Patarai-Aufgang Foto: Dreisbach

Patarai-Aufgang Foto: Dreisbach

Gebaut, um zu überdauern

In Patarei frieren Körper und Seele. Unter dem abgebröckelten Putz in den Zellen und in den langen Fluren liegen die Backsteinmauern frei. Die Farbe blättert in handtellergroßen Stücken von den Wänden. Weiß, gelb, rosafarben, dunkelgrau, die letzte giftgrün. Der Schimmel malt Blumen. Wenn es regnet, stehen Pfützen im obersten Stockwerk. In einem Raum des ehemaligen Patarei-Gefängnisses in Tallinn hängen noch die Spitzengardinen, vor das vergitterte Fenster mit Meerblick ist ein Stuhl gerückt. In einigen Zellen sind die Betten noch bezogen, die weiße Bettwäsche ist grau geworden mit den Jahren. In die Wände haben Gefangenen einst Striche eingeritzt, ihr Kalender für die Zeit in diesem menschenunwürdigen Bau.

Kadi Pilt berührt ohne zu zögern die verrosteten Türklinken. Seit zweieinhalb Jahren ist die 46 Jahre alte Estin einmal in der Woche im Patarei-Gefängnis, führt Besucher und begleitet Zeitzeugen, wenn sie sich die Stätte ihrer Leiden noch einmal anschauen. Hauptberuflich arbeitet Pilt am Institut für Geisteswissenschaften der Universität. „Ich sammle Geschichten“, sagt Pilt. Sie sei kein Tourgide, sondern Forscherin.

Einer der schöneren Orte des Rundgangs ist die Bibliothek. Sie war einst der gemütlichste Raum des Gefängnisses, hier gab es Sessel und Teppiche, sonst allenfalls in den Zimmern der Wärter. Auf einfachen Holzregalen liegen Bücher auf Russisch und Estnisch, nur noch einige Dutzend, die anderen haben Besucher mitgenommen, wie so vieles. „Dieser Ort verändert sich ständig“, sagt Pilt. Sie findet das traurig. An eine Wand im Flur ist eine Figur gezeichnet, knallrote Pumps, weißes Kleid, wehender Rock; Marylin Monroe – mit Hitlers Gesicht. Im Erdgeschoss ist eine Madonna mit Kind in einer winzigen Zelle an die Wand gemalt, mit einem Heiligenschein aus Schimmelflecken. Einige Räume sind von Künstlern gestaltet worden, mit Erlaubnis der Behörden. Kadi Pilt hält nichts davon. Für sie ist damit die Kunst zerstört worden, die die Zeit hier geschaffen hat.

Als Wasserfestung erbaut in der Zeit, als Estland zu Russland gehörte, war 1840 der Bau nach zwölf Jahren beendet. Schon damals war die Festung unwirtlich, feucht, nicht für Menschen gemacht. Die hier untergebrachten Soldaten erkrankten an Tuberkulose. In den Jahren des estnischen Unabhängigkeitskrieges von 1918 bis 1920 wurde die Festung zum ersten Mal als Gefängnis genutzt, von 1941 an war es für vier Jahre Arbeits- und Konzentrationslager der Nazis,
danach Sowjet-Gefängnis. In dieser Zeit waren bis zu 5.000 Menschen für Wochen oder Monate hier eingekerkert, die meisten von ihnen verschwanden in sibirischen Gulags. Nach Loslösung des Landes von der Sowjetunion 1991 war Patarei noch elf Jahre estnische Haftanstalt. Heute ist sie Zeugnis des Wandels, für einen kleinen Obolus können Besucher auf eigene Faust durch das verfallende Gebäude streifen.

In der Küche stapeln sich Teller neben einem rostigen Abtropfgitter, die Holzbretter haben grüne Flechten angesetzt. Der Sicherungskasten ist leer. In diesem Teil des Gefängnisses gibt es keinen Strom mehr, er darf im Gegensatz zum Rest nur mit einer Führung betreten werden. Der Putz, der von den Wänden auf die Ablage gebröckelt ist, sieht auf der Arbeitsplatte aus wie Mehl. Kurz vor der Schließung des Gefängnisses im Jahr 2002 – damals gab es noch 1200 Gefangene – hätte man in weißen Socken den Gang heruntergehen können, und sie wären weiß geblieben, sagt Pilt. Inzwischen hat sich das geändert. In der verlassenen Krankenstation liegt eine Spritze in einer Nierenschale unter der altmodischen OP-Lampe. Der Stuhl im weiß gekachelten Raum könnte aus einem Horrorfilm stammen. Im Gefängnisalltag war es wie Urlaub, in den Krankenflügel zu kommen: Die Häftlinge wurden gut behandelt, bekamen ordentlich zu essen und konnten für ein paar Tage der Enge ihrer Zelle entkommen.

Die Metall-Hochbetten in den Zellen sind grün angelaufen, 16 Stück stehen dicht an dicht aneinander. Sie nehmen gut die Hälfte der Zelle ein, in der zu Sowjetzweiten bis zu 40 Männer lebten. Die Neuzugänge mussten hinten neben dem stinkenden Abtritt schlafen. Oft kam es nachts zu Hierarchiekämpfen in den Zellen, im schlimmsten Fall war am nächsten Morgen ein Gefangener tot.

Ein „Höllenloch“ nennt Kadi Pilt das Patarei-Gefängnis. Das klingt aus ihrem Mund fast liebevoll. „Es wurde gebaut, um zu überdauern“, sagt sie anerkennend. Heute liegt es im Viertel Kalamaja, das Pilt als „extrem gentrifiziert“ beschreibt. Die Balkone der Neubauten, die an der frisch geteerten Straße liegen, blicken auf die Trutzburg mit zwei Meter dicken Wänden.

Seit 2007 ist Patarei ein „Kulturpark“. Am beliebtesten ist der als „Prison Bay“ ausgewiesene Strand, der schmale Streifen Sand zwischen den Mauern und dem Meer. In einem kleinen Café können Besucher auf Bierbänken sitzend Kaffee und Kuchen zu sich nehmen. In Liegestühlen können sie die Eindrücke aus dem dunklen Gefängnis in ihrem Rücken verarbeiten, mit Blick aufs Meer durch den Maschendrahtzaun. Dieser Blick war den Gefängnisinsassen seit 1980 verwehrt. Seinerzeit waren alle Fenster zur See mit Stahlplatten verschlossen worden – damit die Häftlinge nicht während des nach Tallinn ausgelagerten Segelwettbewerbs der Olympischen Spiele in Moskau Signale an ausländische Seeleute schicken konnten. Nach den Spielen ließ man die Platten einfach dran, für die nächsten 22 Jahre hockten Hunderte ohne Tageslicht in ihren Zellen. Heute feiertn abends am Strand junge Esten und Touristen, ihnen gefallen der Charme des Verfalls und der Schauder, der ihnen beim Anblick des Gebäudes über den Rücken läuft. Von Mai bis September ist Patarei für Besucher, die das Gefängnis auf eigene Faust erkunden möchten, geöffnet. Führungen gibt es das ganze Jahr.

Pilt nennt den Ort „böse“, zugleich aber auch „vollkommen friedlich“. Sie zuckt nicht einmal, als während der Führung ein Stück Putz von der Decke poltert und die Besucher aufschreien. Auch in den stockdunklen Fluren bewegt sie sich ohne Zögern im Lichtkegel der Taschenlampe, selbst nachts ist ihr der Ort nicht unheimlich. „Einheimische sagen, Patarei werde von Gespenstern heimgesucht, aber das stimmt nicht. Die Leute wollen diese Geschichten. Es gibt hier keine Geister.“

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