© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015–2016. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague.

© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015–2016. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague.

Empfang abgelehnt – niet hebben

In Den Haag widmet sich ein internationales Forscherteam nicht zugestellten Briefen aus dem 17. Jahrhundert. Diese erlauben sehr private Einblicke in das Zeitgeschehen.

Es gehe ihm gut, schreibt ein Pfarrer aus Montpellier seiner Frau in Den Haag. Mit Gottes Hilfe betreue er die Menschen seiner Gemeinde und halte ihnen Gottesdienste – seinen Aufenthaltsort könne er aber nicht nennen. Wir sind mitten im 17. Jahrhundert und der Pfarrer hat gute Gründe für seine Geheimnistuerei: Die französische Obrigkeit hat schon viele seiner Kollegen hingerichtet – denn die Bevölkerung muss zum Katholizismus konvertieren, der protestantische Glaube ist verboten.
Der Pfarrer erfährt wohl nie, dass seine Nachricht nicht ankommt, denn eine Antwort erwartet er schließlich nicht. 300 Jahre später wird sein Brief aber doch noch gelesen – von einem internationalen Historikerteam, dem auch David van der Linden angehört.

 

Ein ungeöffneter Schatz

Der Brief des Pfarrers stammt wie zahlreiche weitere ungeöffnete Botschaften aus dem Nachlass von Simon und Marie de Brienne, die damals das Postmeisteramt in Den Haag innehatten. Zwischen 1680 und 1706 sammelten sie alle Briefe, die sie nicht zustellen konnten. Normalerweise vernichteten Postmeister die sogenannten „toten Briefe“, nicht zustellbare Nachrichten. Das konnte etwa passieren, weil der Empfänger umgezogen war oder auch kein Interesse an der Post hatte. Die Briennes aber behielten sie – in der Hoffnung, den Empfänger doch noch zu finden und so die Kosten in Rechnung zu stellen.

 

Denn im siebzehnten Jahrhundert wurden die Portokosten bei internationalen Briefen zwischen Absender und Empfänger geteilt. Briefmarken gab es noch nicht. Der Absender zahlte eine Gebühr an den örtlichen Postmeister, der den Brief bis an die Grenze brachte. Ab dort waren dann etwa die Briennes dafür verantwortlich, Fährmänner und Boten zu engagieren, die die Briefe von der französisch-niederländischen Grenze nach Den Haag holten. „Die Kosten dafür musste der Empfänger dann erstatten und noch etwas für die Briennes drauf zahlen“, erklärt van der Linden dreihundert Jahre später. Manchmal aber konnte der Empfänger nicht gefunden werden. Dann landete der Brief wie andere in der schwarzen, mit weißem Leinen ausgeschlagenen Truhe, die 1926 in den Besitz des Postmuseums übergeht und deren Inhalt jetzt von van der Linden und seinem Team akribisch analysiert wird.

 

Geschichten der Flucht – damals und heute

Es war eine unruhige Zeit, als die Briefe geschrieben wurden. Europa war gebeutelt von Kriegen. David van der Linden findet heute vor allem die Geschichten der Flucht interessant. „Zu dieser Zeit mussten viele Menschen zum Katholizismus konvertieren“, sagt er. „Ungefähr 80 Prozent der Menschen taten dies auch.“ Einige aber flohen, etwa nach Den Haag – wo auch die Ehefrau unseres Pfarrers lebte.

„Die Ähnlichkeiten zum Hier und Jetzt sind das, was mich am meisten fasziniert“, sagt van der Linden. „Im Moment sind es Menschen aus Syrien, die fliehen. Auch diese wollen Kontakt zu ihren Familien halten – und machen das heute eben über das Smartphone. Die Motive sind aber dieselben wie damals im 17. Jahrhundert – Menschen wollen in Verbindung miteinander bleiben, auch wenn sie sich über Monate oder Jahre hinweg nicht sehen können.“

Die Briefe erlauben einen ganz besonderen und sehr persönlichen Einblick in das 17. Jahrhundert. „In den meisten Archiven finden wir Daten und Fakten. Diese Briefe aber zeigen uns, wie die Menschen damals auf bestimmte Ereignisse und emotionale Schwierigkeiten ganz individuell reagiert haben. Es ist ein sehr persönlicher Einblick in die alltägliche Seite der frühmodernen Welt“, sagt David van der Linden, der an der niederländischen Universität Groningen forscht.

Verbotene Bücher

Étienne Foulque sollte im Jahre 1701 eine Bestellung aus Bergen, im heutigen Belgien, nicht erhalten: Ein Kollege orderte französischsprachige Bücher. Eine lange Liste der gewünschten Titel ist beigefügt – mit der Bitte, doch „andere muntere und neue Titel“ zu nennen, die Folque sonst noch für ihn habe. „Erst haben wir uns nichts dabei gedacht“, erzählt van der Linden. „Aber bei genauerem Hinsehen erkannten wir, dass es sich um pornografische Bücher handelt.“ Diese konnten durch die harsche Zensur in Frankreich und den Südlichen Niederlanden nicht gedruckt werden. Daher belieferten französische Buchhändler aus Den Haag, wie Étienne Foulque, den französischen Buchmarkt gleich mit. In der Niederländischen Republik existierte die Zensur kaum oder war zumindest hochgradig ineffizient. Mit dem internationalen Handel von Titeln wie La vie de Madame de Maintenon („eine Geschichte der Geliebten und zweiten Frau von Louis XIV“) und La religieuse en chemise („Die erotischen Abenteuer einer “) erzielten Händler beachtliche Profite.

„Neben den privaten Beziehungen zeigen uns einige Briefe aus dem Nachlass der Briennes also auch die internationalen Beziehungen zwischen der Niederländischen Republik und ihren Nachbarn um 1700“, sagt der Forscher van der Linden.

 

Fantasievolle Anschriften

Nicht nur Kontakte zu anderen Staaten, auch das Postsystem war schon recht ausgefeilt. „Das sehen wir an vielen Briefen“, meint van der Linden. „Auch wenn das Postsystem damals deutlich weniger strukturiert war als heute, brauchte ein Brief von Paris bis nach Den Haag im Schnitt vier bis fünf Tage – nicht viel mehr als heute, also schon ziemlich effizient.“

Die Zusteller hatten trotzdem mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Eine einheitliche Gliederung der Anschriften war nicht vorhanden, weil es etwa keine Straßennummern gab – ganz zu schweigen von Postleitzahlen.

So fanden die Forscher auf einem nicht zugestellten Brief die Adresse à Monsieur Lavendines, à l’enseigne du Vieux Dauphiné, vis à vis la grande Église, was übersetzt etwa heißt: „An Herrn Lavendines, beim Schild des Vieux Dauphiné, gegenüber der großen Kirche“. Van der Linden: „Um zu beschreiben, wo der Empfänger zu finden ist, mussten die Schreiber damals ziemlich kreativ sein.“

 

Geschrieben wie gesprochen

Viele Briefe sind noch unzensiert und nicht editiert. Zusammen mit seinem Team sorgt David van der Linden nun dafür, dass die Sendungen erhalten bleiben: Die Briefe werden digitalisiert und transkribiert. Mit Informationen aus Archiven versuchen die Forscher, mehr über die Hintergründe von Absendern und Empfängern herauszufinden.

Schwierigkeiten beim Decodieren der Nachrichten mache dabei weniger die Sprache, sondern oft die Handschrift. „Die Briefe sind einzigartig auch deshalb, weil die Schreiber aus allen Schichten der Gesellschaft kamen“, sagt van der Linden. „Normalerweise finden wir vor allem Briefe von Menschen aus der Elite, die geübt sind und unterrichtet wurden, schön und korrekt zu schreiben.“ In der Truhe der Briennes aber landeten Briefe von Händlern, Migranten, Musikern und Diplomaten: „Es waren gewöhnliche Menschen.“ Um den Inhalt der Briefe zu verstehen, lesen die Forscher sie deshalb oft laut vor. „Die Menschen schrieben oft wie kleine Kinder heute das Schreiben lernen: so, wie sie sprechen.“ Daher ist die Schreibweise vieler Briefe beinahe phonetisch, ohne Satzzeichen oder Großbuchstaben.

Das Projekt, dessen Name „Signed, Sealed & Undelivered“ fast wie ein Song von Stevie Wonder klingt, ist noch im Gange. Briefe werden geöffnet und gescannt. „Wir veröffentlichen sie dann auf unserer Website für die Öffentlichkeit“, sagt van der Linden. „Da 95% der Briefe aus Frankreich kamen, können Französisch sprechende Menschen uns vielleicht weiter helfen beim Übersetzen“, hofft er.

 

 

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum voor Communicatie in Den Haag

© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015–2016. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague.

 

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