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Fanatisch

„Hooligans gegen Salafisten“ heißt die Organisation, die Ende Oktober gewaltsam in Köln protestierte. Hooligans verbindet man in der Regel mit Fußball. An diesem Sonntag marschierten sie gemeinsam mit Rechtsextremisten. Nach den Ausschreitungen in Köln nahm das Innenministerium Stellung und sprach von traditionellen Überschneidungen in dieser Szene. Was heißt das nun für die Fankultur? Natürlich ist nicht jeder Fußballfan ein Hooligan, geschweige denn ein Neonazi.

Das Institut für Fankultur der Universität Würzburg erforscht das Phänomen „Fan“ im gesellschaftlichen Kontext und lehnt explizit Vorverurteilung ab. Die Analyse beruht auf wissenschaftlichen Theorien. Eine These lautet, dass wenn der Fußballfan, nennen wir ihn Peter, in den Medien immer wieder als gewaltbereit dargestellt wird, zwei Dinge passieren können. Erstens könnte Peter, da er laufend als gewaltbereit  etikettiert wird, sich irgendwann denken: „Ok wenn das sowieso jeder denkt, dann fange ich jetzt eben auch an, mich zu prügeln. Schließlich wird das ja von mir erwartet.“ Ein anderes Szenario schlägt vor, dass Peter gewaltbereit ist, bevor er zum Fußballfan wird. Das bedeutet, er sucht nach einer Gruppe, die seine Einstellung teilt. Jemand erzählt ihm, dass Fußballfans gewalttätig sind. Daraufhin entschließt er sich, Fußballfan zu werden. So oder so verstärkt sich die Gewalt durch die „Etikettierung“, das ist der sogenannte Labeling-Approach.

Es gibt schließlich noch eine andere Seite der Fankultur, die im Alltag des Sportfans wesentlich präsenter ist, und das ist die positive Seite. Bestes Beispiel: Ein College-Football-Spiel in den USA. Und nicht nur irgendeins, sondern Berkeley gegen Stanford. „The big game“, die beiden größten Rivalen der Westküste im akademischen wie im sportlichen Bereich treten gegeneinander an. Vor dem großen Tag stimmen sich die Fans der UC Berkeley ein und zwar mit einem riesigen Lagerfeuer im Amphitheater auf dem Campus. Um die 10.000 sind gekommen. Die Band spielt, die Cheerleader tanzen, flammende Reden werden geschwungen, alle tragen Blau und Gold, niemand Rot, denn das ist Stanfords Farbe. Die Football-Spieler betreten die Bühne – tosender Applaus. „Ihr wisst es“, schreit das Stadion, „Was?“, fragen die Spieler, „erzählt es allen“ – „Was?“ – „erzählt der ganzen Welt, dass das hier Bären-Territorium ist!“. Oski, das Bären-Maskottchen des Teams tanzt im Takt.

Aber da sind auch noch ein paar andere Details: Auf der Spitze des Lagerfeuers steht der Stanford-Baum, die rote Stanford-Flagge wird mit abgebrannt, die Stichflamme ist blau. „Go Bears“, schreien die Studenten und recken die Fäuste in die Luft. Die Acapella-Gruppe tritt auf. Die Front-Sängerin trägt eine roten Schal. Die Menge buht für geschlagene zwei Minuten. Dann beginnt sie zu singen. Ein Schmäh-Lied auf die verhasste Privatuni auf der anderen Seite der San Francisco-Bay. Zum Schluss schmeißt sie den Schal ins Feuer, die Menge tobt. „Es ist, als würden die sich hier auf den Krieg vorbereiten“, bemerkt Elena, eine spanische Doktorandin. Auf der Bühne tanzt ein Coach wie ein Kinder-Animateur: Er zeigt die Bewegungen für einen Schlachtgesang, bei dem es darum geht, Stanford-Fans den Kopf abzuschlagen – paradox und martialisch.

Am nächsten Tag, wenn die Band im Sonnenlicht spielt, sieht die Welt aber schon wieder ganz anders aus. Alumni aus beiden Lagern begrüßen sich wie alte Freunde.

Bis auf ein paar „Zieh das rote T-Shirt aus“-Rufe gibt es kaum Schmähungen. „Besiegt Stanford“ und „Besiegt Berkeley“-Pullover-Träger gehen Hand in Hand zum Stadion. Im Studenten-Block des Stadions wird die Party von gestern Abend weitergefeiert. Sonst ist die Stimmung locker. Abgesehen vom dritten Viertel, als Berkeley gleich drei Touchdowns hintereinander gegeben und wieder aberkannt werden. Da ist sich das Stadion einig und singt lautstark „Ref you suck“, was in der Bedeutung ungefähr der Fan-Hymne „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ gleich kommt. Vier Stunden Football sind aber auch etwas anderes als 90 Minuten Fußball. Die vielen Pausen lassen die Partie und auch die Fans ein wenig zur Ruhe kommen. Als Berkeley – wie erwartet – mit 17:38 verliert, gibt es keinen Radau. Bei einer solchen Niederlage hätte man im Fußballstadion wohl so manch gestandenen Mann weinen und toben gesehen.

Die Fan-Identität ist in Berkeley trotz allem stark ausgeprägt. Fanartikel gibt es in allen Farben, Formen und Größen. Jeder trägt den Berkeley-Pulli oder die Cal-Cap, manche sind von Kopf bis Fuß mit dem Logo überzogen – jeden Tag. Vielleicht geht es auch weniger um den Sport als um die Universität in den USA. Im europäischen Fußball hingegen steht das runde Leder mit Sicherheit im Vordergrund, oder schleicht sich die Politik nun etwa doch ein? Einige Ultra-Gruppierungen begehren mittlerweile gegen den rechten Rand der Hooligan-Szene auf, andere unterstützen rechtes Gedankengut.

Massenkultur ist manchmal beängstigend und jeder Europäer weiß, dass sie durchaus sehr gefährlich werden kann. Trotzdem ist eine Generalisierung oder „Etikettierung“ nach dem Labeling-Approach wahrscheinlich nicht förderlich für einen positiven Einsatz der Gruppendynamik. Denn es bleibt dabei: Ein Fußballfan ist nicht zwingend ein Hooligan und ein Hooligan ist nicht zwingend rechtsextrem. Das Problem aber ist die Rechtsextremität. Das Symptom zu benennen, schafft die Ursache nicht aus dem Weg.

Foto: Kristina Peters

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