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Die beste Gesundheitsversorgung Europas

Ich habe diese mysteriösen, chronischen Magenbeschwerden. Schon verschiedene Ärzte in Stuttgart, Hamburg und sogar in den USA haben sich dem Problem angenommen, weil ich in den letzten Jahren an vielen verschiedenen Orten gewohnt habe. Seit kurzem arbeite ich in den Niederlanden und bin besonders zuversichtlich, weil die Niederlande in dem, im Januar 2015 herausgebrachten Euro Health Consumer Index, schon das fünfte Jahr in Folge am besten abgeschnitten haben.

Für Thom Meens, Pressesprecher der niederländischen Patienten- und Konsumentenvereinigung (NPCF) ist das keine Überraschung: „Wir investieren sehr viel in unsere Gesundheitsversorgung.“ Jan-Kees Helderman, Experte für Gesundheitsversorgung an der niederländischen Radboud-Universität fügt hinzu: „Unsere Stärke liegt vor allem in unserer guten Grundversorgung. Außerdem gibt es ein gut ausgebautes Netzwerk an Krankenhäusern und die Versorgung ist sehr breit angelegt.“ Der Report selbst nennt als Grund „die beste und am meisten strukturierte Mitwirkung von Patientenorganisationen an der Entscheidungsfindung und Gesetzgebung in Europa“.

Als ich mich nach einer niederländischen Krankenversicherung umgeschaut habe, habe ich mich vor allem daran orientiert, welche Angebote durch die Versicherung mit abgedeckt werden. Generell sei das Niederländische System im Vergleich zu anderen EU-Ländern weitaus großzügiger mit den Diensten, die es anbietet, sagt Helderman. Das sei der Grund dafür, dass die Niederlande so gut in Rankings abschneiden.

Die Großzügigkeit sorgt aber auch für hohe Gesundheitsausgaben. In 2012 machten diese 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus (Deutschland liegt bei 11,3 %). Mit den Pro-Kopf-Ausgaben folgt das niederländische System (5.418 Euro) direkt hinter der Schweiz, Luxemburg und Norwegen. Deshalb hat Gesundheitsministerin Edith Schippers kürzlich auch in Übereinstimmung mit Krankenhäusern, Ärzteverbänden und Gesundheitsversorgern beschlossen, dass die Kosten in Zukunft jährlich nur noch um 1 Prozent steigen dürfen. Das macht umfangreiche Sparmaßnahmen nötig, denn in den Jahren 2000 bis 2013 stiegen die Kosten jedes Jahr im Durchschnitt um 5,5 Prozent. Im März 2014 hatte Schippers einen Plan vorgestellt, nachdem künftig die Versicherer vorschreiben können, zu welchen Ärzten ihre Versicherten gehen dürfen und zu welchen nicht. Das sollte die Kosten für Versicherer deutlich senken. Der Reformvorschlag stieß auf erheblichen Protest und wurde im Frühjahr 2015 zurückgenommen. Aber schon jetzt haben die vier Versicherer, die 90 Prozent des Marktes kontrollieren, sehr viel Macht.

So konnte ich mir bei meiner Versicherungswahl aussuchen, ob ich eine günstigere Versicherung möchte, die nur solche Ärzte zulässt, mit denen die Firma einen Vertrag abgeschlossen hat. Da es mir zu kompliziert ist, jedes Mal eine Liste zu checken, bevor ich zum Arzt gehe und ich lieber frei wählen möchte, habe ich mich für die teurere Variante entschieden. Helderman fasst das so zusammen: „Die meisten Patienten vertrauen ihrem Arzt mehr als ihrem Versicherer und deshalb finde ich persönlich, dass die freie Arztwahl das wichtigste Element des Gesundheitssystems ist.“

Nach der Ablehnung der Reform von Schipper müssen aber andere Möglichkeiten gefunden werden, Kosten einzusparen. Es ist klar, dass dafür wenig Spielraum besteht. Meens von der NPCF macht deutlich: „Wir sollten alles versuchen um effizienter zu sein, aber dabei muss auf jeden Fall gewährleistet werden, dass die Qualität der Versorgung die Gleiche bleibt.“ Die Niederländer werden wohl kaum bereit sein, auf Gesundheitsleistungen zu verzichten.

Steigende Gesundheitskosten sind aber nicht nur in den Niederlanden ein Problem. Der demographische Wandel und finanzielle Krisen in Europa haben nach dem Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Lissabon im Jahr 2000 auch die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Zwar kann die Kommission kein Mitgliedsland zu Reformen zwingen. Dafür können aber Regierungsparteien ihre Reformen gegenüber der Opposition mit der EU im Rücken leichter rechtfertigen, sagt Helderman. Ein Beispiel sei die Reform des niederländischen Gesetzes für außergewöhnliche Gesundheitskosten (ABWZ), die seit 2015 in Kraft ist. In diesem Falle habe die Regierung den Druck der Europäischen Kommission genutzt, um sich gegen verschiedene kritische Interessensgruppen durchzusetzen.

Ein weiteres wichtiges Beispiel für den Einfluss der EU-Kommission auf die Gesundheitsversorgung ist die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung. Meine Kollegin ist zum Beispiel nicht steuerpflichtig in den Niederlanden und muss deshalb auch keine niederländische Krankenversicherung abschließen. Sie wird im Krankenhaus vor Ort auch behandelt, wenn sie ihre spanische Versichertenkarte vorzeigt.

Jeder Zweite ist zufrieden

Morgens habe ich bei dem Gesundheitszentrum um die Ecke angerufen und noch am selben Nachmittag einen Termin bekommen. Doktorin Annemarie Bӱloo empfing mich freundlich. Wie ich, sind auch 51 Prozent der Niederländer, die der amerikanischen Commonwealth Fund 2013 befragte, mit ihrem Gesundheitssystem durchweg zufrieden. In Deutschland gaben das nur 42 Prozent an. Gibt es also etwas, das Deutschland von den Niederlanden lernen kann? Die Reform , die 2006 ein einheitliches System ohne Unterscheidung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung in den Niederlanden schuf, hat für mehr Solidarität gesorgt und gesunde und Patienten mit schlechtem Gesundheitszustand besser auf die verschiedenen Versicherer verteilt, sagt Helderman. Die Verschmelzung sei auch wichtig gewesen, um unnötige Bürokratie loszuwerden. Helderman hebt aber auch hervor, dass die Anzahl der Privatversicherten in den Niederlanden deutlich höher gewesen sei, als in Deutschland und deshalb das System stärker gefährdeten. Ein einheitliches System wird in Deutschland schon seit längerem diskutiert. Während 57 Prozent der Befragten in einer Umfrage des TNS Infratest Finanzforschung in 2013 angaben, dass sie ein einheitliches System befürworten, sind vor allem die Ärzteverbände der Meinung, dass die private Versicherung als Korrektiv der gesetzlichen Krankenversicherung gelte und die medizinischen Standards aufrechterhalten würde. Und auch der Verband der privaten Krankenversicherungen (PKV) spricht sich deutlich gegen eine Abschaffung des Zweisäulensystems aus.

Helderman hat aber noch einen weiteren Verbesserungs-Vorschlag: Noch wichtiger für Deutschland sei, die Funktion der Grundversorgung als Tor zu weiteren, teureren Leistungen zu verbessern.

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