meint er.

Um wirklich in Deutschland arbeiten zu können, wird es jedoch noch ein wenig dauern:  „Man muss schon ein B2-Niveau erreichen, um Chancen zu haben, mit der Sprache arbeiten zu können. Das ist auch das Ziel, das viele anstreben“, sagt Fleps. Im Gegensatz zu Daniele komme für viele jedoch eine Auswanderung nach Deutschland gar nicht infrage. „Ziel ist für viele, im eigenen Land mit deutschen Firmen zusammenarbeiten zu können, mit deutschen Kunden und Lieferanten“.

Daniele jedenfalls könnte sich durchaus an Deutschland gewöhnen. Das Land gefällt ihm, er ist schon mehrmals dorthin gereist, kennt unter anderem München, Bamberg, Dresden, Würzburg und Berlin und schwärmt vor allem von der Apfelschorle, dem Sauerkraut und der Currywurst – und wäre gerne bereit, dies gegen Pizza und Pasta einzutauschen.

 

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Weil uns eine gemeinsame europäische Sprache fehlt ...

    Hätten wir neben unseren vielen Muttersprachen eine gemeinsame europäische Sprache, dann wären junge Italienern und Spaniern ohne das Erlernen der schwierigen deutschen Sprache der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt möglich. Damit wäre auch eine europäische Öffentlichkeit herstellbar sowie eine vertiefte europäische Integration möglich.