Pfund Euro

Ende der Schadenfreude

Pfund Euro
(Foto: “Pound” von Kerstin Willis; www.fotocommunity.de)

Mit der Euro-Krise wollten die Briten lange nichts zu tun haben. Nun müssen sie sich eingestehen, dass die Krise auch bei ihnen angekommen ist. Viel schlimmer: Großbritannien steht wirtschaftlich schlechter da als so manches Euro-Land. 

Von Anchalee Rüland

Die Schadenfreude stand dem ein oder anderen euroskeptischen Briten geradezu ins Gesicht geschrieben, als es 2009 mit dem Euro steil bergab ging. Griechenland, Irland, Portugal, Italien: Wie Dominosteine rutschten die Euro-Länder in die Finanzkrise. Ganz anders Großbritannien. Hier wähnte man sich in Sicherheit. Das Pfund schien stabil; die Probleme der anderen weit weg, jenseits des Kanals. Und dort sollten sie auch bleiben.

Ein Wunschtraum, mehr nicht, wie sich schnell herausstellte. Denn die Zeiten, in denen Großbritannien internationalen Problemen mit „splendid isolation“ noch trotzen konnte, sind lange vorbei. Heute sind Europas Schwierigkeiten auch Großbritanniens Probleme – ob es will oder nicht.

„Es ist ein ziemlicher Trugschluss anzunehmen, Großbritannien ginge es aufgrund seiner eigenen Währung besser“,  bestätigt Dr. Renaud Foucart, Ökonom an der Universität Oxford. Im Gegenteil: „Wollte Großbritannien heute der Währungsunion beitreten, es hätte keine Chance.“ Mit einem Haushaltsdefizit von acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist Großbritannien weit jenseits der erlaubten drei Prozent des Stabilitäts- und Währungspaktes der Europäischen Union. Es liegt damit abgeschlagen hinter Ländern wie Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Selbst Frankreich steht derzeit noch besser da.

„In gewisser Weise profitieren die starken Euro-Zonen-Länder von der Schwäche der Anderen“, erklärt Foucart. Sie können ihre Staatsschulden zu besonders günstigen Konditionen refinanzieren und inzwischen damit sogar Geld verdienen. Auf der Suche nach sicheren Geldanlagen zahlen Anleger Prämien dafür, dass sie dem deutschen Staat Geld leihen dürfen. Außerhalb der Währungsunion, betont Foucart, könne Großbritannien sich dies allerdings nicht zunutze machen.

Das hohe Haushaltsdefizit, kombiniert mit Inflation und geringem Wachstum, erklärt auch, warum gerade Großbritannien von den Rating-Agenturen vom „Triple-A-Thron“ gestoßen wurde, wohingegen einige Euro-Länder ihren Platz dort weiter verteidigen. Die Krise ist also längst in Großbritannien angekommen und erwischt das Land, das mit Schuldenaltlasten und hohen Ölpreisen kämpft, mit voller Breitseite. Inzwischen hat daher auch Schatzkanzler George Osborne erkannt, dass das Beste für Großbritannien in seiner derzeitigen Lage das Ende der Euro-Krise wäre.

„Mal ehrlich, es ist doch nicht überraschend, dass eine Krise in den Nachbarländern auch Auswirkungen auf die eigene Wirtschaft hat“, findet Foucart. Vor allem wenn das Standbein die Finanzindustrie ist. Das britische Finanzzentrum ist nicht nur eng mit denen auf dem Kontinent verbunden – als größte Börse ist London physisch betrachtet auch der Ort, wo europäischer Handel stattfindet. Finanzkrisen und damit weniger Handel machen sich daher fast als erstes in Großbritanniens Hauptstadt bemerkbar. Darüber hinaus betreiben britische Unternehmen einen Großteil ihres Handels mit Firmen in der Eurozone. Fast 50 Prozent aller britischen Exporte gehen nach Europa.

Der einzige Vorteil: „Anders als die Euro-Länder kann Großbritannien mit seiner Währung spielen und einfach mehr Geld drucken, um seine Schulden zu bezahlen“, erklärt Foucart. Es laufe somit also nicht Gefahr, bankrott zu gehen. Zugegeben, nach den Quasi-Staatspleiten in Griechenland und Irland klingt das verlockend. Rein ökonomisch betrachtet würde eine stärkere Integration Großbritannien in seiner jetzigen Situation jedoch weitaus mehr helfen: „Was Großbritannien braucht, ist Kreditwürdigkeit. Und die erreicht man am ehesten, indem man Autorität aber damit auch Souveränität an eine höhere Ebene delegiert“, sagt Foucart.

Für seine Unabhängigkeit zahlt Großbritannien einen hohen Preis. Denn trotz der offensichtlichen Auswirkungen der Krise für das Land befinden sich die Briten in Punkto Krisenmanagement auf den Zuschauerrängen – ohne Anspruch, in Brüssel mitzuentscheiden. Keine rosigen Aussichten, meint auch Foucart: „Mit Hinblick auf die Zukunft würde ich mich als deutscher Steuerzahler momentan sicherer fühlen als ein britischer.“

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