Moon Hi Lee Foto: Sujin Kang

Moon Hi Lee Foto: Sujin Kang

Einsatz mit Handycap

Grelles Neonlicht, graues Linoleum mit Teppichmuster, zwölf Schreibtische mit Desktopcomputern. Hier im Großraumbüro nahe der Nationalversammlung von Seoul ist Moon Hi Lee der Schnellste von allen. Besuch begrüßen, Dokumente durcharbeiten, die Termine der Kollegen koordinieren – ein zärtlicher Druck auf den Joystick und der 59-Jährige mit der Hornbrille und den kurzen schwarzen Haaren ist mit seinem elektrischen Rollstuhls voll in Fahrt für die Rechte der Behinderten in Südkorea.

„Im Alter von zwei Jahren bin ich an Kinderlähmung erkrankt. Seitdem sind meine Beine von der Hüfte abwärts gelähmt. Das ist nicht immer leicht“, sagt Lee. „Menschen mit Behinderung haben es sehr schwer hier in Südkorea.“

Dem „Weltbericht Behinderung“ der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge sind 2,6 Millionen der rund 50 Millionen Südkoreaner gehandicapt. Das sind 5,8 Prozent der Gesamtbevölkerung einer nach Perfektion strebenden Gesellschaft, die jährlich einen Umsatz von umgerechnet 4,5 Milliarden Euro mit Schönheitsoperationen erwirtschaftet und mit 4,2 Milliarden Euro so wenig Sozialleistungen für Menschen mit Behinderung bereitstellt wie kein anderes Mitgliedsland der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Moon Hi Lee hat gelernt, aus seiner Behinderung Kraft zu ziehen. Foto: Moon Hi Lee Foto: Sujin Kang
Moon Hi Lee hat gelernt, aus seiner Behinderung Kraft zu ziehen. Foto: Moon Hi Lee Foto: Sujin Kang

Kindheit ohne Krücken

„Als Kind gab es für mich keine Krücken und keinen Kindergartenplatz. In der Grundschule durfte ich nicht am Sportunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen. In dieser Zeit habe ich sehr mit mir und meiner Behinderung gehadert“, sagt Lee. „Da habe ich beschlossen, kreativ mit meinem Schicksal umzugehen und mich für die Rechte von uns Behinderten einzusetzen.“

Nach der Schule studiert Lee von 1983 bis 1987 evangelische Theologie. Danach gestaltet er als Diakon die Behindertenarbeit in kleinen Gemeinden mit. Von 1989 bis 2002 schließt er ein zweites Studium der Sonderpädagogik an der Technischen Universität in Dortmund an. Mit dem Nebenfach Kunsttherapie bleibt er seinem kreativen Umgang mit dem Handicap treu.

„Ich habe gern in Deutschland gelebt und studiert, weil Deutschland so vorbildlich mit den Behinderten umgeht“, sagt Lee mit strahlenden Augen und einem breiten Lächeln im Gesicht. „Nur fertig studieren ließen sie mich nicht.“

Die Doktorarbeit hatte er schon bei der deutschen Universität eingereicht, als er sich bei einem Sturz von der Treppe die Hüfte bricht. Ausgerechnet zu einer Zeit, zu der mal wieder die Verlängerung seines Visums ansteht.

Glück im Unglück

„Das Visum konnte nicht verlängert werden“, sagt Lee. „Also musste ich nach Korea zurückkehren und sofort anfangen zu arbeiten. Ich musste ja meine Frau und meine beiden Kinder ernähren. Trotzdem hatte ich wieder sehr großes Glück.“

Arbeit findet er als Referent bei Xoon Suk Young, einem Abgeordneten der konservativen Saenuri-Partei in der koreanischen Nationalversammlung. Weil gerade einige Gesetzesnovellen bei den Behindertenrechten anstehen, kann Lee seine ganze Kraft wieder den Rechten der Behinderten widmen und sie diesmal sogar verbessern.

„Wir haben behinderten Kindern erstmals das gesetzliche Recht auf einen Kindergartenplatz zugesprochen und die Krankenkassenleistungen erweitert“, sagt Lee. „Dafür habe ich gerne jeden Monat mehr als 400 Stunden gearbeitet. Solange, bis meine Gesundheit das Arbeitspensum nicht mehr mitgemacht hat.“

Zuerst muss er an der Niere operiert werden. Dann spürt er eine deutliche Schwächung der Schultermuskulatur. Im Jahr 2012 entscheidet er sich kürzer zu treten. Seitdem ist er stellvertretender Generalsekretär im Dachverband der koreanischen Behindertenorganisationen (KODAF). In dieser Funktion ist ihm eines besonders wichtig.

„Gerade haben wir die koreanische Regierung aufgefordert, weiter an der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen zu arbeiten. Da gibt es schon lange einen Stillstand. Wir brauchen endlich Chancengleichheit für die Menschen mit einer Behinderung in Korea – genauso wie es sie in Deutschland gibt“, sagt Lee.

Dann lächelt er und verabschiedet sich. Zärtlich drückt er auf den Joystick seines elektrischen Rollstuhls und rauscht davon. Zu seinem Schreibtisch in dem Großraumbüro mit den Neonleuchten und dem Linoleum. Er ist wieder voll in Fahrt für die Rechte der Behinderten in Korea.

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