Die Wirtschaftskrise hat die portugiesischen Medien schwer mitgenommen. Investoren aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola nutzen die Gunst der Stunde und kaufen sich in immer mehr Medienkonzerne ein. Wirtschaftlich profitabel ist das nicht, das Ziel der Investoren ist ein anderes: Einfluss. Von Maria-Xenia Hardt Bis 1975 war Angola portugiesische Kolonie, und auch nach der Unabhängigkeit blieb die Entwicklung des Landes während 27 Jahren Bürgerkrieg hinter der Portugals zurück. Seit Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2002 und durch die Entdeckung von Ölvorkommen und einer Reihe anderer Bodenschätze haben sich die Kräfteverhältnisse zwischen Ex-Kolonie und „Mutterland“ jedoch grundlegend verschoben: Auf der einen Seite steht Portugal, ein von der Wirtschaftskrise schwer mitgenommenes Land, auf der anderen Seite Angola, dessen Bevölkerung zwar weiter größtenteils in Armut lebt, dessen schwerreiche Großinvestoren aber mit Macht auf den portugiesischen Markt drängen und sich dort in den Bankensektor, Energie- und Telekommunikationskonzerne einkaufen. Auch in der Medienbranche gewinnen angolanische Investoren immer mehr an Einfluss. Da ist zum einen ZON Multimédia, das zu 70 Prozent Isabel dos Santos, der Tochter des angolanischen Präsidenten, gehört und mit einem Marktanteil von fast 70 Prozent die Pay-TV-Landschaft Portugals dominiert. Da ist zum anderen die Newshold Media Group, an der die in Panama registrierte Firma Pineview Overseas mehrheitlich Anteile hält. Letztere wiederum gehört dem angolanischen Geschäftsmann Alvaro Sobrinho und seiner Familie. Newshold besitzt unter anderem die Wochenzeitung „Sol“, 15 % der des Medienkonzerns Cofina, der die auflagenstärksten Tageszeitung „Correio da Manhã“ und das Wirtschaftsblatt „Jornal de Negócios“ herausgibt sowie knapp zwei Prozent des Medienkonzerns Impresa, Herausgeber der einflussreichen Wochenzeitung „Expresso“. Außerdem hat Newshold bereits mehrfach Interesse am Kauf von RTP (Rádio e Televisão de Portugal), bekundet, sollte die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt des Landes privatisiert werden. Nicolau Santos, stellvertretender Chefredakteur beim „Expresso“, der auflagenstärksten Wochenzeitung Portugals, beobachtet die Entwicklungen argwöhnisch. Auch seine eigene Redaktion hat die angolanische Einflussnahme bereits zu spüren bekommen, doch so leicht lässt man sich beim Expresso nicht in die Knie zwingen. Ein Gespräch über das Spannungsfeld zwischen der Macht des Geldes und der Integrität des Journalismus. Die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte gibt’s im Video:  


  Fangen wir doch mit der Situation hier beim Expresso an: Wie groß ist der Einfluss angolanischer Investoren, und was ist für die Zukunft zu befürchten? Momentan hält Newshold Media nur knapp zwei Prozent von Impresa. Aber wir haben einen weiteren Teilhaber, die Ongoing-Gruppe, [eine private Investorengruppe aus Portugal, Anm. d. Red.] die um die 22 Prozent der Aktien besitzt und diese verkaufen will. Momentan haben daran nur angolanische Investoren Interesse angemeldet. Wir hoffen, dass es noch andere Interessenten geben wird, aber momentan ist das nicht der Fall. Wie sehr schlägt sich angolanischer Einfluss in Ihrem journalistischen Alltag nieder, obwohl angolanische Geldgeber beim Expresso momentan noch eine untergeordnete Rolle spielen? Eines der größten Probleme ist, dass wir keine Visa für Angola bekommen. Wenn wir dorthin reisen wollen, um zu recherchieren, werden wir einfach nicht ins Land gelassen. Wir haben einen Korrespondenten dort, einen Angolaner, aber dessen Arbeitsumstände sind natürlich auch nicht einfach. Er hat gute Drähte zu einigen wichtigen Leuten in Angola, aber es ist einfach schwierig, dort gute journalistische Arbeit zu leisten. Es gibt Grenzen, die er nicht überschreiten kann, um in Angola zu bleiben, um überhaupt am Leben zu bleiben. Natürlich haben wir auch einige andere Kontakte, einige unsere Redakteure kommen gebürtig aus Angola, aber insgesamt ist die Situation nicht einfach. Wir versuchen, das Beste draus zu machen. Welche Bedeutung haben portugiesische Medien in Angola? [caption id="attachment_463" align="alignright" width="300"]Journalist Nicolau Santos sieht den angolanischen Einfluss kritisch. Foto: Maria-Xenia Hardt Journalist Nicolau Santos sieht den angolanischen Einfluss kritisch. Foto: Maria-Xenia Hardt[/caption] Die Verkaufszahlen sind sehr gering, aber der Einfluss ist riesig. Alle Nachrichten, die wir in Portugal über Angola machen, werden dort wahrgenommen und haben Einfluss auf das Verhältnis der beiden Länder auf politischer Ebene. Letztes Jahr hatten wir beispielsweise folgende Situation: Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche über portugiesischer Konten gegen den Vizepräsidenten von Angola, Manuel Vicente, und andere politische Führungskräfte eröffnet. Wir haben darüber berichtet. Das hat dann gleich eine politische Krise zwischen Portugal und Angola ausgelöst. Wir wissen nicht, wie viel von den Anschuldigungen wahr sind, weil es sehr schwer ist, das zu beweisen, aber wenn wir nur über die Möglichkeit berichten, dass das stimmen könnte, kann das schon genug sein, um uns Visa für die Einreise nach Angola zu verweigern. Jede Kleinigkeit reicht aus, um eine staatspolitische Krise herbeizuführen. Welche Rolle spielt die Tatsache, dass es sich bei Angola um eine ehemalige Kolonie Portugals handelt? Das spielt eine riesige Rolle. Niemand außer den Angolanern interessiert sich für portugiesische Medien, weil die momentan einfach nicht sehr profitabel sind, aufgrund der generellen Wirtschaftskrise und der Medienkrise. Es ist kein besonders gutes Geschäft, in portugiesische Zeitungen zu investieren – aber darum geht es den Angolanern nicht, es geht ihnen darum, durch portugiesische Medien Einfluss in Portugal zu gewinnen, und zwar immer mehr. Letztes Jahr war die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTP im Gespräch, und die Angolaner sind die einzigen Interessenten. Und RTP ist sehr wichtig, die Programme werden von vielen Menschen geschaut – ich weiß nicht, was passiert, wenn angolanische Investoren RTP aufkaufen. In Portugal – so wie es in Deutschland auch sein wird – gibt es eine klare Trennung zwischen den Aktienbesitzern und den Journalisten, und wir haben Angst, dass sich das mit angolanischen Investoren ändern könnte. Gibt es in Angola eine andere Auffassung über die Rolle der Medien in der Gesellschaft? Ich denke ja. Die generelle Auffassung dort ist, dass die Medien das Land unterstützen müssen, und sie verwechseln Angola, das Land, mit der Regierung. Die Regierung zu kritisieren wird gleichgesetzt damit, Angola zu kritisieren. Angola bemüht sich zurzeit sehr, sich international ein neues Image zu verschaffen. In der Vergangenheit gab es viele Berichte über Korruption und diese Dinge, und die Angolaner versuchen derzeit, das Image des Regimes davon zu säubern. Und dazu brauchen sie Einfluss in den Medien, und zwar in den portugiesischen. Die Wirtschaftskrise in Portugal macht die Situation auch nicht gerade einfacher. Wir versuchen zu überleben und diese Situation zu überstehen und das ist nicht einfach. Die Tageszeitungen haben rückgängige Verkaufszahlen und Werbeeinnahmen brechen ein, das ist eine dramatische Kombination, und dann kommen die Angolaner und bringen Geld. Hat sich die Berichterstattung der Zeitungen verändert, nachdem angolanische Investoren sich dort eingekauft haben? Durchaus. Die Wochenzeitung „Sol“ hat zum Beispiel viel mehr Berichte über Angola, seit Newshold dort die Mehrzahl der Aktien hält, und zwar über alles – über angolanischen Fußball, angolanische Kultur, Jetset – unproblematische Themen. Ich glaube nicht, dass es diese Berichte ohne angolanischen Investor gäbe. Es bleibt abzuwarten, wie sich das in Zukunft entwickelt. Der Besitzer von Público [eine der meistverkauften portugiesischen Tageszeitungen, Anm. d. Red.] beispielsweise ist Belmiro de Azevedo, ein Unternehmer, der unter anderem auch die Supermarktkette Continente besitzt. Bisher ist er nicht in den angolanischen Markt gegangen, aber jetzt versucht er, den ersten Continente-Supermarkt in Angola zu eröffnen, und zwar in Zusammenarbeit mit Isabel dos Santos, der Tochter des angolanischen Präsidenten. Ich bin gespannt, was in der Zukunft bei Público passiert. Wie ich schon gesagt habe – die Angolaner verstehen nicht, dass eine Zeitung etwas gegen den Besitzer der Zeitung schreiben kann. Ja, die Trennung zwischen Aktienbesitzern und Journalisten. Genau. Wir haben hier bei Impresa [der Medienkonzern, zu dem der Expresso gehört, Anm. d. Red.] damit auch Erfahrung gemacht. Wir hatten ein Projekt in Angola, ein Wirtschaftsmagazin namens „Rumo“ [dt. „Kurs“ / „Richtung“, Anm. d. Red.], in Zusammenarbeit mit angolanischen Unternehmern. Das Ganze hat ein Jahr lang funktioniert. Dann haben wir in Portugal über die Ermittlungen gegen Manuel Vicente [Vizepräsident Angolas, Anm. d. Red.] berichtet, über die wir bereits gesprochen haben, und die Angolaner haben gesagt – finito, und das war's mit „Rumo“. Wie stehen die Portugiesen insgesamt dieser Situation gegenüber? Für die Bevölkerung generell ist das kein Thema. Portugiesische Unternehmer, die sich für den angolanischen Markt interessieren, haben sowieso keine Probleme mit Angola. Die stellen keine Fragen, die wollen Geschäfte machen. Auf politischer Ebene ist es dasselbe. Die Politiker wissen, dass Angola ein wichtiger Markt für portugiesische Exporte ist, Angola ist auf Platz vier der wichtigsten portugiesischen Handelspartner. Und natürlich investieren die Angolaner überall in Portugal – nicht in den Bau neuer Unternehmen, nein, sie kaufen sich in Banken, Medien, Firmen ein. Sie bringen nichts Neues nach Portugal, aber sie bringen Geld. Die portugiesische Regierung – und auch die Opposition, zieht es vor, still zu bleiben, nicht zu kritisieren. Warum interessieren sich die Portugiesen nicht für diese negative Einflussnahme von angolanischen Investoren, obwohl viele ja noch die Zensur in der portugiesischen Diktatur bis 1974 miterlebt haben? In Portugal haben wir ja Pressefreiheit, wir können den Premierminister Pedro Passos Coelho kritisieren und all das, und Angola ist weit weg, 7000 Kilometer. Sie bekommen mehr Einfluss, aber momentan können wir unsere Arbeit noch gut machen. Sie meinen hier beim Expresso? Ja, genau. Wir haben einen guten Boss. Mit „Rumo“ haben wir eben aufgehört, weil wir unsere journalistische Arbeit in Portugal nicht kompromittieren wollten. Es gibt diese Probleme, und es gibt wirtschaftliche Probleme für das Unternehmen, aber bisher können wir alles schreiben, unsere Arbeit machen – aber wer weiß, wie die Zukunft aussieht. Wenn die Angolaner noch mehr Einfluss bekommen, kann das ein Problem werden. Aktien zu kaufen ist die eine Sache, Einfluss auf Inhalte zu nehmen eine andere. Ich weiß nicht, was passieren wird, aber wir sind Journalisten und einige von uns haben schon während der Salazar-Diktatur als Journalisten gearbeitet, also denke ich, wir sind vorbereitet.

Feindliche Übernahme? Wie angolanische Investoren die Pressefreiheit in Portugal bedrohen

Die Wirtschaftskrise hat die portugiesischen Medien schwer mitgenommen. Investoren aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola nutzen die Gunst der Stunde und kaufen sich in immer mehr Medienkonzerne ein. Wirtschaftlich profitabel ist das nicht, das Ziel der Investoren ist ein anderes: Einfluss.

Von Maria-Xenia Hardt

Bis 1975 war Angola portugiesische Kolonie, und auch nach der Unabhängigkeit blieb die Entwicklung des Landes während 27 Jahren Bürgerkrieg hinter der Portugals zurück. Seit Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2002 und durch die Entdeckung von Ölvorkommen und einer Reihe anderer Bodenschätze haben sich die Kräfteverhältnisse zwischen Ex-Kolonie und „Mutterland“ jedoch grundlegend verschoben: Auf der einen Seite steht Portugal, ein von der Wirtschaftskrise schwer mitgenommenes Land, auf der anderen Seite Angola, dessen Bevölkerung zwar weiter größtenteils in Armut lebt, dessen schwerreiche Großinvestoren aber mit Macht auf den portugiesischen Markt drängen und sich dort in den Bankensektor, Energie- und Telekommunikationskonzerne einkaufen.

Auch in der Medienbranche gewinnen angolanische Investoren immer mehr an Einfluss. Da ist zum einen ZON Multimédia, das zu 70 Prozent Isabel dos Santos, der Tochter des angolanischen Präsidenten, gehört und mit einem Marktanteil von fast 70 Prozent die Pay-TV-Landschaft Portugals dominiert. Da ist zum anderen die Newshold Media Group, an der die in Panama registrierte Firma Pineview Overseas mehrheitlich Anteile hält. Letztere wiederum gehört dem angolanischen Geschäftsmann Alvaro Sobrinho und seiner Familie.

Newshold besitzt unter anderem die Wochenzeitung „Sol“, 15 % der des Medienkonzerns Cofina, der die auflagenstärksten Tageszeitung „Correio da Manhã“ und das Wirtschaftsblatt „Jornal de Negócios“ herausgibt sowie knapp zwei Prozent des Medienkonzerns Impresa, Herausgeber der einflussreichen Wochenzeitung „Expresso“. Außerdem hat Newshold bereits mehrfach Interesse am Kauf von RTP (Rádio e Televisão de Portugal), bekundet, sollte die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt des Landes privatisiert werden.

Nicolau Santos, stellvertretender Chefredakteur beim „Expresso“, der auflagenstärksten Wochenzeitung Portugals, beobachtet die Entwicklungen argwöhnisch. Auch seine eigene Redaktion hat die angolanische Einflussnahme bereits zu spüren bekommen, doch so leicht lässt man sich beim Expresso nicht in die Knie zwingen. Ein Gespräch über das Spannungsfeld zwischen der Macht des Geldes und der Integrität des Journalismus.

Die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte gibt’s im Video:


 


 

Fangen wir doch mit der Situation hier beim Expresso an: Wie groß ist der Einfluss angolanischer Investoren, und was ist für die Zukunft zu befürchten?

Momentan hält Newshold Media nur knapp zwei Prozent von Impresa. Aber wir haben einen weiteren Teilhaber, die Ongoing-Gruppe, [eine private Investorengruppe aus Portugal, Anm. d. Red.] die um die 22 Prozent der Aktien besitzt und diese verkaufen will. Momentan haben daran nur angolanische Investoren Interesse angemeldet. Wir hoffen, dass es noch andere Interessenten geben wird, aber momentan ist das nicht der Fall.

Wie sehr schlägt sich angolanischer Einfluss in Ihrem journalistischen Alltag nieder, obwohl angolanische Geldgeber beim Expresso momentan noch eine untergeordnete Rolle spielen?

Eines der größten Probleme ist, dass wir keine Visa für Angola bekommen. Wenn wir dorthin reisen wollen, um zu recherchieren, werden wir einfach nicht ins Land gelassen. Wir haben einen Korrespondenten dort, einen Angolaner, aber dessen Arbeitsumstände sind natürlich auch nicht einfach. Er hat gute Drähte zu einigen wichtigen Leuten in Angola, aber es ist einfach schwierig, dort gute journalistische Arbeit zu leisten. Es gibt Grenzen, die er nicht überschreiten kann, um in Angola zu bleiben, um überhaupt am Leben zu bleiben. Natürlich haben wir auch einige andere Kontakte, einige unsere Redakteure kommen gebürtig aus Angola, aber insgesamt ist die Situation nicht einfach. Wir versuchen, das Beste draus zu machen.

Welche Bedeutung haben portugiesische Medien in Angola?

Journalist Nicolau Santos sieht den angolanischen Einfluss kritisch. Foto: Maria-Xenia Hardt
Journalist Nicolau Santos sieht den angolanischen Einfluss kritisch. Foto: Maria-Xenia Hardt

Die Verkaufszahlen sind sehr gering, aber der Einfluss ist riesig. Alle Nachrichten, die wir in Portugal über Angola machen, werden dort wahrgenommen und haben Einfluss auf das Verhältnis der beiden Länder auf politischer Ebene. Letztes Jahr hatten wir beispielsweise folgende Situation: Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche über portugiesischer Konten gegen den Vizepräsidenten von Angola, Manuel Vicente, und andere politische Führungskräfte eröffnet. Wir haben darüber berichtet. Das hat dann gleich eine politische Krise zwischen Portugal und Angola ausgelöst. Wir wissen nicht, wie viel von den Anschuldigungen wahr sind, weil es sehr schwer ist, das zu beweisen, aber wenn wir nur über die Möglichkeit berichten, dass das stimmen könnte, kann das schon genug sein, um uns Visa für die Einreise nach Angola zu verweigern. Jede Kleinigkeit reicht aus, um eine staatspolitische Krise herbeizuführen.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass es sich bei Angola um eine ehemalige Kolonie Portugals handelt?

Das spielt eine riesige Rolle. Niemand außer den Angolanern interessiert sich für portugiesische Medien, weil die momentan einfach nicht sehr profitabel sind, aufgrund der generellen Wirtschaftskrise und der Medienkrise. Es ist kein besonders gutes Geschäft, in portugiesische Zeitungen zu investieren – aber darum geht es den Angolanern nicht, es geht ihnen darum, durch portugiesische Medien Einfluss in Portugal zu gewinnen, und zwar immer mehr. Letztes Jahr war die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTP im Gespräch, und die Angolaner sind die einzigen Interessenten. Und RTP ist sehr wichtig, die Programme werden von vielen Menschen geschaut – ich weiß nicht, was passiert, wenn angolanische Investoren RTP aufkaufen. In Portugal – so wie es in Deutschland auch sein wird – gibt es eine klare Trennung zwischen den Aktienbesitzern und den Journalisten, und wir haben Angst, dass sich das mit angolanischen Investoren ändern könnte.

Gibt es in Angola eine andere Auffassung über die Rolle der Medien in der Gesellschaft?

Ich denke ja. Die generelle Auffassung dort ist, dass die Medien das Land unterstützen müssen, und sie verwechseln Angola, das Land, mit der Regierung. Die Regierung zu kritisieren wird gleichgesetzt damit, Angola zu kritisieren. Angola bemüht sich zurzeit sehr, sich international ein neues Image zu verschaffen. In der Vergangenheit gab es viele Berichte über Korruption und diese Dinge, und die Angolaner versuchen derzeit, das Image des Regimes davon zu säubern. Und dazu brauchen sie Einfluss in den Medien, und zwar in den portugiesischen.

Die Wirtschaftskrise in Portugal macht die Situation auch nicht gerade einfacher.

Wir versuchen zu überleben und diese Situation zu überstehen und das ist nicht einfach. Die Tageszeitungen haben rückgängige Verkaufszahlen und Werbeeinnahmen brechen ein, das ist eine dramatische Kombination, und dann kommen die Angolaner und bringen Geld.

Hat sich die Berichterstattung der Zeitungen verändert, nachdem angolanische Investoren sich dort eingekauft haben?

Durchaus. Die Wochenzeitung „Sol“ hat zum Beispiel viel mehr Berichte über Angola, seit Newshold dort die Mehrzahl der Aktien hält, und zwar über alles – über angolanischen Fußball, angolanische Kultur, Jetset – unproblematische Themen. Ich glaube nicht, dass es diese Berichte ohne angolanischen Investor gäbe.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das in Zukunft entwickelt. Der Besitzer von Público [eine der meistverkauften portugiesischen Tageszeitungen, Anm. d. Red.] beispielsweise ist Belmiro de Azevedo, ein Unternehmer, der unter anderem auch die Supermarktkette Continente besitzt. Bisher ist er nicht in den angolanischen Markt gegangen, aber jetzt versucht er, den ersten Continente-Supermarkt in Angola zu eröffnen, und zwar in Zusammenarbeit mit Isabel dos Santos, der Tochter des angolanischen Präsidenten. Ich bin gespannt, was in der Zukunft bei Público passiert. Wie ich schon gesagt habe – die Angolaner verstehen nicht, dass eine Zeitung etwas gegen den Besitzer der Zeitung schreiben kann.

Ja, die Trennung zwischen Aktienbesitzern und Journalisten.

Genau. Wir haben hier bei Impresa [der Medienkonzern, zu dem der Expresso gehört, Anm. d. Red.] damit auch Erfahrung gemacht. Wir hatten ein Projekt in Angola, ein Wirtschaftsmagazin namens „Rumo“ [dt. „Kurs“ / „Richtung“, Anm. d. Red.], in Zusammenarbeit mit angolanischen Unternehmern. Das Ganze hat ein Jahr lang funktioniert. Dann haben wir in Portugal über die Ermittlungen gegen Manuel Vicente [Vizepräsident Angolas, Anm. d. Red.] berichtet, über die wir bereits gesprochen haben, und die Angolaner haben gesagt – finito, und das war’s mit „Rumo“.

Wie stehen die Portugiesen insgesamt dieser Situation gegenüber?

Für die Bevölkerung generell ist das kein Thema. Portugiesische Unternehmer, die sich für den angolanischen Markt interessieren, haben sowieso keine Probleme mit Angola. Die stellen keine Fragen, die wollen Geschäfte machen. Auf politischer Ebene ist es dasselbe. Die Politiker wissen, dass Angola ein wichtiger Markt für portugiesische Exporte ist, Angola ist auf Platz vier der wichtigsten portugiesischen Handelspartner. Und natürlich investieren die Angolaner überall in Portugal – nicht in den Bau neuer Unternehmen, nein, sie kaufen sich in Banken, Medien, Firmen ein. Sie bringen nichts Neues nach Portugal, aber sie bringen Geld. Die portugiesische Regierung – und auch die Opposition, zieht es vor, still zu bleiben, nicht zu kritisieren.

Warum interessieren sich die Portugiesen nicht für diese negative Einflussnahme von angolanischen Investoren, obwohl viele ja noch die Zensur in der portugiesischen Diktatur bis 1974 miterlebt haben?

In Portugal haben wir ja Pressefreiheit, wir können den Premierminister Pedro Passos Coelho kritisieren und all das, und Angola ist weit weg, 7000 Kilometer. Sie bekommen mehr Einfluss, aber momentan können wir unsere Arbeit noch gut machen.

Sie meinen hier beim Expresso?

Ja, genau. Wir haben einen guten Boss. Mit „Rumo“ haben wir eben aufgehört, weil wir unsere journalistische Arbeit in Portugal nicht kompromittieren wollten. Es gibt diese Probleme, und es gibt wirtschaftliche Probleme für das Unternehmen, aber bisher können wir alles schreiben, unsere Arbeit machen – aber wer weiß, wie die Zukunft aussieht. Wenn die Angolaner noch mehr Einfluss bekommen, kann das ein Problem werden. Aktien zu kaufen ist die eine Sache, Einfluss auf Inhalte zu nehmen eine andere. Ich weiß nicht, was passieren wird, aber wir sind Journalisten und einige von uns haben schon während der Salazar-Diktatur als Journalisten gearbeitet, also denke ich, wir sind vorbereitet.

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