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Einheit gegen Islamischen Staat?

(San José/CA) – Seit Monaten erschüttern die Verbrechen des Islamischen Staats (IS) die Welt. Immer wieder gehen neue Details über Enthauptungen über die Nachrichtenticker. In seiner Rede an die Nation am 11. September hat Präsident Obama den Amerikanern mit Nachdruck versprochen, „die Terroristen zu bekämpfen“, wo auch immer sie sich verstecken würden. Gemeinsam mit den Freunden und Alliierten der Vereinigten Staaten von Amerika müsse die terroristische Gruppe IS zunächst geschwächt und schließlich zerstört werden.

Die westlich geprägten Länder versuchen gemeinsam gegen IS vorzugehen. Wie stark aber ist diese Einheit vor allem zwischen Europa und den USA? Und gibt es sie trotz der unterschiedlichen Ansichten über Militäreinsätze überhaupt noch?

„Ich glaube, beide Seiten, Europa und die USA, verstehen die Schwere und die Dringlichkeit, gegen IS zu kämpfen“, erklärt Prof. Bob Rucker, Direktor der School of Journalism and Mass Communications an der San José State University in San José/Kalifornien. Rucker ist ehemaliger CNN-Reporter für die Region San Francisco und beschäftigt sich vor allem mit der Medienberichterstattung über nationale und internationale Politik.

Darüber, wie die Amerikaner ihr Verhältnis zu anderen westlichen Ländern sehen und was sie sich unter einer Einheit gegen ISISorstellen, sprach Christina Hecking mit dem studierten Politikwissenschaftler und heutigem Journalismus-Professor.

Prof. Rucker, glauben Sie, Europa und die USA arbeiten immer noch als Einheit bei dem Kampf gegen ISISusammen?

„Ja. Sowohl Europa, als auch die USA sehen die Bedrohung durch IS und die Notwendigkeit zu handeln. Die Menschen der verschiedenen Nationen sind besorgt, dass der Kampf gegen IS ein langfristiger Kampf wird. Viele, vor allem Amerikaner, fragen sich, ob es eine Art „Neverending-Story“ wird und haben Angst davor. Daher versuchen Politiker und Regierungen sehr behutsam mit IS umzugehen, weil sie nicht abschätzen können, wie lang und wie stark der Kampf wird.

Was halten Sie von der Rede des Präsidenten Obama an die Nation?

Die Rede von Präsident Obama war eine Warnung. Eine Nachricht an das Volk. Denn viele Amerikaner denken, man geht in den Kampf, wirft ein paar Bomben ab und ist fertig. Aber das ist ja nicht der Weg, der funktioniert.

Was empfinden die Amerikaner als Einheit der westlichen Länder?

Aus meiner Sicht hat es eine Einheit zu sein. Es macht nämlich nur Sinn, als Einheit zu kämpfen. Wenn die Länder alleine kämpfen würden, wäre es einfacher für den Islamischen Staat in andere Länder einzudringen und sie von seiner Ideologie zu überzeugen. Ich glaube es gibt schon einige Länder, wie beispielsweise das Vereinte Königreich, mit denen die USA enger zusammenarbeitet, als mit Deutschland. Zusammenarbeit heißt aber auch nicht, dass jeder auf der gleichen Seite ist. Im Zusammenhang mit IS glaube ich aber, dass die globalisierte Welt realisiert hat, dass IS eine Bedrohung gegen die menschliche Natur ist. Und – je mehr wir zusammen tun, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg. Außerdem, die Amerikaner sind inzwischen so kriegsmüde und wollen IS nicht als endlose Bedrohung sehen. Einheit mit anderen Nationen ist ein Konzept, um dagegen vorzugehen. Aber Verbundenheit, die heute da ist, kann morgen schon nicht mehr existieren.

Was ist IS aus Sicht der Amerikaner?

Für uns Amerikaner ist der Islamische Staat eine Terrororganisation und daher eine globale Bedrohung. Die Enthauptungen sind vollkommen gegen das Recht von Menschen. Das brutale Konzept der Enthauptung wurde vor Jahrhunderten verboten. Die Grausamkeit dieser Taten verletzt uns sehr, sodass wir Amerikaner eingesehen haben, dass wir etwas tun müssen. Wir fühlen uns, als würde die Welt von uns erwarten, dass wir als „Supermacht“ eingreifen. Aber wir wollen nicht die Polizei der Welt spielen. Im Kampf gegen IS möchten wir, dass unsere europäischen Partner sich uns anschließen.

Was bedeuten die UN und die NATO im Kampf gegen IS?

Meiner Meinung nach funktioniert die NATO deutlich besser als die UN. Die NATO ist ein militärisches Bündnis, welches gemeinschaftliche Kraft hat und immer noch sehr effektiv ist. Die Mitglieder dieses Bündnisses arbeiten zusammen, teilen Ressourcen, ob militärisch oder nicht und sie haben ein gemeinsames Ziel. Die UN, so sehe ich das, haben sich im Laufe meines Lebens von mächtig und repräsentativ hin zu nur noch repräsentativ entwickelt. Was ich damit meine ist, es ist sicherlich immer noch angesehen und prestigeträchtig, die politischen Vertreter der einzelnen Nationen zu hören. Aber deren Einfluss und die Macht etwas wirklich zu verändern ist nahezu weg. Die UN ist aus meiner Sicht mehr ein Ort, wo Politiker miteinander sprechen. Wenn es aber darum geht, politische Angelegenheiten zu lösen, funktioniert es nicht, denn nichts politisch Substantielles kommt aus den UN-Debatten heraus.

Die USA und Europa haben in der Vergangenheit oft politisch und wirtschaftlich zusammengearbeitet – glauben Sie, Prof. Rucker, dass diese „Special Relationship“ immer noch besteht?

Ja, definitiv. Auch wenn die Meinungen in manchen Dingen, wie zum Beispiel Militäreinsätzen, auseinandergehen, kann man mit den Alliierten befreundet sein. Beim Irak-Krieg beispielsweise hat nicht jede unserer befreundeten Nation das unterstützt, was wir getan haben.

Beitragsbild: Bob Rucker

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