Fotos: Ina Vollmer

Fotos: Ina Vollmer

Für immer Freunde

In keiner anderen holländischen Stadt ist die Befreiung der Niederlande von der deutschen Besetzung präsenter als in Wageningen. In dieser knapp vierzig tausend Einwohner kleinen Stadt erinnern Orte wie die Bevrijdingsstraat (Befreiungstaße) und die Bevrijdingskerk (Befreiungskirche) daran, wie hier vor genau 70 Jahren die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Dieser Tag wird alle fünf Jahre besonders fröhlich begangen, weil alle Niederländer dann frei haben. Die sonst eher beschauliche Stadt Wageningen gerät in den Ausnahmezustand. Nur etwa 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt verhandelten der kanadische General Charles Howard Foulkes und der deutsche Oberbefehlshaber Johannes Blaskowitz hier die Kapitulation der deutschen Truppen in den Niederlanden.

Auf mehreren Bühnen heizen Rocksänger dem Publikum ein. Jeder, der einen Balkon besitzt, lädt Freunde und Familie ein um den Tag mit gutem holländischem Bier zu begießen. Allerdings ist dieses Fest keineswegs exklusiv niederländisch. Ein für diesen Tag eingerichteter Shuttle-Service lädt eine internationale Busladung nach der nächsten vor den Toren der Stadt ab. Kanadischer Akzent mischt sich mit amerikanischen und Deutsch mit Niederländisch.

Ein kanadischer Geschichtslehrer ist angereist um sich an die Geschichte zu erinnern und nutzt den glücklichen Anlass, seine Freundschaft mit alten niederländischen Bekanntschaften zu pflegen. Er komme fast jedes Jahr für diesen Tag her geflogen, sagt er.

Deutschen mag diese Unbeschwertheit mit Hinblick auf den zweiten Weltkrieg seltsam vorkommen. An das Ende des Krieges wird mit Kranzniederlegungen und mahnenden Reden erinnert. Auch hier ist diese Art des Erinnerns ein wichtiger Teil der Festlichkeiten. So wird am Vortag im ganzen Land eine Schweigeminute für die Opfer des Kriegs eingelegt. Selbst in Restaurants werden Gäste gebeten, ihre Gabel und Messer für einen Moment wegzulegen.

 

Dafür ist der 5. Mai umso glücklicher. In Den Haag, Rotterdam und anderen Städten werden Feste veranstaltet. In Wageningen bildet eine Militärparade den Höhepunkt, die später auch in den Tagesthemen gezeigt werden wird. Kanadische, Niederländische, Belgische und Britische Veteranen werden bejubelt, Düsenjäger drehen Schleifen über den Köpfen der staunenden Zuschauer, Blumen werden geschwenkt und Hände geschüttelt. Ein ehemaliger Militär hält ein Schild mit der Aufschrift „Vrienden voor ewig“, für immer Freunde. Einigen Zuschauern schießen Tränen in die Augen.

„Für mich bedeutet dieser Tag so viel“, sagt Henri J. TenWestenend. „So viele Soldaten, Kanadier, Briten und Niederländer sind gestorben, damit ich mich nun frei bewegen kann.“ Sichtlich gerührt sagt Eástre Buurman: „Dieser Tag steht für das, was in der Vergangenheit passiert ist.“ Sie feiert heute auch noch ihren dreißigsten Geburtstag. Dass es an diesem Tag nicht nur um die Freiheit geht, sich überall hin zu bewegen, betont Mark Snyders aus der Nachbarstadt Arnhem. „Für mich ist es wichtig, dass wir dank dieses Tages frei denken und reden dürfen.“ So wie der alte Militär, mit seinem Schild der Freudschaft.

 

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