Sanderson Jones, Kopf der größten Atheistenkirche Englands (Foto: Paul Jenkins, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/legalcode)

Die gottlose Gemeinde

Sonntags stehen die Leute in London Schlange, um einen Platz zu ergattern in dieser besonderen Kirche – für Atheisten. Sie suchen Gemeinschaft auch ohne Gott. Und doch erinnert so manches an eine christliche Messe.

Von Luisa Jacobs

Sanderson Jones, Kopf der größten Atheistenkirche Englands (Foto: Paul Jenkins, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/legalcode)
Sanderson Jones, Kopf der größten Atheistenkirche Englands (Foto: Paul Jenkins, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/legalcode)

„Könnt ihr die Katze auf Lucas’ Kopf sehen?“, fragt Sanderson Jones von der Bühne des rammelvollen Gemeinschaftshauses herunter. Skeptisches Achselzucken im Publikum. „Nein? Dann sagt doch einfach mal ganz oft: ‚Katze, Katze, Katze’.“ Lucas tut, was der Mann mit dem Bart sagt, und wenige Minuten später jagt die virtuelle Katze auf Lucas’ Kopf eine ebenso fiktive Maus über die Köpfe des Publikums hinweg. Kindergeburtstag? Nein, Atheistenkirche!

Atheistenkirche ist Kirche ohne Gott. Kirche ohne Beten. Und Kirche ohne Oblaten. In der Sonntagsversammlung, einem Gemeindehaus im Norden Londons, werden längst vergessene Popsongs besungen, alberne Klatsch-Spiele ausprobiert und urbane Überlebenstipps ausgetauscht.

„Wenn ihr mal wieder in die überfüllte U-Bahn lauft und so richtig keinen Bock habt, dann bleibt doch einfach mal mitten im Gewusel stehen und hüpft drei mal kurz hoch.“ Die Kirchgänger, hauptsächlich junge, vielbeschäftige und weitgereiste Londoner, verspüren schon beim bloßen Gedanken kindische Freude. Das riecht nach Alltagsrevolution, das riecht nach Spaß.

Sanderson Jones ist der Kopf der Sunday Assembly, der größten Atheistenkirche Englands. Und er macht das, was in einer christlichen Kirche der Priester macht: Er leitet durch die Versammlung, singt laut mit und gibt Denkanstöße. Anfang dieses Jahres hat er die Sonntagsversammlung zusammen mit seiner Komiker‐Kollegin, Pippa Evans, gegründet. Alles begann auf einer langen Autofahrt zu einem ihrer Comedy-Auftritte. „Wir dachten, dass es auch für Ungläubige so ein nettes Zusammentreffen wie den Gottesdienst geben sollte“, erinnert sich Jones.

Und aus der fixen Idee wurde ein voller Erfolg. „Ich denke nicht, dass nur Christen das Recht haben sollten, sich sonntags morgens zu treffen“, sagt auch Meldrid, eine junge Besucherin. Die Gottlosen, überwiegend jung, europäisch und gut gebildet, treffen sich jeden zweiten Sonntag um 11 Uhr, und dann noch mal um 14 Uhr – weil der Andrang so groß ist.

Bei der ersten Versammlung im Januar waren es nur ein paar Dutzend, schnell kamen ein paar Hundert. Und nun stehen die Leute sonntags schon Schlange, um noch einen Platz in der Atheistenkirche zu bekommen. Die Anfragen aus anderen Städten, vor allem dem Süden Englands, häufen sich – auch sie wollen einen gottlose Gemeinde gründen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Menschen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, in England und Wales mehr als verdoppelt: Mehr als 14,1 Millionen Menschen glauben an keinen Gott, das zeigen die jüngsten Zensusergebnisse. Der Wunsch nach Gemeinschaft scheint trotzdem weiter zu existieren – oder gerade deshalb.

Steven Rice kennt die Sehnsucht nach Gemeinschaft gut. Er ist Schriftsteller und schreibt gerade an einem Buch „not knowing“ – die Angst, nicht zu wissen. „Die Ungewissheit über unsere Zukunft und über unsere Ziele treibt doch jeden Menschen um“, sagt Steven. In einer großen Stadt wie London könne man sich dann schnell alleine fühlen.

Vor vielen Jahren hat Steven eine Priesterausbildung angefangen. Heute ist der 31-Jährige zum ersten Mal bei der Sonntagsversammlung. Atheist ist er nicht. „Aber um den Glauben an Gott geht es hier nicht“, sagt auch er. „Die Leute wollen einfach nur zusammenkommen, um zu singen und zu reden – egal, an wen oder was sie eigentlich glauben.“

Ein bisschen hält sich die Sonntagsversammlung dann aber doch an die Liturgie einer christlichen Messe: Es gibt einen Moment der Stille und Lesungen. Heute darf Lucas sein Lieblingsgedicht vorlesen: Bazonka! – nicht aus der Bibel, sondern aus einem alten Kinderklassiker. Und dazwischen wird immer wieder gesungen – fast wie in der Kirche, nur ohne Orgel und Gesangbuch, dafür mit Schlagzeug. Und die Liedtexte werden auf eine große Leinwand gebeamt. „I want to live like common people“. Damit auch wirklich alle textsicher sind, werden die Songs immer schon im Voraus auf der Facebook-Seite gepostet.

Nach dem letzten Lied hält Jones, der eigentlich kein Pfarrer sein will, dann doch noch eine Predigt. Denn wer spielen will, der muss sich auch Gedanken über die Regeln machen, sagt er. So wie im echten Leben auch. „Spiele ich nur, um möglichst schnell möglichst viele goldene Münzen einzusammeln – so Mario-style?“ Jones gibt den großen Fragen einen irdischen Mantel.

Doch am Ende der Versammlung klingeln die Münzen dann auch in der gottlosen Kirche. Die Kollekte – ein weiteres Stück Kirche, das die Sonntagsversammlung sich zu eigen und zum vollen Erfolg gemacht hat: Ganz profan in einer alten Keksdose gesammelt, quellen die Pfundscheine am Ende sogar über. Die Ungläubigen wollen ihre Sonntagsversammlung um keinen Preis mehr missen.

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