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Fußballfieber trotzt dem Terror – Ein Kommentar

Ein großes Turnier im eigenen Land, damit haben die Franzosen gute Erfahrungen gemacht.  Bei der Europameisterschaft 1984 und der Weltmeisterschaft 1998 holten die Männer in den blauen Trikots den Meistertitel auf heimischem Rasen. Beide Turniere von Anfang bis Ende geprägt von dem Stolz einer Nation, Gastgeber sein zu dürfen. Doch dieses Jahr war es anders. Dieses Jahr dominierte Sorge die Vorbereitungen der Europameisterschaft. Den gescheiterten Versuch der Attentäter von Paris, sich im Stade de France in die Luft zu sprengen, nahmen einige als böse Vorwarnung. Und trotzdem haben sie sich am Ende doch von dem Fußballfieber anstecken lassen.

Fast hätten sie es geschafft. Der Pokal zum Greifen nah und dann doch das Tor der Portugiesen in der 109. Minute. Bestürzung bei den Anhängern der „Equipe tricolore“ auf den Fanmeilen in Paris, Lyon, Marseille, Toulouse und den anderen Großstädten der Republik. Doch das ist vielleicht auch die gute Nachricht, denn immerhin sind sie da. Immerhin haben sie sich auf die Fanmeilen gewagt, in einen Menschenpulk aus tausenden von Fußballverrückten. Dabei sah es in den ersten Tagen der Meisterschaft so aus, als wolle bei den Franzosen gar keine richtige Stimmung aufkommen. Nur zögerlich dekorierten Restaurant- und Barbesitzer ihre Lokale mit Flaggen, um Gäste zu locken, Touristen vor allem, und durch die EM wenigstens ein bisschen Gewinn zu machen. Trotzdem denken sie an ihre Kollegen in den Pariser Bars, die am 13. November erschossen wurden. „Es könnte auch in so einer kleinen Bar wie der hier passieren. Man muss gar nicht auf die großen Fanmeilen, um sich der Gefahr auszusetzen. Das macht mir Angst“, sagte Kellnerin Clara Lumen noch vor dem ersten Spiel in einer Bar in Lyon.  Diese Angst konnten Politiker ihr und anderen Franzosen vorab nicht nehmen: „Dass wir absolut alle Kräfte mobilisiert haben bedeutet nicht, dass wir kein Risiko mehr haben;“ sagte Innenminister Bernard Cazeneuve in der Woche vor dem ersten Anpfiff.

Die, die trotzdem von Anfang an auf den Straßen Frankreichs mitmischen und jubeln wollten, bekamen einen zusätzlichen Dämpfer. Die Übergriffe von betrunkenen Hooligans, egal welcher Nation, vermiesten die Laune. Dass es manchen doch gelungen war, Pyrotechnik in die Stadien zu schmuggeln werteten sie als Indiz für mangelnde Sicherheitskontrollen. Das Ergebnis: Gerade in Marseille blieb die Fanmeile fast leer.

Und dann kamen die kleinen Mannschaften, die Isländer und Waliser und haben die Angst der Franzosen vergessen gemacht. Ohne Furcht bevölkerten sie die Bars und Public Viewing Plätze der Republik, trotzten dem Terror mit ihrer guten Laune, ihren Wikinger-Rufen. Die Franzosen lassen sich mitreißen, feiern, schauen sich den isländischen Schlachtruf ab, singen die „Marseillaise“ auch während des Spiels. Nach dem Sieg gegen Deutschland ist das Land im absoluten Freudentaumel.

Jetzt, nach dem Finale ist die Stimmung wieder schlecht. Jetzt behaupten die Franzosen wieder, sowieso nie zu ihrer Mannschaft gehalten zu haben. „Ils sont nuls“, „Sie können gar nichts“, heißt es oft. Das ist aber typisch für dieses Land, in dem irgendwie jeder gerne mal meckert. Wichtiger aber: Diese „Nichtskönner“ haben für ihre Landsleute einiges getan. Sie haben sie in Bars und Restaurants gelockt, auf Fanmeilen und in Stadien, ungeachtet der vielen Menschen, dem Quäntchen Risiko, das immer bleibt. So haben sie geholfen, die Angst vor neuen Anschlägen vielleicht nicht zu überwinden, aber wenigstens besser beiseiteschieben zu können.

 

 

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