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Die Niederländer fahren elektrisch vorneweg

Ich nehme langsam den Fuß von der Bremse und rolle los – geräuschlos. Michael Rex, Mitarbeiter der Modellregion Elektromobilität Rhein-Ruhr dirigiert mich auf eine der typischen Pendlerrouten zwischen Nordrhein-Westfalen (NRW) und den Niederlanden , die 32.900 (Stand 2012) Berufstätige täglich fahren. Typisch für den Berufsverkehr stecken wir nur wenige Meter vom Düsseldorfer Hauptbahnhof entfernt im Stau. Zumindest kann ich mich damit trösten, dass ich gerade keine Energie verbrauche oder CO2 ausstoße. Bei Elektroautos wie dem BMW i3, in dem ich sitze, muss der Motor nicht ständig im Leerlauf laufen. Er geht einfach an, wenn man fährt und ist aus, wenn man steht.

Aber nicht nur aus diesem Grund eignen sich Elektroautos besonders gut für Pendler. Der Weg zur Arbeit kann mit der Reichweite moderner Elektrofahrzeuge leicht bestritten werden, meist sogar ohne Zwischenladen. Mehr als 110 km schaffen Elektroautos bisher ohne auf den meist ebenfalls vorhandenen Motor zurückzugreifen (siehe Grafik). Damit hängen die herkömmlichen Autohersteller aber immer noch hinterher. Dass es noch weiter geht, zeigt der amerikanische Elektroauto-Hersteller Tesla. Der baut mittlerweile Autos mit mehr als der doppelten Reichweite.

IMGP8796Ich habe einen sehr konservativen Fahrstil. Zudem bremst mich der eingeschaltete Ökomodus des BMW freundlich, wenn ich über 110 kmh fahren möchte. Fast schaffen wir es,  die 140 km vom Düsseldorfer Hauptbahnhof bis zur Ladesäule in Arnhem in den Niederlanden, die heute unser Ziel ist. Erst an der Autobahnausfahrt in Arnhem höre ich ein seltsames Knattern. Die Reichweitenverlängerung (kurz REX) hat sich eingeschaltet. Diese kann noch bis zu 150 km länger durchhalten.

GrafikIn NRW gibt es Anfang des Jahres 2015 laut dem Kraftfahrt-Bundesamt 2.976 Elektroautos und 20.472 Hybride während es in den Niederlanden,  die eine ähnliche Einwohnerzahl und Fläche haben, laut dem Rijksdienst voor Ondernemend (RVO) Nederland, 9.038 Elektroautos und 53.165 Hybride im September sind. Das liegt laut Rex allerdings nicht daran, dass die Niederländer per se anders eingestellt sind. „In den Niederlanden gibt es viel mehr Spielraum, Steuern zu erlassen, weil mehr Steuern auf den Autobesitz bezahlt werden“, sagt Rex. Das kann sich zu mehreren tausend Euro Ersparnis summieren, während die KfZ-Steuer in Deutschland im Jahr bei lediglich ein paar hundert Euro liegt.

Das Navigationssystem in unserem Auto kennt alle Ladestationen in der Region und weiß auch, wie schnell, also mit welcher Leistung sie laden können. Am Rande eines Industrieparks wollen wir laden. Die Säule steht auf privatem Gelände, ist aber öffentlich zugänglich und zu unserer Überraschung kostenlos .

Das ist nur eines von vielen Konzepten, mit denen die Niederlande die Ladeinfrastruktur in den letzten zwei Jahren laut  RVO auf 7.121 öffentliche, 9.214 semi-öffentliche  und 408 Schnellladesäulen  aufgestockt hat, die mit mehr als 22 KW laden. In NRW sind es im Vergleich nach Zahlen des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) insgesamt nur 1.321. Rex erklärt das so: „Wir Deutschen wollen erst mal forschen und untersuchen, ob etwas funktionieren kann. Die Niederländer machen es einfach.“ Deshalb seien die Niederlande Deutschland in Sachen Elektromobilität auch momentan weit voraus.

Das zeigt sich auch daran, dass Tesla im Jahr 2013 seine europäische Hauptzentrale in Tilburg eröffnete und der Taxiflotte des Amsterdamer Flughafens 167 Model-S-Fahrzeuge sponserte. Amsterdam war auch die erste Stadt, die 2011 mit 300 Elektroautos vom Car-Sharing-Anbieter Car2Go, die erste und größte elektrische Car-Sharing-Flotte hatte. Außerdem werden Besitzer von Elektroautos bei der Beantragung eines Anwohner-Parkschein durch die Stadt bevorzugt behandelt. Das kann bei konventionellen Fahrzeugen über ein Jahr dauern. Falls dem Elektroauto-Besitzer im Umkreis von 250 Meter von Arbeit oder Wohnung keine Ladesäule zur Verfügung steht, wird der Bau einer weiteren Ladesäule in dem Gebiet geprüft.

Deutsche Maßnahmen wirken dagegen wenig angetrieben. Das Elektromobilitätsgesetz , dass es Städten erlaubt, beispielsweise Busspuren für Elektroautos frei zu geben oder beim Parken zu bevorzugen, haben bisher erst Lüdinghausen im Kreis Coesfeld und Herford eingeführt. Essen plant die Freigabe von Busspuren für E-Autos.

Noch ist staatliche Förderung von Ladesäulen und Elektroautos absolut notwendig. „Solange nicht genügend Elektrofahrzeuge unterwegs sind, müssen „Elektro-Tankstellen“ als mittel- bis langfristiges Investment gesehen werden“, sagt Rex. Und der Kaufpreis eines Elektroautos ist immer noch vergleichsweise teuer. Rex hat ausgerechnet, dass sich ein die Anschaffung mit den Einsparungen durch niedrigere Kosten pro gefahrenem Kilometer etwa bei 16.000 Kilometern pro Jahr lohnt.

IMGP8799An der Ladesäule angekommen, hält Rex eine Chip-Karte an und wählt den gewünschten Stecker aus. Als ich diesen einführe blinkt das Auto zufrieden in gelb, grün und blau. Die Säule kann mit 45 kW laden und gilt damit als Schnellladesäule. Innerhalb von 45 Minuten haben wir für die nächsten 128 Kilometer vollgetankt. Trotz Super-Ladesäule dauert das immer noch länger als für eine herkömmliche Tankfüllung und man muss für diese Zeit eine Beschäftigung einplanen. Deshalb möchte Tesla diese Zeit auf etwa 20 Minuten, entsprechend einer Pinkelpause auf der Raststätte, verkürzen. Ganz so weit ist die Ladeinfrastruktur in NRW und den Niederlanden noch nicht. Trotzdem: In diesem Moment fühlt es sich fast so an, als wären wir schon im Zeitalter der Elektromobilität angekommen .

 

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