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Die Prekären und ich

Sein Lebenslauf liest sich wie das Musterbeispiel einer akademischen Karriere – Studium in Berlin und Paris, Promotion am deutsch-französischen Marc Bloch Zentrum, Dozent Sciences Po Paris. Und doch ist Kolja Lindner heute Morgen um halb sieben Uhr aufgestanden um drei Protestszenarien durchzuspielen. „Wir wollen nur den Staatssekretär ein bisschen ärgern“

Lindner engagiert sich im Kollektiv der Prekären des ESR, einem Zusammenschluss etwa 40 Hochschuldozenten in Paris. Wörtlich übersetzt ist es das Kollektiv der Prekären der Hochschulbildung und der Recherche („Collectif des Précaires de l’Enseignement Supérieur et la Recherche“). „Ich treffe mich mit den Prekären“, sagt Lindner, wenn er über seine Kollegen spricht. Das Kollektiv ist aus den Protesten gegen das Arbeitsgesetz im April 2016 entstanden. Lindner war von Anfang an dabei. Am stärksten vertreten sind die Protestler im Großraum Paris. Lokale Ableger haben sich in zehn französischen Städten gebildet. Insgesamt kommt der noch junge Zusammenschluss auf mehrere Hundert Mitglieder.

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Die Protestaktion wurde nicht unterbrochen. Foto: Kollektiv

Der Hörsaal im Pariser „ Conservatoire national des arts et métiers“ ist gut gefüllt. Zum achten Mal organisieren die Tageszeitung Le Monde und das Fachmagazin La Recherche das Forum „Wissenschaft, Recherche und Gesellschaft“. Es gibt keine Tickets mehr für die erste Veranstaltung an diesem Mittwoch. Der Altersschnitt im Hörsaal liegt etwa bei 60. Als Thierry Mandon das Pult betritt und vorgestellt wird als Staatsminister für Hochschulbildung und Recherche. In diesem Moment stehen die zehn Protestanten auf und rufen: „…und der Prekarität“. Der Ruf ist laut, aber kommt nicht von allen zehn gleichzeitig. Sie alle sitzen verstreut im Hörsaal. Sie stehen gleichzeitig auf  und Laufen nach vorne. Sie stellen sich in einer Reihe auf und jeder von ihnen hält ein weißes DINA-4 Papier vor das Gesicht, auf dem eine Ameise abgebildet und „die Prekären des ESR“ zu lesen ist. Gleichzeitig stimmen sie einen Sprechchor an, bis eine der zehn das Mikro ergreift was auf dem Tisch liegt. Sie nimmt es an sich und liest von ihrem Handy den vorbereiteten Diskurs ab. Trotz anfänglicher Aufregung lassen die Organisatoren sie ihre Forderungen aussprechen. Aufregung ist im Hörsaal nicht zu spüren. Einige Zuschauer spenden Beifall, andere bleiben stumm. Danach verlassen sie den Hörsaal und verteilen Flyer, auf die sie ihre Forderungen gedruckt haben.

Am liebsten würde das Kollektiv das System grundlegend verändern. Ihre konkreten Forderungen aber bleiben konkret und realistisch: sie fordern eine monatliche Bezahlung für Lehrende und mehr MCF (Maître de Conference) Stellen. Viele Aushilfsverträge werden pro Semester bezahlt.

Kolja Lindner hat in Berlin und Paris Politikwissenschaften studiert und danach am Marc Bloch Zentrum promoviert. Die Promotion dauerte fünf Jahre, nach drei Jahren lief sein Stipendium aus. Die restlichen zwei Jahre finanzierte er von seinem Erbe. „Eigentlich hätte ich mir  vorgestellt was anderes mit dem Geld zu machen“, sagt Lindner. Wenn er das sagt, klingt er aber nicht verbittert. Er würde sich auch wieder für eine akademische Laufbahn entscheiden. Aber er musste viel dafür aufgeben. Nach der Doktorarbeit fand er ein Jahr lang keine Stelle und kellnerte stattdessen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Etwa 60 Bewerbungen später bekam er eine Stelle an der Sciences Po Paris, als ATER (Attaché Temporaire d’Enseignement et de Recherche). ATER-Stellen sind befristete Lehraufträge, die auf ein Jahr begrenzt sind und höchstens einmal verlängert werden. An der Sciences Po, wo Lindner lehrt, werden ATER Stellen prinzipiell nach einem Jahr nicht verlängert, weshalb er aktuell wieder Bewerbungen schreibt. Doch er kann sich noch glücklich schätzen, sagt er. Denn für alle, die keine ATER Stelle bekommen, bleiben nur Aushilfsverträge. Diese werden semesterweise vergeben und bezahlt, mit 4000 Euro Brutto (pro Semester). Würden die Aushilfsverträge abgeschaffen, müssten in Frankreich 15.000 Stellen geschaffen werden, sagt Lindner. In Deutschland sind befristete Verträge für Wissenschaftler auf sechs Jahre begrenzt, nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Dies ist jedoch auch umstritten. Was macht ein Wissenschaftler, der nach sechs Jahren keine Festanstellung an einer Universität findet? Der Übergang von Wissenschaft zu Wirtschaft ist nicht immer leicht. Ergebnis sind noch prekärere Lösungen, die das Gesetz umgehen.

Paris, London, Berlin, Mannheim – Lindner bewirbt sich überall wo er Chancen sieht. Dass Privatleben oder gar Familienplanung nur schwer mit diesem Leben vereinbar sind, wird offensichtlich. Tatsächlich sind, vor allem Frauen aber auch Männer, die in der Wissenschaft tätig sind die Bevölkerungsgruppe mit der niedrigsten Geburtenrate. Das gilt für Frankreich wie Deutschland.

Auch wenn die Situation der Hochschuldozenten in Deutschland nicht besser ist,  gibt es keine vergleichbaren Zusammenschlüsse. Lindner erklärt dies vor allem damit, dass es in Deutschland keine Alternative gibt. In Frankreich gibt es die MCF, „Maître de Conference“. Sie sind vergleichbar mit akademischen Räten in Deutschland. In Deutschland gibt es diese Stellen jedoch weitaus seltener als in Frankreich. Französische Doktoranden haben damit die Stellen vor Augen, die sie gerne hätten. Die Lösung ist greifbar, im Gegensatz zu Deutschland, wo seit den 70er Jahren immer weniger dieser Stellen dieser Art vergeben werden.

Wie es für Lindner nach dem Sommer weiter geht, ist noch unklar. Klar ist nur, dass er sich jederzeit wieder für die akademische Laufbahn entscheiden würde. „Das ist eine Leidenschaft und so geht es auch den anderen Prekären“, sagt er. Und nur so kann das System funktionieren, indem es Menschen wie Lindner gibt, die ihren Job lieben und sich auf die Bedingungen einlassen.

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