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Flucht übers Mittelmeer

2016 sind in Italien so viele Flüchtlinge angekommen wie noch nie. Hauptsächlich Menschen aus Nigeria und Eritrea wagen die gefährliche Route über das Mittelmeer.

Die italienische Küstenwache hat seit langem alle Hände voll zu tun: Überfüllte Boote, vollgepackt mit Flüchtlingen erreichen jede Woche die italienischen Küsten. Dabei ist 2016 ein Rekordjahr, was die Flüchtlingszahlen in Italien angehen: Seit Jahresbeginn sind etwa 175.000 Menschen in Italien angekommen. Das ist mehr als je zuvor. Der bisherige Rekord lag 2014 bei insgesamt 170.100 Geretteten. Im Vergleich zu 2015 hat Italien dieses Jahr schon circa 20.000 Menschen mehr aufnehmen müssen. Die Flüchtlinge werden normalerweise auf dem Meer zwischen Libyen und Sizilien von der italienischen Küstenwache geborgen. In goldene Aluminiumfolien gehüllt erreichen sie dann italienisches Festland. Sie alle riskieren ihr Leben bei der Flucht, denn die Route über das zentrale Mittelmeer gilt als die gefährlichste. Statistisch gesehen überlebt einer von 47 den Fluchtversuch nicht, weil er auf der Überfahrt ertrinkt.

Italien: Nur wenige kommen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak

Die Flüchtlinge, die in Italien ankommen, stammen hauptsächlich aus Nigeria und Eritrea, aber auch aus Ländern wie Guinea, Gambia und der Elfenbeinküste. Nur wenige kommen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Über 70 Prozent der Flüchtlinge sind Männer. Viele von ihnen wollen eigentlich nicht in Italien bleiben – sie wollen lieber nach Deutschland oder Frankreich. Jedoch wird es immer schwieriger über die Grenzen der Nachbarländer zu kommen, da diese stärker kontrolliert werden. Deshalb ist die Zahl derer, die in Italien ihren Asylantrag stellen, erheblich gestiegen.
4.715 Menschen sind bereits dieses Jahr auf der Flucht umgekommen
In Griechenland dagegen stammt der größte Teil der Flüchtlinge – fast 90 Prozent – aus den Hauptfluchtländern: aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Auch wenn die Zahl der Bootsflüchtlinge in Italien gestiegen ist, gibt es dennoch im Vergleich zum Vorjahr einen enormen Rückgang der Gesamtanzahl der Geflüchteten. Grund dafür ist, dass in Griechenland die Flüchtlingsankünfte enorm gesunken sind. Zwar sind es noch fast genauso viele wie derzeit in Italien, jedoch hat sich hier die Lage deutlich entspannt: 2015 sind allein in Griechenland 857.000 Menschen angekommen.
Das Erschreckende – Insgesamt 4.715 Menschen sind bereits dieses Jahr bei der gefährlichen Überfahrt nach Italien oder Griechenland ums Leben gekommen. 2015 und 2014 starben dabei jeweils um die 1.500 Menschen weniger.

Italien fordert seit langem mehr Solidarität der EU

Italien fühlt sich mit der Flüchtlingskrise alleingelassen und sieht sich überfordert mit dem Flüchtlingszustrom. Der nun scheidende Ministerpräsident Matteo Renzi hoffte schon lange auf mehr Hilfe aus der EU. Renzi sagte noch im Oktober, sein Land könne eine ähnliche Zahl an Zuwanderern wie in diesem Jahr nicht noch ein weiteres Jahr verkraften. Die Obergrenze, die Italien verkraften kann, wird mit 150.000 beziffert.

Renzi hatte wegen der Weigerung anderer EU-Mitgliedstaaten zur Aufnahme von Flüchtlingen mit einem Veto gegen den EU-Haushalt gedroht. Besonders Staaten wie Ungarn, Tschechien oder die Slowakei kritisierte er wegen ihrer Weigerung, sich nicht beteiligen zu wollen. „Europa muss mit größerer Entschlossenheit für eine Verteilung der Flüchtlinge sorgen, als das in letzter Zeit der Fall war“, sagte Renzi im September mit Blick auf den Widerstand der Osteuropäer gegen eine EU-Verteilquote.
Insgesamt sollen rund 160.000 Flüchtlinge von Italien und Griechenland in andere EU-Staaten umgesiedelt werden. Etwa 27.500 sollen davon in Deutschland aufgenommen werden. Mit Flugzeugen aus Rom oder Athen werden die Flüchtlinge in die Bundesrepublik gebracht. Die EU-Vereinbarung stagniert jedoch, bisher soll nur eine kleine vierstellige Zahl an Flüchtlingen in ein anderes Land gebracht worden sein.

Bedingungen in den Erstaufnahmeländern müssen besser werden

Um die Flüchtlingsproblematik in den Griff zu kriegen, braucht es vor allem mehr Zusammenarbeit in der EU, da sind sich viele einig. Auf einer Konferenz in Rom über die Flüchtlingsproblematik in Italien, sagte Stefan Luft, Politikwissenschaftler der Universität Bremen außerdem: „Das erste, was man machen muss, ist die Bedingungen in den Erstaufnahmeländern zu verbessern. Das verhindert die Flucht nach Europa.“ Gerade Deutschland habe in Europa für Flüchtlinge eine hohe Anziehungskraft, da es den Ruf als Exportweltmeister genießt, ein politisch stabiles und sicheres Land ist und die sozialen Standards sehr hoch sind. Migration an sich könne man aber trotz allem nicht verhindern, meinte Marcus Engler, Migrationsexperte der UNHCR: „ Die Wissenschaft ist sich einig, dass man Migration nicht abschaffen kann. Aber man muss versuchen, sie zu steuern.“

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