bbbildkonstanze

Euer Europa will ich nicht

Frank-Walter Steinmeier wollte mit uns reden. Mit uns, den jungen Menschen, der Generation ERASMUS, der Generation „Stay“. Am Montag, im Weltsaal des Auswärtigen Amtes, hat er uns versammelt – all die jungen Europäer mit ihren Sakkos und Blusen und festgezurrten Krawatten und blank geputzten Schuhen. „Europa – wir müssen reden!“ hieß die Veranstaltung, sie war jung und dynamisch, mit eigenem # und sogar einer Facebook-Live-Übertragung. Mein Europa kam an diesem Morgen aber irgendwie nicht zur Sprache. Dafür das Europa vieler junger Nachwuchspolitiker und passionierter Redenschwinger, die vor allem eines gerne tun – sich selbst dabei zuhören, wie sie über Europa reden. Und für mich liegt genau darin auch eines der Probleme „unseres Europas“.

 

Der Tag beginnt früh, mit einer langen Schlange vor dem Auswärtigen Amt und mit vielen jungen Menschen, die sehr aufgeregt sind, endlich einmal diese heiligen Hallen betreten zu können und dann auch noch ihre Meinung sagen zu dürfen. Da stehen sie, herausgeputzt wie für den ersten Praktikumstag. Ich fühle mich leicht fehlplatziert mit meinen schwarzen Jeans und dem doch eher alltagstauglichen Jacket. Scheinbar muss man sich für Europa schick anziehen.

Es geht weiter mit ersten Umfragen vor Betreten des Saals. Wir sollen in eine Weltkarte eine Stecknadel stecken, genau dorthin, wo wir unser europäisches Schlüsselerlebnis hatten. Sowas schüttelt man nicht aus dem Ärmel, morgens um kurz nach acht. Aber die junge Dame hinter mir treibt es mit ihrer Skepsis (oder ihrem Enthusiasmus?) dann für meine Begriffe ein wenig zu weit, als sie unüberhörbar verkündet: „Ein Schlüsselerlebnis?! Also ich war ja schon immer Europäerin!“

Klingt schick, klingt nach Frank-Walter, klingt für mich aber auch ziemlich falsch

Irgendwie verdirbt mir allein schon dieser Moment die Freude, mit ihr und den vielen anderen Jugendlichen über mein Europa zu diskutieren. Es gibt sicher Menschen, die sich schon immer mehr als Europäer als als Deutsche, Franzosen oder Kroaten gefühlt haben.

Mein Europa jedoch habe ich gelernt, Stück für Stück, in der Schule und während des Auslandssemesters und an dem Tag, als Großbritannien sich entschied, mein Europa zu verlassen. Mein Europa habe ich mir „herdiskutiert“, mit meinem Europa habe ich gehadert, als Deutsche, nicht als Europäerin. Und irgendwann in diesem Lernprozess wurde auch ich zur Europäerin. Geboren wurde ich aber als Deutsche. Und ich behaupte, dass der Großteil der Menschen, die wir heutzutage wieder von Europa überzeugen müssen, nicht als Europäer zur Welt kam. Diese Menschen brauchen einen europäischen Lernprozess, einen knirschenden, kritischen Austausch über dieses, ihr, Europa – mehr noch als alle flammend geborenen Europäer dieser Welt. Aber vielleicht sehe ich das auch zu zynisch.

Europa in der Türkei – ja, gerade da!

Der Gesprächspartner dieser Geburts-Europäerin macht es mir dann nicht einfacher. Ich stehe vor der Weltkarte und sehe die Nadelköpfchen in Brüssel und London sitzen, Straßburg und Berlin. Meine eigene Stecknadel setze ich dann etwas weiter östlich an – in der Türkei.

„Aha…“, tönt es dann hinter mir, „ein europäisches Schlüsselerlebnis in der Türkei…das ist ja auch mal interessant!“ Ich bilde mir ein, dass darauf ein süffisantes, hüstelndes Kichern folgt.

Ja, mein Europa hat tatsächlich irgendwo in der Türkei wirklich begonnen, sich zu festigen.

Und ich weiß, dass die Türkei KEIN Mitglied der EU ist. Soweit bin ich bei meinem Auslandssemester in der Türkei dann doch gekommen. Dafür brauche ich nicht die Nachhilfe der flammenden Europäer, die direkt hinter mir stehen. Ich ärgere mich über dieses Streber-Tum, über diesen Kommentar, der einzig und allein dazu dient, mich in irgendeiner intellektuellen Hierarchie zu degradieren. Er nimmt mir einmal mehr die Lust, mich umzudrehen und mit meinem Co-Europäer zu diskutieren. Im Nachhinein ärgere ich mich über meinen Trotz. Ich hätte dem Hüstler gerne erklärt, wie viel man in der Türkei (jaaa, in der TÜRKEI!) über Europa lernen kann. Wie sehr man beginnt, diesen friedlichen Kontinent zu mögen, wenn einem türkische Freunde mit sehnsuchtsvollem Blick von der Freiheit in Europa erzählen. Wie sehr man plötzlich beginnt, mit ihnen zu leiden, wenn sie nur noch abwinken, sobald es um den EU-Beitritt ihres Landes geht. Dort, genau an diesen Bruchstellen, lebt mein Europa. Und genau dort können wir auch wieder lernen, worauf wir Europäer stolz sein sollten – auf die Freiheit ebenso wie auf die offenen Grenzen, auf ERASMUS ebenso wie auf unsere wirtschaftliche Stärke. ERASMUS kann man übrigens auch in der Türkei machen. Dem Hüstler hinter mir hätte ich das gerne wärmstens empfohlen. Ich würde behaupten, er hätte danach seine Stecknadel vielleicht nochmal aus dem Bürokratie-Monster Brüssel herausbewegt und gen Osten gesteckt. Wer weiß.

 

Floskeln-Kritzeln für Europa

Bevor Frank-Walter Steinmeier uns dann beehrt, machen wir europäische Aufwärmübungen. Man hat uns gestattet, auf große Plakate im Saal „europäische Graffitis“ zu malen (weil wir eben jung sind und so…) und darauf Fragen zu beantworten wie „Was sind die Probleme Europas?“ und „Was kann ich ändern?“ Frank-Walter Steinmeier soll sich danach dann ansehen, was wir gemalt haben. Ich schätze seine Verweildauer vor diesen Plakaten ähnlich lange ein wie die eines Kochs vor den dahingekritzelten Rezeptversuchen seiner Azubis im ersten Lehrjahr. Meine jungen Mit-Diskutierer sind aber ganz Feuer und Flamme. Nun gut.

Wir werfen uns schlaue Worte an den Kopf, reden von „mehr Integration“ und „mehr Transparenz“. Irgendjemand kommt immer mit irgendwelchen ganz speziellen Verhandlungsformaten um die Ecke, die unbedingt auch mit an die Wand müssen – ich kenne keins davon. Aber die versierte europäische Masse um mich herum nickt eifrig. Ich kann mir nicht helfen, will mich Stück für Stück aus diesen Diskussionen zurückzuziehen. Vielleicht ist das nicht mein Format, vielleicht bin ich schon wieder trotzig oder einfach nur genervt, dass ich vor lauter flammenden Europäern und ihren noch feurigeren Wortbeiträgen selbst nicht zu Wort komme.

Irgendwann kommt jemand auf die Idee, dass Europa auch wieder „mehr unterschiedliche Schichten“ mit einbinden muss. Das stimmt. Da bin ich tatsächlich wieder dabei, werde wach, denke, wir reden jetzt mal über all diejenigen, die nicht morgens um acht Uhr im Sakko vor dem Auswärtigen Amt stehen, sondern in Herne, Warschau oder Newcastle ihren Jobs als Schlachtern, Maurern oder Bäckereifachverkäufern nachgehen. Ich hoffe, es geht jetzt mal um diejenigen, die Europa eben nicht verlieren darf an AfD, PEGIDA, UKIP und wie sie alle heißen und sich abkürzen mögen. Aber dann lacht die Vorschlagende nur und zeigt in die Runde: „Naja, wir sollten uns ja nur mal selbst ansehen, wir sind ja der lebende Beweis dafür, dass Europa nicht jeden einbindet.“ Dann belässt sie es aber dabei, „mehr Einbindung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen“ oder so auf unser grausig-junges Graffiti zu schreiben. Bei der nächsten Station wünscht sie sich „freie Museumseintritte in ganz Europa“. Ich bin sicher, die Handwerker aus Liverpool applaudieren da ganz besonders laut.

Ernüchterndes Europa

Dann kommt endlich Frank-Walter Steinmeier und stellt sich den Fragen der jungen Europäer. Er wird das insgesamt 30 Mal in Deutschland machen und ich bemitleide ihn jetzt schon dafür… Da sitzen in wechselnder Reihenfolge all die Hüstler und Geburts-Europäer auf dem Podium und stellen ihre Fragen, in denen es primär eher darum zu gehen scheint, sich beim Außenminister für den nächsten Praktikumsplatz anzubiedern („Lieber Herr Steinmeier, ich mache mir Sorgen um Europa“) oder sich bereits für die nächste Wahl als Kandidat in Aussicht zu stellen („Guten Tag, ich bin XY und ich werde mal Bundeskanzler.“) Mein Europa verdünnisiert sich so langsam, während die Moderatorin Dunya Hayali versucht, aus den nicht enden wollenden Fragen eine klare fragbare Essenz herauszukristallisieren und der Außenminister dann mit den üblichen diplomatischen Sätzen auf diese antwortet.

Sie sollte doch unbequem werden, diese Townhall-Veranstaltung. Schon der Titel „Wir müssen reden“ suggeriert, dass endlich mal Klartext auf den Tisch kommt. Stattdessen verlasse ich nach einigen Stunden den Saal mit dem Gefühl, dass Europa „vor die Hunde geht“ (in den Worten unseres Außenministers), wenn sich in den kommenden Jahrzehnten Menschen wie diese Hüstler um meinen liebsten Kontinent kümmern. Menschen, die man ohne mit der Wimper zu zucken als priviligierte Bildungselite bezeichnen kann (und da schließe ich mich nicht aus). Menschen, die vermutlich noch nie einem EU-Skeptiker auch nur aufrichtig zugehört haben, bevor sie ihre Dauerschleife „mehr Integration, mehr Transparenz, mehr Partizipation“ abspielten und dem armen Skeptiker in das besorgte Gesicht entluden.

Das Unschönste an dieser Veranstaltung war dann am Ende aber eigentlich ich. Weil ich mich in dieser süßlich-schlauen Europa-Lethargie auch nicht getraut habe, auf das Podium zu gehen und mal nach den Handwerkern in Newcastle oder den besorgten Bürgern in Sachsen zu fragen. Weil ich dieses Europa der anderen an diesem Montag einfach über mich ergehen ließ – und doch eigentlich für mein bewegliches, lernendes, inklusives Europa eintreten will, das nicht nur mit Floskeln und Phrasen durch die Gegend bolzt.

Vielleicht ist das dann die eigentliche Essenz dieser Veranstaltung gewesen – herauszufinden, wer mein Europa in 20 Jahren nicht vertreten soll. Und beim nächsten Mal dafür einzustehen.

 

 

/ Konstanze Nastarowitz ist Teil des Europa-und-wir-Teams. Ihren meinungsstarken Artikel und weitere Berichte können Sie außerdem in ihrem Blog nachschlagen.

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