Fotos: Nadja Friedl

Fotos: Nadja Friedl

Einen Tag zu früh – oder keinen zu spät?

Edinburgh feiert den Europatag einen Tag zu früh. Es ist der achte Mai, es ist kalt und sonnig in Schottlands Hauptstadt, und das Ergebnis der britischen Parlamentswahl ist erst wenige Stunden alt. Die Konservativen haben die absolute Mehrheit in Westminster errungen – und das daran geknüpfte Versprechen eines EU-Referendums wird so plötzlich Realität. So tauchen inmitten des Straßenfestes zum Europatag immer wieder Diskussionen um die Zukunft Großbritanniens in der EU auf.

Wir wollen die Vielfalt der EU zeigen und Organisationen die Möglichkeit bieten, an diesem Tag zusammenzukommen

Die Castle Street in Edinburgh verwandelt sich an diesem Freitag in ein Flaggenmeer – dreizehn EU-Länder sind vertreten, werben an Ständen mit Prospekten und regionalen Besonderheiten. Links werden lettische Trachten erklärt, direkt daneben probieren Besucher dänische Kekse. Zum dritten Mal organisiert die schottische Vertretung der Europäischen Kommission ein Straßenfest zum Europatag. „Wir wollen die Vielfalt der EU zeigen und Organisationen die Möglichkeit bieten, an diesem Tag zusammenzukommen“, sagt Caroline Winchester, die für die Europäische Kommission arbeitet.

Andrew Wilson rückt die letzten Prospekte zurecht, dazwischen drapiert er Kaubonbons. Der 65-Jährige steht hinter dem Stand des „European Movement in Scotland“, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Europäische Union stark macht. Wie genau sie dieses Ziel erreichen will, das wird er heute am meisten gefragt. Dann fängt Andrew Wilson an, die Bereiche aufzuzählen, in denen Schottland von der EU profitiert: Wohlstand, Globalisierung, Sicherheit, Klimawandel… „Wir wollen aufklären, vor allem Missverständnisse aus dem Weg räumen.“ Er deutet auf Broschüren und Flugblätter, die viele Vorurteile ansprechen – „Ist Europa ein Überstaat?“, fragt die eine, „Schottlands Zukunft in der EU“, beschreibt die andere.

Skifahren und Wirtschaftskontakte

Ganz konkret wird es dann plötzlich auf der Bühne. „Prince’s Trust“ heißt die Tanzgruppe der zwölf- bis 16-Jährigen Mädchen. Ihre Trainerin hat die Gruppe vor einem Jahr gegründet – und diesen Schritt durch Mittel aus dem EU-Sozialfonds gewagt. Abgelöst werden die schottischen Mädchen dann von Sängern aus Lettland, der Akkordeonspieler lädt die Besucher zu einer „Reise“ an den Lettland-Stand ein. Gleich daneben, am Österreichstand, kommt Paul Unglaub mit Gästen ins Gespräch. „Die meisten schwärmen vom Skifahren“, erzählt der Student, der für das österreichische Konsulat arbeitet, „aber wir hatten auch schon Fragen zu Wirtschaftskontakten.“

„Ich hätte eigentlich insgesamt mit komplizierteren Fragen gerechnet, aber nach TTIP hat mich heute noch keiner gefragt“, sagt Caroline Winchester, von der Europäischen Kommission. Dafür immer wieder Bürger, die das Wahlergebnis und das daran geknüpfte Versprechen eines EU-Referendums ansprechen: Wie geht es weiter? Wie viel Macht wird Cameron in den Verhandlungen haben? So kurz nach der Wahl gibt es mehr Fragen als Antworten. „Viele sind besorgt, aber vorhin war auch ein Euroskeptiker da“, sagt Caroline Winchester. Andrew Wilson vom European Movement sieht das Wahlergebnis als Herausforderung. „Das Wahlergebnis wird einen riesigen Einfluss auf unsere Beziehung zur EU haben – und wir werden alles tun, damit das Referendum nach unserem Sinn verläuft und wir in der EU bleiben.“

Tag 1 nach der Wahl

Und so kann der Europatag an Tag eins nach der britischen Wahl auch als Startschuss für den nächsten Wahlkampf gesehen werden. Erwartungsvoll schaut Andrew Wilson eine blonde Frau an. „Was führt Sie zum Europatag?“ „Oh“, sagt die Frau und lächelt, „eigentlich hab ich nur grad Mittagspause und wollte an die frische Luft.“ Dann hält sie einen Moment inne. „Aber wissen Sie, ich bin Polin. Mein Mann ist Schotte, wir haben uns in Australien kennengelernt. Zuerst bin ich mit einem kurzfristigen Arbeitsvisum eingereist, dann haben wir geheiratet. Mit meinem polnischen Pass würden sie mich sonst rausschmeißen.“ Sie blickt die Mitarbeiter des European Movement direkt an. „Und deshalb kann ich aus vollem Herzen sagen: Ich verdanke der EU sehr viel.“ Vielleicht sind es, abseits von Prospekten und Kostproben, Begegnungen wie diese, die diesen verfrühten Europatag auszeichnen.

Eigentlich war es der Wochenmarkt, der dafür sorgte, dass der Europatag in Edinburgh einen Tag nach vorn verlegt wurde. „Wir haben das Programm noch einmal geändert, als feststand, dass wir am 8.Mai Europatag feiern“, sagt Caroline Winchester von der Europäischen Kommission. Und so endet das Straßenfest nach Klängen aus Schottland, Polen und Lettland in aller Stille. Ein zweiminütiges Gedenken erinnert an das Kriegsende vor siebzig Jahren. „Das ruft uns allen ins Gedächtnis, was Europa bedeutet“, sagt Caroline Winchester. „Frieden.“

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