Das beliebste Verkehrsmittel ist für manche Holländer nur Mittel zum Zweck. Foto: Luck

Das beliebste Verkehrsmittel ist für manche Holländer nur Mittel zum Zweck. Foto: Luck

Ein Land auf zwei Rädern

Wer Amsterdam sagt, sagt Fahrrad. Die Niederlande sind Vorreiter darin, ihre Städte und Regionen fahrradfreundlich zu gestalten. Im Herbst des vergangenen Jahres verabschiedeten EU-Verkehrsminister und Staatssekretäre eine „Erklärung über das Fahrrad als klima- und umweltfreundliches Verkehrsmittel“. Was können andere europäische Städte von den Niederlanden lernen?

Die Stadt der Fahrräder

Ein normaler Morgen im neuen Jahr. Angekommen innerhalb des Kanalrings der Hauptstadt werden die Straßen enger und die Fahrradfahrer zahlreicher. Sie drängen sich mit Autos, Motorrollern und Fußgängern auf den schmalen Straßen. Nicht nur dort, sondern auch daneben sieht man die Überzahl der Drahtesel – an jeder freien Stelle sind sie geparkt. Gehört die Stadt dem Fahrradfahrer?

„Ich denke schon, dass Amsterdam den Radfahrern gehört – zumindest mehr, als den Autofahrern“, sagt Wytske de Pater, die für den ANWB (Algemene Nederlandse Wielrijdersbond) arbeitet, dem niederländischen Radfahrerverbund.

Fahrradfahren gehöre zur niederländischen Kultur wie Tulpen und Windmühlen. Aber es ist nicht nur Klischee oder Stereotype: Die „Dutch Cycling Embassy“ etwa, ein Netzwerk, das sich mit Stadtplanung und Mobilität beschäftigt, sagt, Fahrradfahren mache niederländische Städte gesund, lebenswert und zugänglich. Die niederländische Expertise im Fahrradfahren, sei es stadtplanerisch, im Straßendesign, bezüglich des Parkens von Fahrrädern, Verkehrsordnungen oder E-Bikes; andere Länder können hier eine Menge lernen.

 

Die EU-Fahrradstrategie

In ihrer Erklärung des Fahrrads als „klimafreundliches“ Verkehrsmittel einigten sich die Minister und Staatssekretäre auf konkrete Empfehlungen. So soll das Fahrrad in die Verkehrspolitik und bestehende Initiativen eingebunden werden. Außerdem soll eine Instanz auf der Ebene der Europäischen Kommission die sogenannte „Fahrradstrategie“ umsetzen und etwa auch bewährte Praktiken auf dem Gebiet des Radfahrens unter den Mitgliedstaaten weitergeben.

 

„Gerade in Innenstädten ist das Fahrradfahren eine gute Sache. Denn hier ist Luftverschmutzung ein großes Problem,“ sagt Wytske de Pater. Fahrradfahren sei eine gute Maßnahme, um das zu reduzieren. Zu den Erklärungen des Rates der Verkehrsminister sagt sie: „Das ist sehr richtig, aber wir dürfen uns nichts vormachen. Wir können uns nicht der Illusion hingeben, jeder würde ab morgen gerne und oft Fahrradfahren.“ Was also gebraucht werde: Eine Kombination im Straßennetz, die sowohl Fahrrad-, Auto- und Motorradfahrern Platz lässt. „Amsterdam zum Beispiel ist zurzeit nicht wirklich eine Stadt, die für Fahrräder gebaut ist“, sagt Wytske de Pater. „Im Moment ist die Innenstadt weder für Auto- noch für Fahrradfahrer richtig gut angelegt.“

Andere Städte in den Niederlanden sind da schon weiter. In Utrecht oder Groningen, neueren Städten, in denen mehr Platz für breite Fahrradwege geschaffen werden konnte, kommen dem Fahrradtraum bei weitem näher. „Amsterdams Fahrradwege wurden in den 1970er und 1980er gebaut. Damals boomte der Autoverkehr und es war ein Vorstoß, die Stadt für Fahrräder freundlich zu machen. Heute teilen sich Radfahrer den Weg mit Motorrollern, Elektrobikes und anderen Fahrzeugen.“ An wem schon einmal ein solcher Motorscooter mit mehr als den erlaubten 30 Stundenkilometern vorbeigedüst ist, kennt die Gefährlichkeit dessen. „Wir brauchen verschiedene Wege für verschieden Schnelligkeiten von Fahrzeugen“, sagt de Pater. Ein großer Teil der Stadt müsse daher neu definiert und entwickelt werden.

 

Pragmatischer Stolz auf die Fahrradkultur

Fahrradfahren hat oft ein romantisches Moment. „Aber für uns Niederländer ist es einfach ein Transportmittel. Ganz nüchtern; wir nutzen es, um von A nach B zu gelangen“, erklärt Wytske de Pater. So ist Radfahren in Amsterdams Stadtzentrum eher ein sogenannter Pushfaktor, als ein Pullfaktor: die Menschen radeln, weil sie auf andere Weise nicht durchkommen und so nicht schnell genug an ihr Ziel kommen würden, nicht unbedingt, weil sie es so gerne möchten.

 

Trotzdem sind die Niederländer stolz auf ihre Fahrradkultur. Sind sie die besten im Fahrradfahren? „Ja, das denke ich doch!“, sagt de Pater. „Fahrradfahren an sich ist leicht; das Schwierige ist es, mit dem Verkehr klar zu kommen.“ Wytske de Pater bringt gerade auch ihren kleinen Kindern das Radfahren bei. „Das ist so wie die Schweizer ihren Kindern das Wandern und Klettern beibringen: Man bekommt es in die Wiege gelegt. Aber nicht nur das ist wichtig, sondern vor allem die Infrastruktur, die muss stimmen. In Berlin kriegt mich niemand auf ein Fahrrad.“

 

Als in den Sechziger und Siebziger Jahren immer mehr Autos auf die Straßen rollten, machte der niederländische Staat bewusst den Radfahrern Platz. Aber nicht nur das: Parkplätze kosten sechs Euro die Stunde aufwärts und die KFZ-Steuer ist eine der höchsten in der EU. Wer im Stadtzentrum wohnt, muss im Schnitt fünf bis sechs Jahre auf einen eigenen Parkplatz warten. „Daher fahren viele Leute lieber einfach Fahrrad oder nehmen öffentliche Verkehrsmittel“, sagt de Pater. Und das ist durchaus gewollt; mit bestimmten politischen Entscheidungen können Bürger ein bisschen zum Fahrradfahren überredet werden.

 

Es ist eine Mischung aus Rationalität, Gesundheitsaspekten und Geschichte, die die niederländische Radfahratmosphäre prägt. Das Land ist flach und hat kurze Distanzen – perfekte Bedingungen zum Radeln. „Die EU möchte karbonfreie Städte. Da können sie sich auf jeden Fall viel von den Niederlanden abgucken und vor allem bezüglich der Infrastruktur und Sicherheit viel lernen“, meint de Pater. „Um ehrlich zu sein glaube ich aber nicht, dass die meisten Menschen hier aufs Fahrrad steigen, weil sie an die Umwelt denken“, sagt sie nüchtern. „Eher geht es ihnen um die Gesundheit und Fitness, aber noch öfter stehen einfach praktische Gründe im Vordergrund.“

 

LINKS

Dutch Cycling Embassy: www.dutchcycling.nl

 

Informeller Rat der Verkehrsminister – Minister und Staatssekretäre verabschieden eine „Erklärung über das Fahrrad als klima- und umweltfreundliches Verkehrsmittel“ (Artikel vom 7.10.2015):

http://www.eu2015lu.eu/de/actualites/articles-actualite/2015/10/07-info-transports/index.html

 

ANWB

http://www.anwb.nl/

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