Die transsibirische Eisenbahn. Foto: Dreisbach

Die transsibirische Eisenbahn. Foto: Dreisbach

Die Wolken fliegen in den Tümpeln mit

Ich schlage die Augen auf, und keinen halben Meter von mir entfernt liegt der kahlrasierte Bernhardinerschädel eines fremden Mannes. Sein Gesicht sieht aus wie der garstige Vollmond in Kinderfilmen. Schnell mache ich die Augen wieder zu und beobachte ihn blinzelnd. Die dicken Arme mit den schlecht gestochenen Tattoos hat er vor der ausladenden Brust verschränkt, am Fußende seines Bettes hängt eine russische Marineuniform. Er war bestimmt mal gut im Training, hat inzwischen aber zu viele der neben seinem Kopfkissen gebunkerten Erdbeertörtchen gegessen. Er muss zugestiegen sein, als ich geschlafen habe. Später, als er mir von Bett zu Bett eines der Törtchen anbietet, erfahre ich, dass er Alexej heißt und auf dem Weg nach Moskau ist.

Wir liegen in den oberen Betten unseres Abteils der Transsibirischen Eisenbahn, die Russland durchquert. Von Wladiwostok bis Moskau, vom Pazifik bis in die Hauptstadt, knapp 10 000 Kilometer, mehr als 400 Bahnhöfe, 162 Stunden, acht Zeitzonen, sechs Tage und vier Menschen auf dreieinhalb Quadratmetern. Auf dieser Etappe ist die Enge kein Problem. Alexej ist nett und vor allem riecht er nicht. Die ersten drei Tage im Zug, vor meinem Stopp in Irkutsk für einen Abstecher zum Baikalsee, habe ich mir das Abteil mit einem jungen Ehepaar geteilt. Oben, mir gegenüber, schlief der dazugehörige Onkel, der schon beim Einsteigen durchdringend nach Alkohol roch. Morgens um fünf, als ich es nicht mehr ausgehalten habe, habe ich mir gegen den Suffgeruch im heißen Abteil Zahnpasta unter die Nase geschmiert. Draußen wurde es gerade hell. Erst ist alles blau, sogar der Schnee auf der Bergspitze in der Ferne, um halb sechs kommen dann die Farben.

Die Flüsse sind hinter Wladiwostok noch zugefroren und auf den braunen Feldern sind immer wieder Schneeflecken zu sehen. Überall schwarze Baumstümpfe zwischen fusseligen Nadelbäumen und kahlen Birken. Wir fahren Stunden über Stunden durch Sumpflandschaften, die wir bei höchstens 140 Kilometern pro Stunde ausgiebig betrachten können. Brackige Pfützen, Schlamm, braunes Gestrüpp und immer wieder verlassene Dörfer, deren einstöckigen Häusern das Gras längst bis zur Hüfte steht. In jedem noch so kleinen Ort steht ein Denkmal mit einem roten Sowjetstern, manchmal auch eines im Nirgendwo am Wegesrand. Wenn wir uns größeren Siedlungen nähern, werden die Müllhalden im Wald und auf den Wiesen mehr, Berge von buntem Plastikkram, Flaschen, Dosen, Tüten. In den Vorgärten arbeiten gebückte Babuschkas, ihre Männer rumpeln mit museumsreifen Autos über die Schotterpisten, eingehüllt in Staubwolken.

Erst hinter Irkutsk wird es grün, die Sümpfe sehen mit strahlend blauem Himmel richtig hübsch aus, in den Tümpeln neben den Gleisen fliegen die Wolken mit uns mit. Ich sehe die ersten Birken mit zarten Blättern, so haben sie auf einmal nichts mehr von Skeletten. Selbst die Betongerippe der verlassenen, verfallenen Landwirtschaftsbetriebe werden in der Abendsonne wildromantisch. Zar Alexander III. initiierte als Kaiser den Bau der Transsibirischen Eisenbahn, die den europäischen Teil Russlands mit den Ostgebieten verbindet. 1891 begannen in Wladiwostok die Arbeiten. Bei Ausländern gilt die Bahn als wildromantisch und exotisch, für die Einheimischen ist sie einfach ein Transportmittel.

Im Speisewagen hängen gelangweilte junge Frauen in Uniform auf Barhockern, den Kopf in die Hände gestützt, und schauen einen schlechten Horrorfilm. Sie haben nicht viel zu tun, nur zwei Männer, die seit dem Morgen Bier trinken, sind immer da. Am zweiten Tag gibt es keine Milch mehr für den bitteren schwarzen Tee. Als abends in großer Runde einmal das Bier ausgegangen war, ist sofort beim nächsten Halt jemand rausgesprungen, um Baltika nachzukaufen. Für Milch macht das keiner.

Es ist ein alter Speisewagen, düster, mit dunkelroten Gardinen, die oben im Plastik festgetackert sind, und mit Flaschenhaltern in Form von Geweihen. Die Speisekarte ist dick, vom Steak über Fisch und Nachtisch steht alles darin, aber wenn die Frau sie auf den Tisch legt, sagt sie auch gleich, was es heute gibt: Blini und Soljanka.

Bei einem längeren Halt am Abend, 20 Minuten, geht ein Straßenhund im letzten Büchsenlicht von Waggon zu Waggon, lässt sich von den Zugbegleiterinnen mit den blauen Jacken, den nylonbestrumpften Beinen und den roten Mützen füttern und streicheln. Als ich zurück in mein Kupe komme, gackert das Mondgesicht neben mir über einen alten russischen Schwarzweiß-Stummfilm, dass sein Bauch über der Synthetik-Jogginghose nur so wackelt, und mit seinen nackten Zehen wippt er im Takt der Musik.

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