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Einer geht noch

Biladi, Biladi – mein Land, mein Land“. Während manche Palästinenser ihre inoffizielle Hymne voller Heimatliebe singen, sind die Verse für andere voller Schwermut. Weil sie ihr Land, das von vielen Staaten nicht als solcher anerkannt wird, verlassen haben. Letzten offiziellen Zahlen zufolge haben allein 2011 mehr als eine Million Menschen die palästinensischen Gebiete verlassen. Mehr als 54 Prozent dieser Auswanderer sind jünger als 30. Aber es gibt auch die, die sehnsüchtig zurückkehren – und dafür viel in Kauf nehmen.

 

Rania Al Djejab, Architektin am Riwaq Center für Heimatkultur.
Rania Al Djejab, Architektin am Riwaq Center für Heimatkultur.

Rania Al Djejab verzichtet freiwillig. Auf so vieles, was sie in Europa hätte haben können. Ihre Eltern sind Palästinenser. Kurz nach ihrer Geburt gingen sie mit ihr und ihrem Bruder in die Niederlande. Um mehr zu haben als das, was die palästinensischen Gebiete ihnen bieten konnten. 22 Jahre verbrachte Rania in den Niederlanden, in Leek bei Groningen. Sie sozialisierte sich dort – ging zur Schule, studierte Architektur, machte Praktika in niederländischen Unternehmen. Sie wuchs wohlbehütet auf, gleichzeitig ließen ihre Eltern ihr viele Freiheiten in dem lebendigen europäischen Land.

Auch den im Islam strikt verbotenen Alkoholgenuss erlaubten sie ihr. Wie ihre Eltern ist sie sehr westlich orientiert. Im Studium lernte sie viele Austauschstudentinnen aus Palästina kennen. Rania ging sie besuchen. Dann, ein halbes Jahr später, reiste sie wieder hin – für ein Praktikum in Ramallah. Sie kehrte zwar noch einmal zu ihrer Familie in die Niederlande zurück. Aber nur, um ihr Studium zu beenden. Denn die Heimatliebe hatte sie gepackt. „Ich bin Palästinenserin. Ich denke, jeder, der irgendwo anders lebt, muss irgendwann zurück“, sagt Rania in Arabisch. Wenn sie ihre Gefühle ausdrücken möchte, spricht sie das am liebsten – arabisch sei ihre wahre Muttersprache, wie sie sagt. Rania ging also fort aus Europa, im Alter von 22. Nach Ramallah, Palästina. Diesmal, um zu bleiben.

„Ich möchte nie wieder das Gefühl verlieren, mich zuhause zu fühlen.“ Rania Al Djejab, 24 Jahre.

Leute wie Rania sind die deutliche Minderheit. Auf einen palästinensischen Rückkehrer kommen fast drei Auswanderer. Einer, der gehen will, ist Mahmoud Saeed. Er ist 24 und hat einen Bachelor-Abschluss in „Sales&Marketing“ von der Birzeit-Universität bei Ramallah. Fast jeder zweite Auswanderer hat mindestens einen Hochschulabschluss (PCBS). Es sind auch hier oft die gut Ausgebildeten, die das Land verlassen. Mahmoud bekam nach seinem Abschluss sogar – im Gegensatz zu den meisten Absolventen – direkt einen gut bezahlten Manager-Job. Ein Jahr lang war er Sales-Manager eines Spielzeugherstellers. Dann begannen die Probleme: er bekam drei verschiedene Vorgesetzte, die unterschiedliche Anforderungen an ihn hatten.

Mahmoud Saeed vor seinem Lieblingscafe Baladna. Dort  verbringt er täglich mehrere Stunden.
Mahmoud Saeed vor seinem Lieblingscafe Baladna. Dort verbringt er täglich mehrere Stunden.

Die unterschiedlichen Ansprüche brachten ihn immer öfter durcheinander und er machte Fehler, die ihm streng angekreidet wurden. Er wurde deprimiert, blieb ein Jahr zuhause und half nur noch ab und an seinem Vater bei Arbeiten am Haus. Dann beschloss er auszuwandern, für immer. „Hier kann ich meine Zukunft nicht beginnen“, sagt Mahmoud, in fließendem Englisch. Überhaupt ist er gut qualifiziert und würde sicher im Westjordanland einen anderen Job finden. Aber er glaubt nicht mehr daran, dass er hier glücklich werden kann. „Ich kann nicht einmal gehen, wohin ich will; ich kann nicht sagen, was ich will; ich kann hier nichts mehr tun“, so Mahmoud. Deshalb wird er seine Familie zurücklassen. Seit er es seiner Mutter gesagt hat, weint sie jeden Tag. Er ist ihr einziger Sohn.

„Ich bin mir ziemlich sicher: Wenn sich zwei Palästinenser das erste Mal in ihrem Leben sehen, werden sie in den ersten 15 Minuten darüber reden, Palästina zu verlassen.” Mahmoud Saeed, 24 Jahre.

Allein in Gaza wollen offiziellen Zahlen zufolge knapp die Hälfte aller Einwohner ihr Gebiet verlassen, im Westjordanland sind es immerhin auch noch knapp 25 Prozent. Die Gründe sind vielfältig – und nicht nur politisch. Noch bis Juni 2014 wurde die große Arbeitslosigkeit als immenseres Problem angesehen als die israelische Militärbesatzung (PCPSR Poll 52#). Die Journalistin Orouba Othman arbeitet und lebt in Gaza City. Ihrer Einschätzung nach spiegelt die Zahl die Realität insgesamt wider – vor allem bei den jüngeren Bewohnern des Gazastreifens dürfte der Drang auszuwandern aber noch deutlich höher sein: „Die Lage hier ist ernst und vor allem tragisch. Aber trotz der schwierigen Lebensumstände ziehen es sehr viele Bewohner des Gazastreifens vor, hierzubleiben. „Sie sind zu stolz auf ihren Widerstand gegen das israelische Militär“, glaubt die Journalistin. Hinzu kommt, dass Gaza von der Hamas regiert und kontrolliert wird – die Anhängerschaft vor allem bei jungen Leuten ist groß und für viele ein Grund zu bleiben.

Mahmoud wurde in Jordanien geboren, dann gingen seine Eltern mit  ihm in ihre Heimat, die palästinensischen Gebiete. Er war erst in zwei Ländern und vier Städten. „Ich möchte etwas von der Welt sehen und erfahren, mich bilden und andere Kulturen kennenlernen. Das kann es noch nicht gewesen sein, ich bin erst 24 Jahre alt.“. Im Gegensatz zu vielen seiner gleichaltrigen Freunde ist er nicht verlobt. Die meisten von ihnen werden dieses Jahr heiraten, obwohl sie es sich nicht leisten können. Sie sind arbeitslos und ohne Perspektive. Für einen Kaffee und eine Shisha reicht es trotzdem immer, irgendwie. Die Hochzeiten werden die Familien finanzieren müssen. Für Mahmoud ist das keine Option. Wer auswandert, erhofft sich vor allem eine Verbesserung des bisherigen allgemeinen Lebensstandards (PCBS). Die Flucht aus der Arbeitslosigkeit, der Wunsch nach Bildung, einem geregelten Einkommen und auch der Wunsch nach Sicherheit sind weitere Gründe. Leicht ist das Auswandern nicht – offiziell kann Mahmoud niemals ein offiziell unbegrenztes Visa ins Ausland erhalten. Er muss sogar ein Rückkehrdatum angeben. Mahmoud möchte die Frage ob er jemals zurückkehrt lieber unbeantwortet lassen.

 

Insgesamt gibt es kaum detailierte Daten über Migration aus und nach Palästina. Zu undurchsichtig ist die Lage vor Ort durch das Fehlen einer eigenen Staatssouveranität. Ausreise-Visa sind werden eigentlich nur von der israelischen Behörde ausgestellt. Grundsätzlich ist es Palestinänsern nicht erlaubt vom Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv auszureisen. Halter eines palästinensischen Identitätsausweises müssen durch speziell eingerichtete Grenzposten in die Ferne reisen. Die Allenby-Brücke in Jericho ist der einzige Kreuzpunkt für Palästinenser der West Bank nach Jordanien und darüber hinaus zu reisen. Allein das Reisen von Palästinensern aus Gaza in die West Bank ist problematisch und klappt nicht immer. Offiziell verlassen das Land 7000 jährlich, das Flüchtlingswerk UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees) geht von einer deutlich höheren Ziffer aus.

Rania weiß, wie viel sie aufgegeben hat. In den Niederlanden wäre sie deutlich besser bezahlt worden für ihre Arbeit. Aber das ist ihr egal: „Das letzte, woran ich denke, ist Geld“, sagt sie. Jetzt arbeitet sie als Architektin für Riwaq, um historische Gebäude zu restaurieren. Sie verdient monatlich umgerechnet 1150 Euro. Auch einen Großteil ihres sozialen Lebens hat Rania zurückgelassen. Viel mehr Freunde hatte sie in den Niederlanden. Für die meisten der hier aufgewachsenen und lebenden Palästinenser ist sie eine Holländerin, eine Einwanderin. Ihr ist das egal. „Es gibt nichts, was mich noch mit den Niederlanden verbindet – außer meiner Familie“, so die 24-Jährige. Zu ihren Eltern hat sie guten Kontakt, sie besuchen sie einmal im Jahr. Ihre Freunde aus Leek vermisst sie nicht.

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Mahmoud hat Angst, seinen Vater zurückzulassen.

Was Mahmoud am meisten ängstigt, ist der Gedanke, Familie und Freunde in den nächsten Monaten zu verlassen: „Ich denke mir jeden Tag: Vielleicht ist das schon der letzte Kaffee, den du mit deinem Vater trinkst; vielleicht ist es das letzte Spiel, das du heute mit deinen Freunden schaust.“ Er wartet nur auf das Visum der deutschen Botschaft, dann bricht er auf. Bis April oder Mai sollte das durch sein. Bis dahin führt er Gespräche via Skype mit Professoren deutscher Unis, um einen der raren geförderten Masterplätze für ausländische Studenten zu ergattern. Einmal hat er schon eine größere Menge Geld an eine Uni bezahlt, die ihm eine Immatrikulationsbescheinigung ausstellte. Schnell hat sich rausgestellt, dass es eine Schein-Firma war. Wie viel Im Frühling will er vor Ort sein noch sehr brüchiges Deutsch verbessern. Einen ersten Kurs hat er schon gemacht. Dann soll noch dieses Wintersemester das Masterstudium beginnen, im Anschluss daran will er in Deutschland arbeiten. Für Mahmoud kam immer nur Deutschland in Frage, er hat gehört, dass das Leben dort viel billiger ist. Er liebt Berlin aus Erzählungen. Dort gewesen ist er noch nie.

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