Heidi Beha

Ein Alter – zwei Perspektiven

Die jungen Erwachsenen in Griechenland kehren wieder in ihre Kinderzimmer zurück. Das steht Theodora Matziropoulou auch bevor: Fast zwei Drittel der Unter-25-Jährigen in ihrem Land, die arbeiten wollen, finden keinen Job. In Deutschland sind es acht Prozent. Unterschiedlicher könnte die Zukunft in zwei EU-Staaten nicht aussehen. Eine Gegenüberstellung

Theodora Matziropoulou
Theodora Matziropoulou

Heidi Beha
Heidi Beha

Von Heidi Beha

Wie schwierig ist es, eine Arbeit zu finden und wie wird sie bezahlt?

Theodora: Ich habe gerade mein Studium beendet und versuche, nicht nach Griechenland zurückzukehren, sondern einen Job in einem anderen europäischen Land zu suchen. In Thessaloniki wäre es wie im Märchen, als Berufseinsteiger jetzt 800 Euro zu verdienen. Im Moment müsste ich mit 580 Euro brutto im Monat, etwa 470 Euro netto, zufrieden sein, wenn ich überhaupt eine Stelle finde. Wir werden in Griechenland gerade 400-Euro-Generation genannt. Um meinen Lebensstandard zu halten, eine 500-Euro-Mietwohnung mit meinem Freund und ein durchschnittliches Leben zu haben, muss ich mehr als 400 Euro im Monat verdienen, also einen zweiten Job annehmen. Als Studentin habe ich in einem Café gejobbt. Diese Arbeit finde ich nicht schlecht, aber nach einiger Zeit Studium erwarte ich mehr von einem Beruf.

Heidi: Als Akademikerin findet man in Deutschland relativ schnell einen angemessenen Job. Es gibt viele Stellenausschreibungen, und wenn man nicht zu sehr an einen Ort gebunden ist, kann man interessante Tätigkeiten finden. Ich verdiene in etwa so viel wie alle: Durchschnittlich bekommen Uni-Absolventen in Deutschland 3000 Euro brutto im Monat, etwa 1800 Euro netto, oftmals wird aber weniger bezahlt. Wenn man nach der Uni beginnt zu arbeiten, muss man gut verhandeln, was oft schwer fällt. Das Selbstbewusstsein ist bei vielen trotz toller Ausbildung nicht so ausgeprägt. In Deutschland setzen sich junge Menschen wie ich sehr unter Druck, weil man nicht als erfolglos, arbeitslos oder nichtsnutzig wahrgenommen werden möchte. Daher nimmt man dann auch gerne Jobs an, die schlecht bezahlt sind.

Was fällt dir ein, wenn du an deine berufliche Zukunft denkst?

Theodora: Ich glaube an mich und meine Fähigkeiten. Ich habe meine Studienzeit genutzt, habe Praktika gemacht, erste Arbeitserfahrungen gesammelt, war im Ausland und habe mich bei europäischen Jugendprojekten engagiert. Mit dem, was ich getan habe, bin ich zufrieden. Mein Selbstbewusstsein stimmt, meine Ausbildung auch und mein Lebenslauf sieht gut aus. Aber für das richtige Berufsleben ist das alles nicht wichtig – so fühlt es sich für mich jetzt jedenfalls an.

Heidi: Im Moment kann man in Deutschland immer wieder einen guten Job finden. Als Einsteiger erhält man zum Teil nur befristete Verträge. Das war früher anders, erzählen viele. Solche Befristungen machen mich flexibler. Ich denke nicht, dass ich jahrzehntelang für den gleichen Arbeitgeber arbeiten kann oder will. Die Arbeitgeber wollen sich nicht so gerne festlegen, ich lege mich daher auch nicht fest. Was mich manchmal darüber nachdenken lässt, im Ausland zu arbeiten ist, dass man im Ausland schneller spannendere Tätigkeiten mit mehr Gestaltungsspielraum und Verantwortung übernehmen kann. In Deutschland habe ich manchmal das Gefühl, dass jungen Menschen viel weniger zugetraut wird als älteren.

…und an deine private?

Theodora: Ohne Job eine Familie gründen ist nicht möglich. Ich denke zwar noch nicht an Kinder und Heiraten, aber Freunde von mir. Es ist schwierig, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn man –  wie mein Freund – nicht weiß, ob man als Lehrer nach dem Sommer wieder eingestellt wird. Deshalb beginnen junge Leute wie ich nicht ihr eigenes Leben und gründen keine Familien. Das wäre zu riskant. Mein Freund und ich können unsere Wohnung im Moment noch finanzieren, das kann sich aber schnell ändern. Dann muss ich wieder zu meinen Eltern nach Hause ziehen.

Heidi: Kürzlich habe ich zum ersten Mal verstanden, dass schwangere Frauen Unternehmen fast gar nicht schaden. Bisher hatte ich dieses Vorurteil im Kopf, doch Unternehmen müssen die Stelle der Mutter oder des Vaters in Elternzeit lediglich neu besetzen, den Rest erledigen die Krankenkassen, in die Unternehmen ohnehin einzahlen müssen. Dass ich von anderen höre, dass es in Deutschland  nicht so leicht ist, wenn zwei Menschen eine Familie gründen, macht mich traurig. Meine Eltern wohnen nicht im selben Ort wie ich, daher wäre ich zum Beispiel auf Betreuungsplätze angewiesen. Vielleicht auch eine Folge der Flexibilität.