Alle Fotos: Vanessa Wahlig

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European Dream: Es lohnt sich, um Europa zu kämpfen

In Zeiten der Flüchtlingskrise ist Europa für viele das Ziel der Träume. Eine Art European Dream scheint entstanden zu sein. Amerika war gestern. Es wirkt, als sei heute Europa das „Land“ der Möglichkeiten. Betrachtet man die Geschichte Europas beziehungsweise der EU, dann kann man sie durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen.

Am Anfang standen Visionäre, denen bewusst war, das man größer denken muss, um nach zwei Weltkriegen den Frieden zu bewahren. Es waren Männer, die am eigenen Leib verspürt haben, was Hass und Machtwille bedeuten. Aber es standen hinter diesen Visionen auch unterschiedliche Ideen, wie eine europäische Integration funktionieren kann. Föderales System oder zwischenstaatliche Zusammenarbeit? Heute sind wir nach dem Vertrag von Maastricht und Lissabon soweit, uns EU-Bürger nennen zu können. Das schließt zwar nicht die nationale Identität aus, aber vermittelt durchaus das Gefühl einer noch größeren Gemeinschaft. Darüber hinaus ermöglicht es ein Leben in Freiheit und ohne Grenzen zu führen.

Zu sagen, in der EU läuft alles gut, wäre gelogen. Aber wenn man im Gespräch mit Menschen aus beispielsweise dem arabischen Raum ist, dann weiß man, das Europäer zu sein ein Glückslos ist. Ohne große Sorgen machen sich Deutsche auf in den Italienurlaub, Schweden studieren in Frankreich und Spanier arbeiten in England. Europa steht für Frieden und Freiheit. Sich frei bewegen zu können, einfach in ein anderes Land zu ziehen oder eine Arbeitsstelle im Ausland aufzunehmen sind für uns die kleinen Verbesserungen des Lebens, die uns nach über 60 Jahren europäischer Integration oft nicht mehr bewusst sind. Vor allem die junge Generation Studenten oder auch Auszubildende, die im Zuge des Erasmusprogramms der EU die Möglichkeit haben, ein bis zwei Semester im Ausland zu studieren oder einen Teil der Ausbildung im Ausland zu verbringen, können sich nicht vorstellen, dass Europa einmal Grenzen hatte.

Europa bringt aber auch die zusammen, die in ihren eigenen Ländern wohl verfeindet gegenüber stehen würden. Europa ermöglicht, das eine Iranerin und eine Israelin einen Ausflug zusammen machen. Die Toleranz, die hier herrscht, springt schnell über und lässt viele Konflikte vergessen. Europa ermöglicht, dass ein Russe und ein Ukrainer zusammen ein Bier trinken. Zumindest für den, der die Idee eines toleranten Miteinanders verinnerlicht, werden geografische Grenzen schnell unwichtig. Natürlich geht das auch in Amerika oder dem Libanon. Aber ist es nicht besonders wichtig, die Toleranz vor der eigenen Haustüre zu suchen? Sie zu finden macht dann besonders viel Spaß. Europa ermöglicht, dass Christ, Moslem und Jude sich eine WG teilen. Die Werte der EU sind auch auf Religionsfreiheit aufgebaut, was dagegen viele Konflikte abbaut. Viele Dinge, auf die wir uns wieder mehr besinnen und deshalb der EU mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Die Wahl zum EU-Parlament wird von vielen nur als Bürgerplicht wahrgenommen. Mal wieder eine Wahl, die nicht greifbar ist. Brüssel und Straßburg sind für viele weit entfernt und die Entscheidungen die dort getroffen werden, hinterlassen oftmals große Fragezeichen. Dennoch lohnt es sich, sich mit der EU zu beschäftigen.

Die Idee, dass die EU auf drei Säulen basiert, wurde durch den Vertrag von Lissabon aufgegeben, um die Inhalte noch mehr zu verschmelzen. Diese drei Säulen standen für die Europäische Gemeinschaft, die gemeinsame Außen-und Sicherheitspolitik und die polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit. Während die erste Säule supranational Aufgaben bearbeitete, wurde bei den beiden anderen Säulen zwischenstaatlich gearbeitet. Seit 2009 wird nun aber auch das Handlungsfeld polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit supranational bearbeitet. Das verstärkt die Möglichkeit, in diesen Bereich schnellere und übergreifende Entscheidungen treffen zu können.

Dennoch thront über allem ein Dach, welches Ideen, Vorstellungen und Kulturen unter sich vereint. Ein Dach, welches die Europäer nicht im Regen stehen lassen soll. Dass dies funktioniert, haben die letzten Krisen gezeigt. Sie sind zwar lange nicht alle überwunden, aber der Wille, an einem Strang zu ziehen, bleibt. Die Warnung des luxemburgischen Außenministers Asselborn sind deshalb auch die richtigen. In Zeiten der Flüchtlingskrise warnt er davor, wieder Grenzkontrollen einzuführen, da Europa sonst zerbrechen könnte. „Es sind die humanen Werte, die Europa zusammenhalten“, sagt der Politiker. Die größte Errungenschaft für ihn in Europa sei Schengen. renzkontrollen wären somit für ihn „der Tod“ der Union. Was es bedeutet, von einer Grenze getrennt zu sein, wissen wir junge Menschen nur noch aus Geschichtsbüchern. Vor 26 Jahren fiel die Mauer und ebnete uns die Chancen auf ein Europa, wie wir es heute haben. Der Mauerfall war die Wende für mehr Freiheit. Keine zwei Fronten mehr, die sich feindlich gegenüber stehen, sondern Ideen und Werte, die langsam zusammenwachsen.

Genau für diese Werte sollten wir deshalb kämpfen. Das dies nicht alle so sehen, dafür reicht ein Blick nach Großbritannien. Premierminister Cameron will einen weiteren Schritt zurück machen. Ihm ist Europa zu nah und der Weg der Insel führt langsam in Richtung Brexit. 2017 soll ein Referendum entscheiden, ob Großbritannien in der EU verbleibt oder nicht. Schon jetzt stellt der britische Premier Forderungen, die für den Zusammenhalt der Union als „problematisch“ eingeschätzt werden.

In Sachen Europa darf man eben nie vergessen, dass Europa bedeutet, aufeinander zuzugehen, Kompromisse zu schließen, aber manchmal eben auch entschieden Nein zu sagen. Mein persönliches Nein richtet sich gegen das Auseinanderbrechen der EU.

Nach den Attentaten in Paris trauert Europa gemeinsam, versucht aber auch einen gemeinsamen Weg zu finden, dass so etwas nicht nochmal passiert. Es war nicht nur ein Anschlag auf Frankreich, es war auch ein Anschlag auf Europa und ein freies Leben. Die Grenzen zu schließen scheint nun für viele das Sicherste, aber beugen wir uns damit nicht und geben ein Stück unserer Freiheit auf? Sicher ist, dass wir diesen Kampf um den Erhalt der Werte und den Ideen zusammen bestreiten müssen. Es ist ein Zeichen an den Terror, dass wir uns als Einheit zeigen und zusammen auch diesen Angriff meistern werden.

Heute sind wir 28 Mitglieder unter dem EU-Dach. „In Vielfalt geeint“ ist das Motto der EU. So sollten wir auch zukünftig den Krisen, Problemen und Uneinigkeiten entgegentreten. Denn wären wir alle gleich, dann hätten wir heute nicht die EU und dann hätten wir nicht diese Möglichkeiten.

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