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Ein Fünkchen Hoffnung

Nicht immer ist alles so schlimm wie es auf den ersten Blick scheint. In Riga haben sich auf Facebook ein paar Aktive zusammengetan, um den in Lettland lebenden Flüchtlingen zu helfen.

 

Gerade in Lettland, einem Land, das westeuropäische Medien gerne vergessen, muss man oft zwei Mal hinschauen um zu verstehen. Um auf die Facebook-Gruppe: „Gribu palīdzēt bēgļiem“ zu stoßen, sind sogar gute Sprachkenntnisse nötig. Der lettische Titel heißt übersetzt so viel wie „Ich möchte Flüchtlingen helfen“. Facebook-Gruppen wie diese gibt es in Ländern wie Deutschland hundertfach, in Lettland ist Engagement für Flüchtlinge weder hip, noch selbstverständlich.

Gruppengründer Egils Grasmanis wollte aus einer individuellen Motivation heraus aktiv werden: „Meine Frau und ich hatten das Gefühl, dass wir persönlich helfen müssen und hatten zunächst die Idee, dass wir eine Flüchtlingsfamilie bei uns zu Hause aufnehmen“, sagt er. Auch wenn sich in seiner Gruppe mittlerweile schon mehr als 2000 Gleichgesinnte versammelt haben, ist Egils Grasmanis in Riga so etwas wie ein Pionier. Die Idee, sich für Flüchtlinge zu engagieren verbreitete sich mit einem Facebook-Post: „Es war eigentlich zunächst ein Mangel an Informationen. Ich habe einfach auf Facebook gefragt, ob jemand ähnliche Gedanken hat und dann hat sich eine rege Diskussion entwickelt.“

Von Digital zu Analog

Liene Jurgenale, Mitbetreiberin des Kaņepes Kultūras Centrs
Liene Jurgenale, Mitbetreiberin des Kaņepes Kultūras Centrs (Foto: Pecikiewicz)

Herauskristallisiert hat sich eine Facebook-Gruppe, aus der sich circa zehn besonders aktive Leute mittlerweile jeden Freitag persönlich treffen. Unter ihnen ist Liene Jurgenale. Die junge Frau ist Mitbetreiberin des Kaņepes Kultūras Centrs, einer Mischung aus Kulturzentrum, Szenekneipe und Künstlertreff. Liene vertritt mit ihrem Engagement für Flüchtlinge auch den Standpunkt des Zentrums: „Wir positionieren uns als Kulturzentrum, das offen für jeden ist. Wir versuchen eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen mit verschiedenen Standpunkten zusammenkommen können.“ Umso naheliegender ist es, dass sich auch der harte Kern der Facebook-Gruppe hier freitags an einen Tisch setzt und kommende Aktivitäten aber auch Meinungsfragen bespricht.

„Ein großer Teil unserer Arbeit ist es, das Problem der negativen Haltung der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen zu lösen“, sagt Egils. Liene ergänzt: „Wir haben zum Beispiel beim heutigen Treffen darüber gesprochen, dass wir versuchen müssen, die Positionen umzudrehen, klar zu machen, dass das hier die Mainstream-Position ist. Nur weil ein paar Medien negativ über die Flüchtlingsfrage berichten, heißt das nicht, dass das richtig ist.“ Mit ihrem Engagement wollen die jungen Leute Fakten schaffen. „Ich bin mehr daran interessiert Dinge zu tun, als nur darüber zu reden“, sagt Liene.

 

Spielen verbindet

Am 25. Oktober hat die Gruppe bereits einige Flüchtlingsfamilien in das Kaņepes Kultūras Centrs eingeladen. Da Egils Grasmanis Brettspielverleger und Besitzer eines Ladens mit Brettspielen ist, war ein Spieleabend das erste größere Event der Gruppe. Teilnehmer und Organisatoren haben außerdem gemeinsam gekocht und für die Kinder wurden kleine Workshops organisiert. „Wir wollten mit den Leuten in Kontakt kommen, herausfinden, was ihre Bedürfnisse sind. Da haben wir verstanden, dass sie vor allem mehr integriert und sozialisiert werden müssen“, sagt Egils.

 

Auch wenn die erste Veranstaltung nicht öffentlich beworben wurde, schlägt die Idee sich zu engagieren in Riga immer größere Kreise. Fast täglich erhält Egils auf Facebook eine Nachricht von einer Person, die sich einbringen will. Außerdem bringen Leute regelmäßig Altkleider oder Gebrauchsgegenstände in seinem Laden vorbei, die er dann in die bisher einzige Flüchtlingsunterkunft in Riga, nach Mucenieki, fährt.

Helfen ist nicht Mainstream

Egils Grasmanis
Egils Grasmanis gründete die Gruppe, weil er helfen wollte (Foto: Pecikiewicz)

Dennoch bilden derartig engagierte Leute in Lettland noch eine Minderheit. „Was unserer Gesellschaft fehlt, ist kritisches Denken, sodass es wirklich einfach ist, Leute zu manipulieren“, sagt Egils, „es ist wirklich leicht, den Leuten Angst zu machen, besonders, wenn sie nicht reisen“. Liene sieht auch in der Zeit der sowjetischen Okkupation Lettlands einen Grund für die ablehnende Haltung der Bevölkerung: „Eine kulturelle Besonderheit der Letten ist, dass wir diese Attitüde des Landes, das immer leidet, mit uns herumschleppen. Wir haben immer das Gefühl, dass jemand versucht, uns weh zu tun“, sagt sie. „Wir lieben es, jemanden zu finden, der Schuld ist“, fügt Egils hinzu.

Insa Cremer studiert in Lettland Mathematik. Nach einem Austauschjahr zu Schulzeiten ist die 25-Jährige zum Studium nach Lettland zurückgekehrt und spricht mittlerweile so gut Lettisch, dass sie Flüchtlingen in Zukunft gerne Lettisch-Kurse anbieten möchte. Außerdem hat sie am 12. September eine Demo zur Bekundung einer Willkommenskultur organisiert. Abgewickelt hat sie die Demo aber außerhalb der Facebook-Gruppe, da diese nicht zu politisch werden möchte.

Insa Cremer
Insa Cremer will Flüchtlingen bald Sprachunterricht geben (Foto: Pecikiewicz)

Die lettische Berichterstattung über Flüchtlinge verfolgt Insa mit Sorge. „Die Rhetorik ist schlimmer als in Deutschland, da man hier Dinge sagen kann, die man in Deutschland so nicht aussprechen kann. In Lettland kann man offen rassistisch sein, in Deutschland muss so etwas versteckt gesagt werden.“, sagt Insa. Von den Helfenden werde Deutschland ihrer Meinung nach vor allem als ein Land gesehen, in dem „alles richtig gemacht wird“. Deutschland komme in den Augen vieler engagierter Letten als „Hort der Menschenliebe“ rüber. Dass auch in Deutschland viele Gegenmeinungen geäußert und viel über Abschiebungen gesprochen wird, komme im Baltikum nicht an, findet Insa.

Tatendrang

Als die Studentin nach den Sommerferien im September wieder nach Lettland zurückkam, war sie positiv von den steigenden Mitgliederzahlen der Gruppe überrascht: „Plötzlich war da eine Gruppe von 100 Leuten, das war sehr schön anzusehen“, sagt sie. Ende November sind schon 2.257 Facebook-Nutzer der Gruppe „Ich möchte Flüchtlingen helfen“, beigetreten. Und auch die Pläne der Kerngruppe nehmen immer konkretere Formen an. Im Januar wollen sie wieder Flüchtlinge ins Kaņepes Kultūras Centrs einladen, da dort Aktionstage zum Thema abstrakte Kunst stattfinden, bei denen vor allem Kinder in zahlreiche Aktivitäten eingebunden werden können. Andere versuchen, eine Art Datenbank zu erstellen, die es Flüchtlingen erleichtern soll, Arbeit und Praktikumsplätze zu finden. Und auch hier leuchtet ein Fünkchen Hoffnung. Einige Firmen haben bereits ihr Interesse bekundet.

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