spain-379535_640

Endlich Aufschwung

Spaniens Wirtschaft wächst wieder so stark wie lange nicht mehr. Doch durch die Reformen, die Spanien aus der Krise halfen, kommen auch Probleme.

 Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Vor sieben Jahren wurde der VFB Stuttgart deutscher Meister. Facebook hatte damals weniger als drei Prozent der Nutzer, die das Unternehmen heute hat (etwa 750 Millionen). Genauso lange mussten Spanier darauf warten, dass ihre Wirtschaft wieder so wächst, wie im Schlussquartal des Jahres 2007. Nach der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Bürgerkrieg in den 1930er Jahren, atmet das Land auf.

Stolz präsentierte Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos am Dienstag der Presse die Wachstumsprognosen für dieses und das nächste Jahr: Die Wirtschaft werde 2014 voraussichtlich um 1,5 und 2015 um 2 Prozent zulegen, sagte de Guindos. Besonders erfreut schien der Minister über die sinkenden Arbeitslosenzahlen. Im Vergleich zum letzten Jahreszeitraum hätten mehr als 300.000 Spanier wieder einen Job, die Arbeitslosenquote sank damit um 1,4 Prozentpunkte. Zwar ist immer noch fast jeder vierte Spanier und mehr als jeder zweite Jugendliche ohne Job, aber die jüngsten Wirtschaftsstatistiken spiegeln vor allem eines wieder: Hoffnung, die lange Zeit vermisst wurde.

„Die gute Entwicklung in Spanien ist vor allem auf drei Dinge zurückzuführen“, analysiert Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) Olivier Blanchard: Zum einen seien spanische Produkte im Ausland stärker nachgefragt gewesen, was auf die gestiegene Produktivität der Betriebe zurückzuführen sei. Zweitens, habe die Regierung die öffentlichen Ausgaben unter Kontrolle bekommen. Die Folge davon bezeichnet Blanchard als „animal spirit“, also das gestärkte Vertrauen, das automatisch dazu führe, dass Menschen im In- und Ausland mehr Produkte kauften oder größere Summen in Firmen und Anschaffungen investierten.

 

Erleichterung auch in Griechenland, Portugal und Italien

 

Bei näherem Betrachten erkennt man jedoch, dass der Aufschwung nicht jeden erreicht. Die Wachstumsraten sind von Sektor zu Sektor unterschiedlich. Getragen werden die positiven Zahlen vor allem durch die Tourismus- und die Automobilbranche, sowie den Weinanbau und die Energiewirtschaft. So wuchs die Branche rund um die Autoherstellung im ersten Halbjahr um 17,8 Prozentpunkte im Vergleich zum vergangenen Jahreszeitraum. Die 28 Millionen Touristen, die bis Juli kamen, bedeuteten einen Anstieg um 7,3 Prozentpunkte. Hingegen stagnierten Branchen wie die Agrarwirtschaft.

Auch scheint der jetzige Erfolg für viele Arbeiter teuer erkauft zu sein. Im Jahr 2012, auf dem Höhepunkt der europäischen Wirtschaftskrise, implementierte die konservative Regierung Reformen, die von der Europäischen Kommission und dem IWF angeraten wurden. Die strengen Sparmaßnahmen im Sozialbereich sowie flexibleren Regeln für den Arbeitsmarkt haben die veralteten Strukturen modernisiert und stürzten viele Menschen gleichzeitig an den Rand der Existenznot. „Der Weg, der aus der Krise führte, bedeutete auch das Arbeitsprekariat“, kritisiert die Gewerkschaft UGT in der Zeitung El Pais. So sei seit 2008 etwa jeder fünfte Job auf Teilzeit reduziert worden, fast 93 Prozent der neuen Arbeitsverträge seien zeitlich beschränkt.

Der Aufschwung in Spanien lässt sich auch auf andere von der Krise geschütteten Länder in Europa übertragen. Griechenland verzeichnet zum ersten Mal seit Jahren leichtes Wirtschaftswachstum. Im zweiten Quartal 2014 lag es bei 0,38 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal – die ersten positiven Wachstumsraten seit 2008. In Portugal bessert sich die Lage zusehends. Bereits sieben Quartale in Folge fiel die Arbeitslosigkeit gestützt vom moderaten Wachstum von 17,5 auf 14,3 Prozent. Auch Italien scheint aus dem Gröbsten heraus zu sein und soll der EU-Kommission zufolge in diesem Jahr um 0,6 und 2015 um 1,2 Prozent zulegen.

Ob die jüngsten Erfolge jedoch von Dauer sind, bleibt unklar. Nicht alle Wirtschaftsbereiche profitieren vom Aufschwung. Die Einkommensunterschiede zwischen Gut- und Schlechtverdienern nehmen zu. Die Schulden der18 Euro-Mitgliedstaaten steigen auch nach der Krise weiter, insgesamt um einem Punkt auf 96 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland beträgt die Last mittlerweile 177 Prozent. Auch in Spanien liegt sie bei 100 Prozent. Erlaubt sind laut EU-Regelungen für einen stabilen und nachhaltigen Haushalt höchstens 60 Prozent.

 

 

Die Debatte Keine Kommentare