Maria-Xenia Hardt liest

Europas beste Bücher?!

Maria-Xenia Hardt liest
Maria-Xenia Hardt gibt einige persönliche Empfehlungen für die Sommerleseliste. (Foto: Hardt)

Unsere Autorin hat sich auf eine kleine literarische Europareise begeben, zur Frage: “Welche Bücher sind eigentlich bei unseren Nachbarn gerade besonders beliebt?” Über einige hat sie sich doch sehr gewundert …

Von Maria-Xenia Hardt

Sommerzeit ist Lesezeit. Völlig gleich, ob man den Urlaub am Strand, auf einer Liege neben dem Pool oder auf einem Klappstuhl in Balkonien nur knapp über dem Grill der Nachbarn verbringt –  ein gutes Buch hat noch jedem die faule Zeit in den großen Ferien versüßt. Wer nicht über das viel beschäftigte Jahr hinweg eine Bücher-die-ich-unbedingt-lesen-muss-wenn-ich-endlich-wieder-Zeit-habe-Liste geführt hat, greift in der Buchhandlung im Zweifel im Bestseller-Regal zu, frei nach dem Motto: Wenn’s vielen Leuten gefällt, dann vielleicht auch mir.

Wagt man mal einen Blick über die Grenze hinweg in beliebte Urlaubsländer und auf deren Bestsellerlisten, findet man eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten – und kann auch den ein oder anderen Schmöker entdecken, der im eignen Land noch nicht durchgestartet ist. Also: Begeben wir uns auf eine kleine literarische Europareise, geleitet von der Frage: Was lesen eigentlich die Menschen in den Ländern, in denen wir Urlaub machen?

Europaweit millionenfach verkauft und hundertfach verrissen: Dan Browns Inferno

Wer eine große Europa-Reise plant, nur ein Buch mitnehmen und in jedem Land mit Einheimischen darüber reden möchte, dem sei Dan Browns Inferno nahegelegt. Die europaweite Beliebtheit ist dann aber auch schon das einzige Kaufargument, zumindest wenn man den Rezensionen Glauben schenkt. Die „Welt“ nennt Dan Brown „vor lauter Mystery-Krimis betriebsblind“, die FAZ bezeichnet das neueste Werk als „profanes Lesefutter“. Die britischen Kollegen gehen mit dem Megaseller noch etwas härter ins Gericht. Peter Conrad schreibt im Guardian: „Ich dachte bisher, Dan Brown sei einfach schlecht. Jetzt, nachdem ich die neueste Version des apokalyptischen Thrillers gelesen habe, den er alle paar Jahre umschreibt, habe ich den Verdacht, dass er auch verrückt ist.“ Das Positivste, was der Daily Telegraph zu sagen hat, ist dieses vernichtende Urteil: „Als Stylist wird Brown immer besser: Er war einmal unterirdisch, jetzt ist er einfach nur noch sehr schlecht.“

International ebenfalls vertreten: Jo Nesbø und E.L. James

Auch andere internationale Kassenschlager, die für gemeinhin der Trivialliteratur zugeordnet werden, finden sich in einigen Bestsellerlisten wieder, etwa E.L. James’ Fifty Shades of … Irgendwas oder diverse Krimis von Jo Nesbø. Zumindest letzterem stehen die Feuilletonisten Europas nicht ganz so vernichtend gegenüber. Es sei an dieser Stelle schon mal gesagt, dass auch wirklich gute Literatur europaweit ganz vorne mit dabei ist – dazu später mehr. Erst einmal werfen wir einen genaueren Blick auf einige beliebte Urlaubsländer.

Die Franzosen: Herzschmerz garantiert

Neben allen drei Fifty-Shades-Büchern, Inferno, zwei Krimis (ein schwedischer, ein amerikanischer) und der neuesten Paulo Coelho-Übersetzung (im Deutschen Die Schriften von Accra) haben es tatsächlich auch drei französische Bücher unter die Top 10  geschafft: der zehnte Roman von Guillaume Musso, Demain („Morgen“); Un Sentiment Plus Fort que la Peur („Ein Gefühl stärker als Angst”) von Marc Levy, dem französischen Nicolas Sparks; sowie Les Gens Heureux Lisent et Boivent du Café („Glückliche Leute lesen und trinken Kaffee“) von Agnès Martin-Lugand. Bei allen drei Büchern handelt es sich um Liebesgeschichten. Frankreich ist eben doch das Land der großen Gefühle…

Die Schweden: Ja, sie mögen wirklich Krimis

Vier Bücher in der Belletristik („Skönlitteratur“) Top 5 des schwedischen Buchhandels sind Krimis. Neben Inferno, Fifty Shades No. 3 und  Jo Nesbøs Koma sind zwei schwedische Krimiautorinnen mit von der Partie: Mari Jungstedt, die man hierzulande kennen könnte, da die ZDF-Serie „Der Kommissar und das Meer“ auf ihren Büchern beruht, und die noch eher unbekannte Viveca Sten (siehe unten). Nicht nur die Deutschen mögen also schwedische Krimis…

Die Italiener: Zwischen Papst, Camilleri und Nicolas Sparks

Wer hätte es gedacht: Der Papst schlägt Dan Brown, zumindest auf der italienischen Bestsellerliste – welch süße Rache der Katholiken am nicht immer kirchentreuen Brown. Drei verschiedene Ausgaben der ersten Enzyklika von Papst Franziskus, Lumen Fidei, schaffen es unter die Top 10. Außerdem mit dabei: Ein neues Buch von Krimiautor Andrea Camilleri, Nicolas Sparks und zwei Sterne am Bücherhimmel, auf die wir später noch zu sprechen kommen.

Die Briten: Aber bitte auf Englisch!

Jaja, die Briten und Europa: nicht die glücklichste Ehe der Geschichte. Im Gegensatz zu allen anderen Ländern findet sich auf der Times-Bestenliste keine einzige Übersetzung wieder. Fünf Briten und drei Amerikaner teilen sich die acht Plätze an der Sonne. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass englischsprachige Bücher einen Großteil des internationalen Buchmarkts einnehmen. Aber trotzdem, liebe Briten, andere Länder haben doch auch schöne Bücher…

Übrigens: Die Griechen lesen auch gerne Bücher ihrer Landsleute – sechs der Top 10 der Bestsellerliste dieses großen Online-Buchhändlers sind im Original Griechisch.

Bücherstapel
Dan Brown steht in ganz Europa auf den Beststellerlisten. Aber es gibt auch Erfreulicheres im Bücherstapel. (Foto: Hardt)

Nachdem zu Beginn der ausnahmslos auf allen (!) Bestsellerlisten weit vorne vertretene Dan Brown ein eher schlechtes Bild auf den gemeinsamen europäischen Geschmack geworfen hat, an dieser Stelle noch etwas Erfreuliches: Es gibt auch wirklich gute Bücher, die europaweit gerne gelesen werden. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert beispielsweise, der erste große Erfolg des Schweizers Joël Dicker. Der Roman wurde vergangenes Jahr mit zahlreichen Preisen überhäuft und ist nach der Übersetzung ins Italienische und Spanische nun weit vorne auf den Bestsellerlisten beider Länder. In Deutschland erscheint das Buch am 13. August.

Etwas länger warten müssen die Deutschen noch auf den neuen Roman von Khaled Hosseini, der im englischen Original unter dem Titel And the Mountains Echoed erschienen ist. Die New York Times hat das Buch als Hosseinis bestes bisher bezeichnet. Derzeit rangiert der Roman sowohl in Großbritannien als auch Italien weit vorne. Am 23. Oktober erscheint er auf Deutsch.

Zum Abschluss einige Leseempfehlungen: drei Bestseller und ein Zufallsfund

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse & Bretonische Brandung

Diese beiden Krimis um den aus Paris in die Bretagne zwangsversetzten Kommissar Dupin halten sich jetzt schon länger auf der Spiegel-Bestsellerliste – und das zurecht. Die Plots sind gut gestrickt, die Fälle durchaus originell. Kommissar Dupin ist außerordentlich schrullig und liebenswert. Besonders gefallen werden die Bücher natürlich vor allem Menschen, die – wie ich – schon eine ganze Reihe Sommer in der Bretagne verbracht haben. Jean-Luc Bannalec (es handelt sich hierbei um ein Pseudonym, Die Welt munkelte bereits, der Verleger Jörg Bong stecke dahinter) beschreibt wirklich authentisch die ruppige, dramatische Landschaft der Bretagne, das oft regnerische Wetter und die langen Sommertage dazwischen, das wunderbare Licht und natürlich die „melancholische Stimmung und das zurückhaltende Wesen“ der Bretonen, ihre „innere Empfindsamkeit und Leidenschaftlichkeit, verborgen hinter äußerer Rohheit und Fühllosigkeit“. Wer nicht in der Bretagne sitzt, während er das liest, der möchte vielleicht bald hinfahren.

Viveca Sten: Mörderische Schärennächte

Mit ihrem neuesten Krimi steht Viveca Sten auf Platz zwei der schwedischen Bestsellerliste. Das Werk ist allerdings noch nicht auf Deutsch erschienen. Um auf den Geschmack zu kommen, reicht aber auch der Vorgänger, Mörderische Schärennächte, der vierte Fall des Kommissars Thomas Andreasson. Es handelt sich hierbei nicht nur um einen soliden, sondern um einen wirklich hervorragenden Krimi.  Der Student Markus Nielsen hängt in seinem Zimmer tot von der Decke, doch die Mutter glaubt nicht an Selbstmord und drängt auf weiterführende Ermittlungen. Thomas Andreasson findet heraus, dass Markus für eine Hausarbeit Recherchen über die Militärbasis der Eliteeinheit Küstenjäger auf Korsö angestellt hat. Bald gibt es weitere Tote und der Fall entwickelt sich zu einer  Spurensuche in den Geheimnissen des Militärs. Dabei ist das Buch auch noch wirklich gut geschrieben und die Charakterisierung der Figuren geht über platte Krimi-Versatzstücke hinaus. Absolut lesenswert.

Khaled Hosseini: And the Mountains Echoed

Die ersten beiden, hochgelobten Romane von Khaled Hosseini – Drachenläufer und Tausend Strahlende Sonnen – habe ich nicht gelesen, weil ich befürchtete, dass sie nach zu vielen zu guten Rezensionen hinter meinen Erwartungen geradezu zurückbleiben müssten. Nun ist Hosseinis nächstes Werk erschienen, und ohne auch nur eine Kritik zu lesen, habe ich es mir in aller Ruhe zu Gemüte geführt.

Im Grunde genommen besteht der Roman aus lose verwobenen Geschichten mehrerer Geschwisterpaare: Abdullah und Pari, die als Kinder auseinandergerissen werden; Idris und Timur, die nach vielen Jahren nach Afghanistan zurückkehren; Nabi und sein eigentlicher Chef Suleiman Wahdati, die ihr ganzes Erwachsenenleben miteinander verbringen und zu engen Vertrauten werden; Masooma und Parwana, zwei Schwestern, von denen eine viel schöner ist als die andere; Markos und Thalia, die wie Bruder und Schwester auf der griechischen Insel Tinos aufwachsen, obwohl sie eigentlich gar nicht verwandt sind. All diese Geschichten hängen irgendwie miteinander zusammen, über Jahrzehnte hinweg, zwischen Kabul, Paris, Kalifornien und Tinos.

Die Übergänge scheinen mühelos und werden von Hosseinis wirklich außergewöhnlichen erzählerischen Fähigkeiten getragen. Was bei anderen wie plumpes Pathos wirken könnte, gelingt ihm ganz leicht und schwerelos. And the Mountains Echoed ist ein Roman mit der seltenen Kraft, wirklich Spuren zu hinterlassen.

Jordi Puntí: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

Gabriel Delacruz fährt jahrelang mit seinen beiden Freunden Bundó und Petroli im Möbellaster durch Europa. In vier Ländern – Deutschland, England, Frankreich, Spanien – zeugt er je einen Sohn: Christof, Christopher, Christophe und Crisòfol. Nach dem spurlosen Verschwinden des Vaters erfahren die vier von der Existenz der jeweils anderen und versuchen, Gabriels verworrenes Leben und seine „irren Fahrten“ zu rekonstruieren, beginnend im Waisenhaus, in dem er aufwuchs, über die Straßen Europas bis in eine zwielichtige Kneipe in Barcelona. Das Buch kommt anfangs ungefähr so schnell ins Rollen wie ein voll bepackter, am steilen Berg anfahrender Möbellaster. Die ersten hundert Seiten sind eher mühevoll, aber dann entwickelt sich eine Geschichte, die es mit der Skurrilität und Originalität des Klappentextes aufnehmen kann. Alles in allem sind Die Irren Fahrten des Gabriel Delacruz ein bisher noch nicht allzu bekanntes Schmuckstück katalanischer Literatur. Ein Buch, geschrieben,  um damit unterwegs zu sein.

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