In Paris sitzt der Schock weiter tief.                  Foto: Lena von Holt

In Paris sitzt der Schock weiter tief. Foto: Lena von Holt

Falscher Alarm

Zwei Tage nach den Anschlägen auf Paris gehen die Menschen wieder auf die Straße. Sie wollen trauern und zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Doch die Stadt ist noch nicht wieder bereit – es wird noch einige Tage und Wochen dauern, bis der Schock überwunden ist

„Se cacher, se cacher!“ – „Versteckt euch!“, rufen ein paar Männer, die auf einem Motorrad sitzen und mir auf einem Fußweg entgegen rasen.

Mein Herz pocht, alles zittert. Plötzlich rennen alle Menschen in eine Richtung. Sie schreien, man solle mitkommen. Chaos. Einige ziehen mich mit in ein Café oder etwas Ähnliches. Wir hasten die Treppe hinauf und schauen nervös aus dem Fenster. Eine junge Frau ist total aufgebracht. Sie erzählt von Schüssen. Dann sehen wir an die zehn Polizeiautos, die in Richtung „Place de la Republique“ verschwinden. Dort, wo Freitagnacht in Paris einer der Anschläge auf das Konzerthaus „Bataclan“ verübt wurde.

Als sich die Stimmung etwas beruhigt, gehen wir wieder raus auf die Straße. Immer noch kommen Menschen aus dieser Richtung angelaufen. „Wohin lauft Ihr, was ist passiert?“, will ich wissen. Man habe Schüsse gehört. In der Metro auf dem Weg nach Hause weint ein Mädchen. Sie ist am Telefonieren und total aufgelöst. Ich habe keine Ahnung, ob sie deswegen weint und ob ich nun davon ausgehen muss, dass noch mehr Menschen gestorben sind. Aber irgendwie bin ich mir ziemlich sicher. Ich versuche meine Tränen zu unterdrücken. Denn alle anderen sitzen um mich herum, als ob alles wie immer wäre.

„Fausse alerte“, falscher Alarm, sagt mir das Mädchen, als ich sie frage, was passiert sei. Auch sie war in der Nähe vom Platz der Republik unterwegs. „Ich wollte trauern“, sagte sie. Dazu war sie wie viele andere Menschen an diesem Sonntagabend zum kambodschanischen Restaurant „Le Petit Cambodge“, einem der Anschlagsziele, gekommen. Plötzlich rief jemand „Schießerei!“. Sie rennt und wird dann einige Meter von einem Auto mitgenommen. „Neben mir ist eine Frau gestürzt und ich habe ihr nicht geholfen“, sagt sie. „Ich mache mir immer noch Vorwürfe.“

“Noch ist es nicht sicher”

Ich war an diesem Abend vor die Tür gegangen, weil ich mir selbst ein Bild machen wollte. Ich fuhr dafür mit der Metro bis zur Haltestelle „Strasbourg Saint-Denis“. Von dort aus wollte ich ein paar Meter den „Boulevard Saint-Martin“ entlang laufen, am Platz der Republik vorbei bis zum Bataclan, um einen Eindruck von dem zu bekommen, was sich zurzeit hier in Paris abspielt. Sei vorsichtig schrieb mir eine Freundin noch.

Ich hatte gelesen, dass sich heute viele wieder auf die Straßen trauten und an diesem Tag unterwegs waren. „Pariser nehmen sich heute die Freiheit zurück“, wollte ich später schreiben und zeigen, wie stark hier alle sind und sich nicht unterkriegen lassen. Immerhin müssen wir ja irgendwie weitermachen. Ich machte ein Foto vom Karussell vor meiner Wohnung, in dem wieder Kinder saßen und lachten und stolz zu ihren Eltern schauten, die ihnen vom Rand aus zuwanken. Ich sah Jogger, die wieder selbstbewusst ihren Runden drehten und auch in der Metro war einiges los. Die Menschen lachten sogar. Vielleicht war meine Angst unbegründet, dachte ich mir. Es ist ja fast alles wieder beim Alten.

Doch es schien nur so. Es muss nur einer anfangen zu laufen und alles ist zurückgekehrt. All die Angst von Freitagnacht sitzt den Parisern wieder in den Knochen. Und ich frag mich, wann ich das nächste Mal so optimistisch wie heute einen Fuß vor die Tür setzen kann. Vielleicht war es naiv, rauszugehen. Vor allem an diesen Ort. Dabei waren heute schon so viele Menschen hier, um Blumen und Kerzen niederzulegen. Um zu zeigen, dass sie keine Angst haben und sich nicht einschüchtern lassen. Und um Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl auszusprechen. Vielleicht ist es das Schauerliche der Nacht, das die Menschen im Vergleich zu Sonnenschein und blauen Himmel am Nachmittages nervös macht.

Vor dem Café, in dem ich vorhin Zuflucht gefunden hatte, wechselte ich ein paar Worte mit einem Pariser, der mir sagte: „Bleib lieber noch ein paar Tage daheim, noch ist es nicht sicher.“

 

 

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