BeitragsbildNeu2

Einer für Alle und die Einheit gegen den Rest

Alle Menschen sind gleich, vereint durch das Merkmal „Menschsein“. Das ist Universalismus, eine der beiden Ideologien, die Immanuel Wallerstein den Klebstoff des globalen Wirtschaftssystems nennt. Aber der Begriff Universalismus und die Einheit der Menschen ist nur eine Seite der Medaille. Demgegenüber steht der Rassismus, die perverse Idee vom biologischen Unterschied zwischen Menschen, der die „natürliche“ Hackordnung im ökonomischen System rechtfertigt. Diese Kehrseite bekam die Europäische Union bei der letzten Parlamentswahl zu spüren: Rechtspopulistische Parteien gewannen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien sowie in Skandinavien deutlich dazu. Ethnische Unterschiede werden laut einer EU-Studie als der häufigste Grund für Diskriminierung in Europa wahrgenommen. Aber wie spiegelt sich das Phänomen aktuell in der Gesellschaft wider?

„Was Marine Le Pen sagt, ist wahr. Ich wähle sie trotzdem nicht!“

„Die Menschen sind verzweifelt. Sie wollen, dass sich etwas ändert und haben das Gefühl, nur Marine Le Pen kann ihnen noch helfen“, sagt Matthieu Hoornaert (22) aus Frankreich. Der rechtspopulistische Front National hat dort die Europawahl mit knapp 25 Prozent gewonnen. „Das war ein Schock!“. Matthieu glaubt aber, dass der Großteil der Wähler nicht aus rassistischen Motiven rechts gewählt hat. „Die meisten wollen einfach einen Wechsel. Sie sind enttäuscht von den Konservativen und der sozialdemokratischen Regierung.“ Das „Immigranten-Problem“ sei schließlich nicht neu. „Was Marine Le Pen sagt, ist größtenteils wahr. Aber ich wähle sie trotzdem nicht!“. Der Front National positioniert sich gegen die Einwanderung von Moslems und will den Euro abschaffen. Rassismus in Frankreich richte sich größtenteils gegen islamische Migranten: „Die Franzosen haben nichts gegen den polnischen Klempner“, sagt Matthieu und lacht – ein Sprichwort. Über die Hälfte der Franzosen denkt, dass Religion als Grund für Diskriminierung im Alltag weit verbreitet ist. Damit liegt Frankreich EU-weit an der Spitze.

Rassismus oder Angst vor Arbeitslosigkeit?

Jeder fünfte Europäer hat Immigration auf seiner Sorgenliste. Im Vergleich zu 2013 sind das deutlich mehr. Vor einem Jahr hatten sich nur gut 15 Prozent der Europäer mit dem Thema Immigration beschäftigt. Tatsächlich scheint der Europäer allgemein sich aber eher um die wirtschaftliche Perspektive der EU zu sorgen. Im Eurobarometer geben knapp 40 Prozent der Befragten an, dass die Wirtschaft aktuell das wichtigste Thema für sie sei sei, auf Platz zwei liegt Arbeitslosigkeit. Ist der Anstieg der rechten Parteien also nicht durch Rassismus, sondern nur durch Angst vor ökonomischem Wettbewerb durch Immigranten zu erklären?

Kaputtsparen oder gesund schrumpfen

Für Maurice Martin (58) aus den USA ist klar: Das hängt zusammen. Maurice hat zwar keine familiäre Bindung nach Europa, trotzdem beschäftigt ihn die Lage auf dem fernen Kontinent. „Schließlich leben wir ja in einer globalen Wirtschaft“, sagt er. Bisher hat er an Europa vor allem das Sozialsystem bewundert, jetzt hat er Angst, dass die EU werde wie die USA. Die Austeritätspolitik träfe immer die Armen und Schwachen – die Immigranten. Das wiederum treibe diese in die Kriminalität und noch weiter an den Rand der Gesellschaft. „It is a vicious cycle“, sagt er – ein Teufelskreis. Auch bekannt unter dem Phänomen des „Kaputtsparens“. Eine Debatte, die politische Parteien in der EU seit der Finanzkrise beharrlich führen. Die andere Seite sagt, es sei hohes Einsparpotenzial da, ohne dass die Qualität im Bildungs- oder Gesundheitssektor abfällt.

Fakt ist trotzdem: Wesentlich mehr Europäer als noch vor zehn Jahren, fürchten, unter die Armutsgrenze zu fallen oder von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Auf der anderen Seite ist der Anteil der Europäer, die sich auch als solche bezeichnen, ebenfalls gestiegen – satte 65 Prozent. Wie man das Gemeinschaftsgefühl noch weiter stärken könnte? Laut dem Eurobarometer nennen die meisten Europäer die Kultur als wichtigsten Faktor.

Sprache ist das größte Hindernis

Das denken auch die drei niederländischen Studenten Anne de Hond (21), Jaap van Krujten (24) und Nick von der Weijden (22). „Je mehr sich die Kultur unterscheidet desto schwieriger ist die Integration“, sagt Jaap. Anne stimmt zu. Sie meint, die meisten Migranten kämen aus den falschen Gründen. „Sie wollen nicht wirklich da bleiben, tun es dann aber trotzdem und bleiben zwischen den Kulturen stecken.“ Nick sieht den Grund dafür vor allem darin, dass es eine große islamische Gemeinde in den Niederlanden gibt. Der Islam ist die drittgrößte Religion, Moslems machen 5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die meisten sind Migranten aus Marokko oder der Türkei. „Deshalb ist es gar nicht notwendig, sich zu integrieren und vor allem die Sprache zu lernen“, sagt Nick. Denn da sind sich alle drei einig, die Sprache sei das größte Hindernis bei der Integration von Migranten.

Einheit und/oder Diversität

Die europäische Einheit wird also stärker. Gemeinsame Geschichte und Kultur gedeiht und verbindet. Auf der anderen Seite steigt der Zuspruch für die rechten Parteien. Ethnische und religiöse Minderheiten haben in Europa einen schweren Stand. Wächst die Einheit auf Kosten der Diversität? Maurice Martin, der Mann mit dem Hawaiihemd und dem Stecker im linken Ohr, sagt es drastisch: „Wir haben nur die eine Welt. We either live here together or we fuckin‘ die all together. Aber wir sind nun mal alle da.“

Die Debatte Keine Kommentare